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70 Jahre auf dem Markt: Was den Erfolg der Schallplatte ausmacht

KNA
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Von KNA
| 30.08.2021 17:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Feiert Geburtstag: Die Schallplatten-LP wird am diesem Dienstag 70 Jahre alt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Feiert Geburtstag: Die Schallplatten-LP wird am diesem Dienstag 70 Jahre alt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Totgesagte leben länger: Allen technischen Fortschritten zum Trotz ist die LP noch immer beliebt. Ihre Einführung Ende der 1940er Jahre sorgte für eine Revolution in der Unterhaltungselektronik.

In Zeiten von Streaming und MP3 muten schon CDs an wie Relikte aus einer anderen Ära an. Dabei begann die Kommerzialisierung der Musik mit der Einführung der Langspielplatte. Sie machte Musik und Hörgenuss zu Hause für jeden verfügbar und hat noch immer Liebhaber. Am 31. August 1951, vor 70 Jahren, stellte die Deutsche Grammophon Gesellschaft die ersten LPs in der Bundesrepublik vor.

33 1/3 statt 78 Umdrehungen

Vorläufer der LP gab es viele, allen voran die Schellackplatte. Sie bestand vor allem aus einem Harz, der aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus gewonnen wurde. Auf den Tonträger, der erstmals Ende des 19. Jahrhunderts seine Runden drehte, passten jedoch nur wenige Minuten Musik. Zudem war er sehr zerbrechlich. Der Ruf nach Alternativen wurde immer lauter. Ihn hörte der Ingenieur Peter Goldmark. Er entwickelte für das US-Medienunternehmen Columbia Broadcasting Systems (CBS) die Langspielplatte - statt 78 Umdrehungen pro Minute wie bei der Schellackplatte waren es nun 33,3.

A star was born. Die LP besaß gegenüber ihrem Vorläufer viele Vorzüge: eine günstigere Herstellung, eine geringere Kratzeranfälligkeit, einen besseren Klang und nicht zuletzt eine längere Laufzeit. Weil sich die Rille in einer engeren Spirale von außen nach innen windet, und durch eine langsamere Drehgeschwindigkeit konnte man auf einer Seite bis zu einer halben Stunde abspielen. Genannt wurde die Scheibe schlicht „Vinyl“. Der Name stammt von ihrem Hauptbestandteil Polyvinylchlorid (PVC), einem Stoff, der auch für Bodenbeläge bekannt ist.

Pionier der LP: Columbia Records

Das erste Exemplar der revolutionären Erfindung in der Unterhaltungswelt brachte Columbia Records am 21. Juni 1948 in den USA auf den Markt. Drei Jahre später präsentierte die renommierte Deutsche Grammophon Gesellschaft die ersten LPs auf der Düsseldorfer Musikmesse. Die deutschen Tonfreunde waren begeistert, konnten sie doch endlich Opernarien oder Sinfonien am Stück und in guter Qualität hören. So lief die Produktion der Schellackplatte in wenigen Jahren aus. Bei ihrem Siegeszug um die Welt beeinflusste die runde Schwarze nicht nur Musik, sondern auch Kunst und Design. 

Zur besseren Vermarktung wurden vor allem in der Rockmusik Schallplatten aus transparentem oder gefärbtem PVC um ein Bild herum als sogenannte Picture Discs hergestellt. Zu diesen unter Sammlern begehrten Raritäten gesellten sich die «Shape Vinyls» in nicht-runden Formen. Auch die Hülle wurde im Laufe der Zeit geadelt, die Cover wurden Kunst. So gestaltete Pop-Art-Künstler Andy Warhol „Sticky Fingers“ (1971) von den Rolling Stones - mit einem echten Hosen-Reißverschluss - und das Album mit der Banane, „The Velvet Underground & Nico“ (1967), dem Debüt der Band um Lou Reed und John Cale.

Der Siegeszug des „Schneewittchensargs“

Mit der Schallplatte kamen neue Einrichtungsgegenstände auf, schließlich sollte auch ihr Abspielgerät etwas hermachen. Ein Klassiker, der in ein Wirtschaftswunder-Wohnzimmer gehörte, war der „Schneewittchensarg“. Benannt nach der Plexiglasabdeckung des Designers Dieter Rams war die Musiktruhe der Firma Braun, die Radio-Plattenspieler-Kombination „Phonosuper SK 4“, ab ihrem Erstverkaufsjahr 1956 lange Zeit stilbildend. Sie wurde später von der Stereoanlage, dem HiFi-Turm, abgelöst.

Zum Must-Have der 1970er und 1980er Jahre gehörte ein Tape-Deck. Jedoch konnte die Musikkassette die Marktherrschaft der LP nicht gefährden. Echte Konkurrenz kam erst mit der 1982 eingeführten Compact Disc (CD) - just ein Jahr, nachdem die Schallplatte mit weltweit 1,14 Milliarden verkauften Exemplaren einen Höhepunkt erreicht hatte. Aber die Silberlinge gewannen rasch die Oberhand im Musikbusiness. 

Warmer Klang der Platte weiterhin beliebt

Trotz digitaler Formate sind LPs heute noch immer angesagt - etwa im House und Hip-Hop, wo Tracks mithilfe zweier Plattenteller gemixt und beim Scratching die Scheiben gegen die Laufrichtung gezogen werden. Und bei Klassik- und Jazzfans, die den warmen Klang der schwarzen Scheibe schätzen. Das zeigt sich auch im Verkauf: Laut dem Bundesverband Musikindustrie erreichten 2020 die Vinyl-Umsätze mit 4,2 Millionen Platten ein neues Zehn-Jahres-Hoch. Damit hat sich die Zahl der verkauften Exemplare seit 2015 verdoppelt und seit 2011 versechsfacht.

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Auch die Zahl der verkauften Plattenspieler in Deutschland steigt wieder, wie Branchenkenner zu berichten wissen. Laut Zahlen des Hemix-Index stieg der Absatz um acht Prozent von 58.330 im ersten Halbjahr 2020 auf 63.000 in der ersten Jahreshälfte 2021.

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