Konsum
Mit Karte zahlen – auf Borkum nicht überall gern gesehen
Kontaktloses Bezahlen auch kleiner Beträge war in Hochzeiten der Pandemie gefragt. Auf Borkum wird das teilweise kritisch gesehen – obwohl immer mehr Kunden mit Karte, Uhr oder Handy zahlen wollen.
Borkum/Ostfriesland - Ob im Schuhgeschäft, beim Bäcker oder im Supermarkt: Kunden zahlen immer häufiger mit Karte. Der Trend geht eindeutig zum bargeldlosen Zahlen – doch auf Borkum ist das nicht überall möglich. Was spricht für und was gegen die bargeldlose Kasse? Wir haben Einzelhändler und Experten gefragt.
Immer mehr Kunden zahlen mit Karte
Marcel Rieder, Partner der Geschäftsführerin des Seifenladens „grün&wertvoll“ auf Borkum, ist für die Buchhaltung des Lädchens zuständig, das auf bargeldloses Zahlen setzt. „Bei uns kann alles mit Karte gezahlt werden, auch Beträge von zwei Euro“, sagt er – und das werde immer mehr angenommen. Nach Angaben von Rieder seien im Eröffnungsjahr des Geschäfts 2015 nur zehn bis 15 Prozent der Zahlungen mit Karte abgewickelt worden, in diesem Jahr seien es 50 Prozent gewesen. „Es hat alles seine Vor- und Nachteile“, sagt er. Seiner Meinung nach müsse man mit dem Zeitgeist gehen und diesen Service für Kunden anbieten. „Wir haben auch gemerkt, dass viele Kunden mehr Umsatz dalassen, wenn sie mit Karte zahlen“, so der Betriebswirt.
Dennoch könnte es für kleinere Läden schwierig sein, wenn sie wirklich auf jeden Cent angwiesen sind, meint Rieder. „Das Geld kommt ja erst mit einigen Tagen Verzögerung auf das eigene Konto – wenn man es sofort benötigt, ist das ein Problem“, sagt Rieder. Es gebe auch Läden auf der Insel, die generell keine Kartenzahlung anböten. „Vor allem Gäste aus den Niederlanden sind davon total irritiert, die zahlen nämlich erfahrungsgemäß alles mit Karte.“ Das Argument, die Gebühren seien unverhältnismäßig hoch und deshalb ginge die Kartenzahlung erst ab zehn Euro, kann Rieder nicht nachvollziehen. „Es kommt natürlich darauf an, mit welchem Anbieter man zusammenarbeitet. Wir haben sehr faire Konditionen, muss ich sagen.“
„Das ist schlichtweg Kundenservice“
Im Markant Markt auf der Insel ist das bargeldlose Zahlen nicht mehr wegzudenken. „Letztes Jahr lagen wir noch bei 50/50“, sagt Inhaber Detlef Perner. Dieses Jahr hätten zum ersten Mal die Bargeldlos-Zahlungen überwogen. „Wir sind jetzt bei 60 Prozent bargeldlos angekommen“, sagt er. Selbst Kleinstbeträge würden von immer mehr Kunden mit Karte gezahlt werden und auch die Nachfrage nach Zahlung per Handy oder Uhr nehme zu. „Aber der Großteil nimmt die EC-Karte“, sagt er. Es sei für ihn selbstverständlich, die bargeldlose Zahlung anzubieten. „Das ist schlichtweg Kundenservice“, sagt er. Für ihn sei weniger Bargeld auch eine Arbeitserleichterung. „Geld kostet Geld“, findet er. Er könne sich sogar vorstellen, irgendwann komplett auf Bargeld zu verzichten. „Dann müssen keine Kassenabrechnungen mehr gemacht werden, wir bräuchten keine Münzrollen mehr, als Unternehmer würde ich das begrüßen.“
Doch manchen macht der Gedanke einer bargeldlosen Welt Sorgen. Andree Ebner, Inhaber der Süßen Boutique auf Borkum, steht dem Ganzen kritisch gegenüber. Bei ihm im Laden können Kunden ab zehn Euro dennoch mit Karte zahlen. „Aus geschäftlicher Sicht muss man das anbieten, was der Kunde will“, sagt er. Dabei stelle er fest, dass besonders jüngere Familien immer weniger auf den Schutz ihrer Daten bedacht seien. „Die sind teilweise so nachlässig und hinterfragen nichts. Und sie werden es wohl erst merken, wenn es zu spät ist“, meint er. Ältere Leute seien da etwas kritischer. „Bargeld ist die einzige Freiheit, die wir noch haben“, sagt Ebner. Er halte es für fatal, dass immer weniger bar bezahlt werde. „Ohne Bargeld sind wir aufgeschmissen – wenn alles digital läuft und dann kommt ein Hacker oder ein Stromausfall, gute Nacht“, so Ebner.
