Osnabrück
„Wir müssen die Menschen wieder für Sport begeistern“
Der Osnabrücker Mediziner Martin Engelhardt gilt als einer der energischsten Kritiker von DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Im Interview kritisiert er eine mangelhafte Debattenkultur und spricht über seine Vorstellungen für eine sportliche Reform im ganzen Land.
Herr Professor Engelhardt, aktuell gibt es eine Debatte über die Ausrichtung und die Strukturen des deutschen Leistungssports. Ausgelöst wurde sie durch den mageren Medaillenertrag in Tokio. Aber war es nicht ohnehin höchste Zeit, diese Diskussion zu führen?
Ich bin seit über zwei Jahren der Auffassung, dass wir im deutschen Sport mehr miteinander reden und diskutieren müssen - und in der ein oder anderen Sache auch mehr streiten müssen. Wir müssen um den besten Weg ringen. Das ist doch der Vorteil unserer Demokratie.
Die fehlt aus Ihrer Sicht im deutschen Spitzensport?
Generell fehlt eine offene Diskussion. Von der Führung her ist man der Meinung, das muss alles intern in kleinen Runden hinter verschlossenen Türen gemacht werden. Nach außen will man das heile Bild abgeben. Aus meiner Sicht ist das aber ein unrealistisches Bild. Auch deshalb hat der Sport ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Woran machen Sie das fest?
Das zentrale Beispiel war die Ablehnung der Bewerbung um die Olympischen Spiele in Hamburg, einer der sportfreundlichsten Städte in Deutschland. Damit hätte niemand gerechnet. Das muss uns doch zu denken geben, dass die Bevölkerung nicht genügend Vertrauen in die Sportführung hat und dass wir ein Problem in der Ausrichtung des Sports haben. Wir haben in den letzten Jahrzehnten die Aktivitäten des Amateursports und des leistungsorientierten Breitensports vernachlässigt. Und auch im Bereich des Leistungssports gibt es unterschiedliche Einschätzungen, ob wir zielführend gearbeitet haben.
Wie meinen Sie das?
Wir haben einzelne Verbände, die gut aufgestellt sind und in hoher Eigenverantwortung alles dafür tun, dass ihre Sportler große Erfolge erzielen. Wir haben gute Einheiten, die den Hochleistungssport unterstützen, aber das ist nicht ausreichend, wenn wir nicht wieder einen größeren Anteil der Bevölkerung zum Sport bringen und für den Sport begeistern. Wir müssen vor allem Kinder und Jugendliche wieder zielgerichtet und gut ausbilden. Da fehlt es. Offen ansprechen müssen wir auch, dass der Zugang für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Haushalten nicht in allen Sportarten gegeben ist. Das muss man auch in der reichen Bundesrepublik eingestehen. Hier müssen wir die Einstiegshöhen kleiner machen.
Wie kann die Begeisterung wieder entfacht werden?
Wir müssen den Nutzen des Sports für jeden Einzelnen deutlicher machen. Kinder und Jugendliche profitieren maximal in der körperlichen und geistigen Entwicklung vom Sport, im Aufbau einer selbstbewussten Persönlichkeit. Ich wäre sicher nie ärztlicher Direktor geworden ohne die Sozialisation im Sport.
Was hat diese Ihnen am meisten gebracht?
Im Sport lernt man, sich anzustrengen, mit Niederlagen umzugehen. Man lernt, dass es viel Ausdauer und Einsatz benötigt, um Erfolg zu haben. Mir hat der Sport gerade auch in der Verbandsarbeit viele Möglichkeiten geboten, Demokratie auszuprobieren. Der Sport bietet ideale Lernfelder für das Leben.
Wo sehen Sie Ansatzpunkte, dies wieder zu stärken?
In den Schulen. Hier muss der Stellenwert des Sports wieder erhöht werden. Es ist fast schon skandalös, dass in den meisten Schulen die Leistungssportler Nachteile haben, statt Anerkennung zu erhalten. Ich habe früher einen Tag freibekommen, wenn ich für einen Wettkampf unterwegs war. Heute bekommen die Jugendlichen oft Ärger. Dabei sollten die Schulen stolz sein, dass Jugendliche sich anstrengen.
