Arbeitsmarkt
Wie Ostfriesland mit der Pandemie klarkommt
Wenn man die Folgen von Corona bedenkt, müsste es am ostfriesischen Arbeitsmarkt eigentlich schlecht aussehen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall – jedenfalls auf den ersten Blick.
Ostfriesland/Hannover/Nürnberg - Der Arbeitsmarkt in Ostfriesland hat die Folgen der Corona-Pandemie offenbar ganz gut verkraften können – jedenfalls rein statisch betrachtet. Roland Dupák, der Chef der Agentur für Arbeit Emden-Leer, blickt sogar zuversichtlich auf den regionalen Arbeitsmarkt.
Zum Vergrößern auf die Grafik klicken
In vielen Bereichen sei man nicht mehr weit vom „Vorkrisenniveau“ entfernt, teilte Dupák am Dienstag mit. Zum Vergleich: Während die Arbeitslosenquote im August 2019 bei 5,8 Prozent lag, ist sie im August 2021 mit einem Wert von 6,0 Prozent nur noch 0,2 Prozentpunkte höher als vor zwei Jahren. Dupák: „Das bedeutet zwar nicht, dass die Pandemie nicht ihre Spuren hinterlassen hat, dennoch ist es ein gutes Zeichen, dass der Arbeitsmarkt sich im Vorjahresvergleich deutlich stabilisiert hat.“ Im Vorjahresmonat, also im August 2020, betrug die Arbeitslosenquote noch 7,0 Prozent. Das bedeutet: Im August waren genau 2556 Personen weniger arbeitslos gemeldet als noch im August 2020. Eine rundherum gute Nachricht also.
Kurzarbeit als Rettungsanker
Allerdings muss natürlich gerade in Ostfriesland stets berücksichtigt werden, dass – etwa bei Volkswagen – die Kurzarbeit viel gerettet hat. Nach jüngsten Hochrechnungen der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Arbeitsagentur waren im Mai rund 200.000 Arbeitnehmer in Niedersachsen in Kurzarbeit; endgültige Daten liegen nur bis Februar vor, dort waren es noch mehr als 300.000.
Was daraus beispielsweise für die Zulieferer der Autoindustrie in Ostfriesland folgt – und damit einem ebenfalls entscheidenden Arbeitsmarkt der Region –, dürfte sich erst mittelfristig auswirken. Positiv stimmt momentan aber auch, dass die Unterbeschäftigungsquote deutlich gesunken ist: von 8,6 Prozent im August 2020 auf 7,6 Prozent im August dieses Jahres. Als unterbeschäftigt gilt jemand, der in sogenannten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen steckt, also zum Beispiel in einer Umschulung. Immerhin sind das in Ostfriesland zur Zeit genau 19.059 Personen.
Ostfriesland schlechter als der Schnitt
Im Vergleich zum Land Niedersachsen und zu ganz Deutschland schneidet Ostfriesland mit seiner Arbeitslosenquote nach wie vor schlecht ab. In Niedersachsen blieb die Arbeitslosenquote mit 5,5 Prozent konstant und lag immerhin 0,1 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt.
Ambivalent sieht es am niedersächsischen Ausbildungsmarkt aus. Laut Johannes Pfeiffer, Chef der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit, sind noch rund 15.000 Ausbildungsstellen in Niedersachsen unbesetzt und 9200 Bewerber nicht versorgt. Handel, Handwerk oder die Chemieindustrie seien Bereiche, in denen noch viele Auszubildende gesucht werden. Dafür ist nach Ansicht der Bundesagentur-Fachleute nicht sinkendes Interesse an einer Ausbildung bei den jungen Leuten verantwortlich, sondern der erschwerte Zugang: Wegen der Pandemie fielen Praktika in Betrieben, Ausbildungsmessen und Besuche von Jobberatenden in Schulen aus.
Impfbereitschaft entscheidend
Das größte Risiko für den Arbeitsmarkt sehen Volkswirte derzeit in den steigenden Infektionszahlen und der Impfbereitschaft der Menschen. Die Impfquote werde ausschlaggebend dafür sein, ob es im Herbst angesichts einer vierten Corona-Welle erneute Einschränkungen und damit Folgen für die Beschäftigung geben werde, sagte Detlef Scheele, der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, am Dienstag.
Nach Schätzung der Bundesagentur liegt das Niveau der Arbeitslosigkeit noch immer um 261.000 Menschen höher, als es ohne Pandemie der Fall gewesen wäre. Frühestens Ende 2023 werde der Corona-Effekt nicht mehr spürbar sein, sagte Scheele.
Mit Material von dpa
