Bremen

Bremer Musikfest: Handy erzürnt Klavierstar Daniil Trifonov

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 01.09.2021 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Introvertierter Künstler: Der Pianist Daniil Trifonov in der Glocke beim Musikfest Bremen. Foto: Patrick Leo
Introvertierter Künstler: Der Pianist Daniil Trifonov in der Glocke beim Musikfest Bremen. Foto: Patrick Leo
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Das Musikfest Bremen muss sich der Corona-Pandemie beugen. Das bedeutet: Weniger Zuschauer, komplizierte Einlassbestimmungen. Und dann klingelt auch noch ein Handy im heikelsten Moment des Konzert von Daniil Trifonov.

Der strahlende Durakkord am Ende wird Daniil Trifonov gründlich vermiest. Als er Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ zu einem leuchtenden Ende führen will, dudelt unten im großen Saal der Bremer Glocke ein Smartphone, leise zwar, aber hörbar. Den anschließenden Bach-Choral „Jesus bleibet meine Freude“ in der berühmten Bearbeitung durch die britische Pianistin Myra Hess war dann weniger ein inniges Erlebnis, sondern eher ein Ausdruck aggressiver Häme. Eilig wirft Trifonov die fließenden Melodien hin, den Choral selbst meißelt er hart und kantig heraus - der introvertierte Star war gehörig sauer.

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Zu recht? Einerseits schon: Die Kunst der Fuge ist ein verrätseltes Werk, eine gute Stunde Tüftelei, in die Johann Sebastian Bach seine ganze kompositorische Meisterschaft gelegt hat, als hätte er sich und der Welt zeigen wollen, wie komplex Musik sich gestalten lässt. Das verlangt höchste Konzentration - beim Ausführenden wie beim Publikum. 

Konzert unter erschwerten Bedingungen

Andererseits ist dieses Konzert des Musikfests Bremen ein Konzert unter erschwerten Bedingungen - wie gegenwärtig jedes Konzert. Deshalb bilden sich lange Schlangen vor den Schaltern im Foyer der Glocke: Wer Einlass will, muss per Luca-App, einchecken sowie Impfung, Test oder Genesung nachweisen, schließlich das Ticket vorzeigen. Menschen ohne Smartphone - und davon gibt es einige - müssen Adresszettel ausfüllen, wer eins hat, sollte nach dem in vielerlei Hinsicht aufregenden Prozess nicht vergessen, das Telefon auszuschalten.

Nun muss sich aber niemand den ganzen Konzertabend wegen eines unaufmerksamen Besuchers vermiesen lassen - weder im Publikum, noch auf der Bühne. Tatsächlich genießt Trifonov im zu einem Drittel besetzten Saal eine geradezu sakrale Aufmerksamkeit; über eine Stunde lang raschelt nichts, hustet niemand, scheint kaum jemand überhaupt zu atmen. Stattdessen herrscht maximale Konzentration, und da tut der Pianist auch alles, um seine Zuhörer mitzunehmen auf diese musikalische Mediation. Wer erleben will, wie der mystische Dialog zwischen Bühne und Publikum entsteht: An diesem Abend in der Glocke war er zu erleben. 

Bachs unermesslicher Kosmos

Einschwingzeit lässt Trifonov dabei nicht zu. Er tritt auf die Bühne, verbeugt sich knapp, setzt sich an den Flügel und kommt ohne Umschweife zur Sache. Unaufdringlich, aber markant klingt das schlichte Thema in den Saal hinein, aus dem Bach seinen unermesslichen Kosmos entwickelt. Mit geradem Rücken sitzt er da, nahezu unbeweglich; nur manchmal beugt sich Trifonov ein bisschen tiefer über die Tastatur. Genau so oft schaut er aber auch in die Höhe, als suche er über der Bühne den Geist von Bach. 

Dabei erzählt Trifonov in einer heutigen, modernen Sprache, in der Sprache des modernen Konzertflügels. Aus dessen Klangfarbenpalette wählt Trifonov aus, isoliert klare Farben für unaufdringlich formulierten Kernthesen, schattiert spielerische Figuren sanft ab, wählt kräftige dunkle Töne für wuchtige Statements. Manchmal klingt es, als gebe Trifonov den Geist Bachs aus den Händen Rachmaninoffs weiter, manchmal wirkt die Musik selbst, als sei sie nicht der Gipfelpunkt des Barock, sondern ein musikalisches Experiment aus der atonalen Wiener Schule zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Gipfelpunkt sind hochkomplexe Kombinationen, in die Bach seinen eigenen Namen einkomponiert hat. Auch das stellt Trifonov in einer überwältigenden Transparenz dar; es sind magische Momente in der Bremer Glocke. Dann klingelt das Handy - aber seien wir ehrlich: Die Musik schert sich nicht darum. Das sieht auch das Publikum so: Es ist aufrichtig begeistert vom Daniil Trifonov und seiner „Kunst der Fuge“.

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