Wie kann man das wieder aufbauen?
Man muss eine große Ausdauer mitbringen und sich abstimmen mit den politisch verantwortlichen Ebenen - von der Kommune bis zum Bund. Die Politik muss das genauso erkennen und wollen. Man muss bereit sein, Sportlehrer zu fördern, und Trainern, die als hochklassige Sportler tätig waren, die Möglichkeit geben, an der Basis zu arbeiten und Begeisterung für den Sport zu entfachen. Die Schüler müssen wieder das Gefühl bekommen, es ist cool, Sport zu treiben - isses ja auch!
Das Vertrauen muss aber auch auf anderen Ebenen wiederhergestellt werden.
Das stimmt. Mal abgesehen von der Dopingproblematik, zieht sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, dass sexualisierte Gewalt und Kindesmissbrauch stattgefunden haben. Da ist der Sport nicht ausgenommen. Das muss man sauber aufarbeiten und dafür sorgen, dass Eltern keine Angst haben müssen, wenn sie ihre Kinder in den Sportverein geben. Da müssen wir auch positive Dinge gegensetzen. Das fängt beim Personal an. Das muss sicherlich nicht alles richtig machen, aber zumindest so vorbildlich sein, dass alle anderen Vertrauen zum Führungspersonal gewinnen können.
Das Vertrauen in die Person an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes ist seit Längerem erschüttert. Alfons Hörmann zieht die Konsequenz und tritt im Dezember von seinem Amt zurück.
Die Entscheidung halte ich für absolut richtig. Jetzt geht es darum, ein Team zu finden, das in der Lage ist, die doch sehr unterschiedlichen Interessen im deutschen Sport wieder zusammenzuführen.
Im Frühjahr haben Sie die Ära Hörmann als einen „Tiefpunkt“ des deutschen Sports bezeichnet. Wie kommen Sie zu der Einschätzung?
Da wäre zunächst einmal der fehlende wertschätzende Umgang mit anderen Menschen, Andersdenkenden. Das wurde auch in dem anonymen Brief der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im DOSB deutlich, der alles ins Rollen gebracht hat. Wenn ein System der Angst besteht, ist das für einen gesellschaftlichen Akteur wie den Sport, der für positive Werte steht, inakzeptabel.
Bei der letzten Wiederwahl Hörmanns waren Sie der einzige Gegenkandidat.
Das sagt doch vieles aus. Damals gab es ja auch schon Kritik, aber viele haben nicht den Mut aufgebracht zu kandidieren. Nicht weil sie Angst davor hatten, dass sie nicht die Stimmenmehrheit bekommen, sondern weil sie befürchtet haben, dass ihr Verband abgestraft wird und bei der Bezuschussung Nachteile erfährt, wenn sie es nicht schaffen. Da muss ein anderer Umgangsstil geprägt werden.
Was wäre aus Ihrer Sicht wünschenswert?
Dass jeder Kritik äußern darf und man versteht, dass jede Kritik auch eine Chance bedeutet, etwas besser zu machen. Dazu gehört, dass man bereit ist, sich mit Andersdenkenden auch einmal an einen Tisch zu setzen. Die Streitkultur fehlt.
Haben Sie nach Ihrer Kandidatur 2018 Nachteile erfahren?
Nein, aber ich habe aus dem Bundesinnenministerium einen Hinweis bekommen, dass man darauf achten wird, dass meinem Verband kein Nachteil entsteht. Allein das stimmt einen doch nachdenklich.
Sie fordern einen kompletten Neuanfang. Welche Rolle können Sie dabei spielen?
Meine Rolle sehe ich in erster Linie darin, Dinge mutig zu benennen und weiterhin Verbesserungen einzufordern. Das wird vermutlich dazu führen, dass ich dann nicht direkt an dem Neuanfang beteiligt bin. Vielen Leuten gefällt nicht, dass ich gewisse Sachen öffentlich anspreche. Sie würden solche Gespräche lieber in Hinterzimmern führen. Aber ich hoffe, dass ich so dazu beitragen kann, dass manche Leute erkennen: Wir müssen einen Neuanfang wagen.