Freiheit eingeschränkt
Außerdem denke er dabei auch an die sozial Schwachen. „Ein Obdachloser auf der Straße, der nach Geld fragt, hat ja auch kein Kartenlesegerät dabei.“ Er könne es nachvollziehen, dass manche Läden auf der Insel gar keine Kartenzahlung anbieten. „Als Serviceleistung sollte man es aber meiner Meinung nach schon machen, es darf nur nicht zu einseitig werden. Komplett bargeldlos, das ist gefährlich“, sagt der Inhaber.
Eine Mitarbeiterin im Sanddornhus, die nicht namentlich genannt werden möchte, wünscht sich ebenfalls, dass das Bargeld noch lange bleibt. „Ich persönlich mag diese Überwachungsmöglichkeiten durch das bargeldlose Zahlen nicht“, sagt sie. Sie fühle sich dadurch in ihrer Freiheit eingeschränkt. Im Sanddornhus ist eine Kartenzahlung erst ab zehn Euro möglich. „Das ist aber kein Problem, man macht drei Schritte zur Sparkasse und zahlt dann bei uns bar“, sagt die Mitarbeiterin. Das würde auch den Kunden nicht stören.
Weniger Bargeldabhebungen in der Sparkasse
Der Trend zum bargeldlosen Bezahlen sei auch in den Filialen der Sparkasse Leer-Wittmund spürbar gewesen, erklärt deren Pressesprecher Carsten Mohr: „Im März 2020, dem ersten Lockdown-Monat, sind die Bargeldabhebungen im Vergleich zum März des Vorjahres um rund 25 Prozent gesunken.“ Die geringen Bargeldabhebungen hätten sich im ganzen ersten Corona-Jahr fortgesetzt. Die Bereitschaft, bargeldlos zu zahlen, sei gravierend angestiegen. Zahlungen mit der Karte, dem Smartphone oder der Smartwatch seien um mehr als 50 Prozent gewachsen, so Mohr.
Der Trend zu weniger Bargeldabhebungen habe sich dieses Jahr fortgesetzt, so Carsten Mohr: „Im Februar lag der Rückgang bei nahezu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.“ Das habe man in den Summen, die abgehoben wurden, jedoch kaum gesehen. „Ein Zeichen dafür, dass in den Lockdown-Zeiten die Automaten seltener genutzt wurden, dafür aber mehr Geld abgehoben wurde“, so der Pressesprecher der Sparkasse Leer-Wittmund. „Wurden 2019 noch rund 553 Millionen Euro abgehoben, waren es im Coronajahr 2020 immerhin noch knapp 500 Millionen Euro“, so Mohr. Für das laufende Jahr rechne er mit ähnlichen Zahlen. Seit März und den Lockerungen stiegen die Abhebungen wieder, allerdings lägen sie deutlich unter den Werten von vor der Pandemie. Ähnliche Beobachtungen macht Björn Nauschütt, Prokurist der Ostfriesischen Volksbank mit Sitz in Leer. „In jeder Welle sank die Bargeldanfrage, bei Lockerungen stieg sie wieder“, sagt er.
Auch wenn die Thematik des bargeldlosen Bezahlens durch die Krise stärker in den Vordergrund gerückt sei, nimmt Mohr an, dass das Bargeld noch längere Zeit bleibe: „Der Ostfriese hat nach wie vor gerne Bares in der Hand.“ Das lasse sich auch aus den Summen der bisherigen Bargeldabhebungen ablesen.