Wie kann der aussehen?
In erster Linie, indem wir nach der Wahl auf die Politik zugehen und ein langfristiges Sportprogramm für die Bevölkerung auf den Weg bringen. Das ist auch das Ziel vieler Präsidentenkollegen aus den Spitzenverbänden. Wir müssen die Menschen mitnehmen und ihnen zeigen, was es für einen Wert für sie hat, Sport zu treiben. Dabei müssen wir auch aktuelle oder ehemalige Spitzenathleten offensiv einladen, sich einzubringen. Gerade bei der Athletenvertretung Deutschland gibt es viele gute Ideen.
Zuletzt wurde in den Spitzensport immer mehr Geld gepumpt in der Hoffnung, so Erfolg zu generieren. Ein Weg, der gescheitert ist.
Das hat die Entwicklung in der Leistungsbilanz ja gezeigt, dass man sich sportlichen Erfolg nicht kaufen kann. Manche Länder kaufen sich gute Athleten, manche erkaufen sich über Dopingnetzwerke Erfolg. Aber das sind ja Dinge, die wir in unserer Gesellschaft nicht wollen. Uns bleibt also nur der Weg, dass wir eine möglichst große Zahl von Menschen zum Sport bringen, dass wir eine große Zahl von Trainern haben, die Talente sichten und positiv verstärken, und dass wir nicht nur stur auf die Leistung schauen. Die kommt schon bei entsprechender Leistung der Trainer von allein. Aber wir müssen die Basis breit machen, dass wir die Anzahl der Talente besser rekrutieren.
Gibt es denn aktuell eine Gruppe innerhalb des Spitzensports, die einen Neuanfang konzipiert?
Ja. Wir, also die Spitzenverbände, haben eine gewählte Führung unter dem Sprecher Ingo Weiss, die in Zusammenarbeit mit den Landessportbünden drei Arbeitsgruppen gebildet hat, in denen es um Zielstellung, Struktur und Personalfindung geht. Leider sind aus meiner Sicht hier keine Leute eingeladen worden, die zuletzt Kritik geäußert haben. Wir werden da bald sicher Arbeitsergebnisse bekommen, aber viele Präsidenten der Spitzenverbände hätten sich gewünscht, mehr eingebunden zu sein.
Ist fehlende Transparenz ein Problem des Sports?
Auf jeden Fall. Häufig erfährt man Dinge erst auf zigfaches Drängen. Wobei viele Details in solchen Gruppen ohnehin nach außen dringen. Warum macht man es dann so geheim? Wenn man Vertrauen aufbauen will, muss man bereit sein, auch kritische Leute mit einzubinden.
Zumal es um eine Neuausrichtung geht.
Es ist ja keine routinemäßige Wahl. Es hat einen Knall gegeben, und wir haben eine besondere Situation, in der die Beteiligten das Recht haben, eingebunden zu werden. Viele Verbände haben zuletzt vielfach vom DOSB erlebt, dass sie mit bestimmten Problemen alleingelassen wurden, und haben zumindest intern gesagt: Das nehmen wir selbst in die Hand. Oft waren es diese Verbände wie etwa der Reitsport, die erfolgreich waren. Innerlich haben die sich aber vom DOSB verabschiedet. Das ist Realität. Und darüber muss man kritisch nachdenken.
Reizt es Sie nicht doch zu kandidieren?
Natürlich. Ich bin ja mit Herzblut dabei. Das heißt aber nicht, dass ich ständig danach fiebere, ein Amt einzunehmen. Mir geht es um die Sache. Und wenn es in eine gute Richtung mit anderen Personen läuft, bin ich glücklich in meinem kleinen Triathlonverband und hätte mehr Freizeit. Egal, wer es am Ende macht: Er muss das Amt antreten, weil er etwas bewirken will und nicht weil er das Amt will.