Interview
Können Sie (nicht) loslassen, Herr Bolinius?
Erich Bolinius (FDP) gehört dem Emder Rat seit 1981 ununterbrochen an und tritt bei der Kommunalwahl erneut an. Wir haben mit dem 79-Jährigen über Frauen, Quoten und alte weiße Männer gesprochen.
Emden - Vor allem für viele Ältere ist Erich Bolinius (FDP) das Gesicht der Emder Kommunalpolitik. Der 79-jährige Petkumer gehört seit 1981 ununterbrochen dem Emder Rat an. 1986 scheiterte er bei der Oberbürgermeisterwahl erst in der Stichwahl knapp am bisherigen und späteren Amtsinhaber Alwin Brinkmann (SPD). In seiner Fraktion ist Bolinius unangefochten der Chef und trotz seines hohen Alters das Zugpferd im laufenden Kommunalwahlkampf. Seine Wiederwahl gilt als sicher, zumal er den Listenplatz eins zugesprochen bekommen hat.
Was und warum
Darum geht es: Der FDP-Fraktionsvorsitzende Erich Bolinius mischt seit 1972 ehrenamtlich in der Kommunalpolitik mit und ist seit 1981 Mitglied des Emder Rates. Im Januar wird der Petkumer 80 Jahre alt. Vorher tritt er bei der Wahl zum neuen Rat an.
Vor allem interessant für: politisch Interessierte und diejenigen, die Erich Bolinius kennen
Deshalb berichten wir: Für seine Entscheidung, erneut für den Rat zu kandidieren bekommt Bolinius nicht nur Zuspruch in der Stadt. Einige rollen auch genervt mit den Augen und wünschten sich den umtriebigen Rentner im politischen Ruhestand. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Frage: Bei allem Respekt: Sind Sie mit fast 80 Jahren nicht zu alt für den Rat und den Fraktionsvorsitz?
Erich Bolinius: Nein. Auf keinen Fall. Ich fühle mich topfit und kann mit meiner Erfahrung noch vieles einbringen. Zu alt ist man für so eine Aufgabe nie. Ein Rat soll und muss sich schließlich zusammensetzen aus einem Querschnitt der Bevölkerung. Und das heißt eben auch, dass wir ältere Mitglieder brauchen.
„Sicher könnte ich jetzt loslassen!“
Bolinius: Sicher könnte ich jetzt loslassen. Wenn es gesundheitlich nicht mehr geht, trete ich zurück oder gehe ins zweite Glied. Aber im Moment fühle ich mich gut. Und meine Partei möchte, dass ich weitermache.
Frage: Sie sind seit 50 Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. Ich kenne niemanden in Emden, der oder die sich über einen so langen Zeitraum derart beharrlich engagiert wie Sie. Sie streiten für Baugebiete, versuchen Investoren zu überzeugen und sind sich nicht zu schade, sich um jedes noch so kleine Schlagloch zu kümmern. Sind viele ihrer jüngeren Kollegen im Rat zu nachgiebig und bürgerfern?
Bolinius: Ich will nicht beurteilen, wie andere reagieren. Auf jeden Fall bedeutet Ratsarbeit für mich, dass fast täglich jemand bei mir anruft. Das kann wegen einer kaputten Straße sein, oder weil es Ärger mit der Rente gibt. Wenn ich dann etwas zusage, halte ich das auch ein.
Frage: Aber nochmal: Haben Sie den Eindruck, dass das gerade von der jüngeren Generation im Rat anders gehandhabt wird?
Bolinius: Kann ich nicht sagen. Das muss jeder für sich selbst wissen.
Frage: Machen Männer die bessere Politik?
Bolinius: Nein. Trotzdem halte ich nichts von einer Frauenquote. Wir müssen nach dem Leistungsprinzip gehen, nicht nur in der Politik, auch in der Wirtschaft. Dass man bei Dax-Unternehmen eine Quote einführen will, kann ich nicht akzeptieren. Frauen müssen sich durch Leistung qualifizieren. Und so ist es auch im Rat. Deswegen gibt es bei der Emder FDP keine Liste, die vorschreibt, wer auf Platz eins, zwei oder sonst wo zu stehen hat.
„Frauen müssen sich durch Leistung qualifizieren“
Bolinius: So sehe ich mich nicht. Ich bin jung genug und stehe mitten im Leben. Und ich kann mit allen. Wenn ich am Dienstag nach dem Training bei uns im Sportheim bin, werde ich von jedem geduzt. Das wäre früher undenkbar gewesen. Da hat sich schon viel verändert und getan.
Frage: Die Debatte geht aber ja weit über das Verhältnis zwischen Älteren und Jüngeren hinaus. Wie stehen Sie zu der Diskussion über die Verteilung von Macht und Einfluss?
Bolinius: Ich bin dafür, dass Frauen grundsätzlich in alle Gremien reinkommen. Nehmen Sie das Beispiel der Ostfriesischen Landschaft. Wer aus den Städten und Kreisen entsandt wird, entscheiden die Fraktionen. Dann müssen sich Frauen dort bewerben. Damit ist doch alles in Ordnung.
Frage: Die Landschaft ist dennoch weit davon entfernt, ausgewogen besetzt zu sein. Das Sagen haben fast ausschließlich Männer wie Sie. Wenn es so einfach ist, als Frau in solche Zirkel zu kommen: Warum passiert es dann nicht, auch nicht in der Emder Politik?
Bolinius (denkt lange nach): Über die FDP-Fraktion kann man das nicht sagen. Bei uns ist Hillgriet Eilers eine absolute Führungsperson.
Frage: Sie ist aber auch die einzige Frau in der Fraktion
Bolinius: Ja. Aber das ist Demokratie, das ist das Ergebnis der Wahl. Es ist die Entscheidung des Bürgers. Wir hätten natürlich auch gerne mehr Frauen. Bei dieser Wahl kandidieren für die FDP acht Frauen aus allen Altersgruppen. Ich hoffe, dass einige in den Rat gewählt werden.
Frage: Ist der Rat insgesamt ausgewogen besetzt?
Bolinius: Denke ich nicht. Es ist kein Querschnitt der Bevölkerung in Emden. Der Frauenanteil ist zu gering.
„Wir waren auch in der Moschee“
Bolinius: ...und natürlich auch Jüngere...
Frage: ...und Emderinnen und Emder mit klar erkennbarer Migrationsgeschichte, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben als Sie und ich. Diese machen in der Stadt einen wesentlichen Anteil an der Bevölkerung aus.
Bolinius: Sie finden sie aber auch kaum auf den Wahlzetteln.
Frage: Muss sich die Politik stärker öffnen? Oder anders gefragt: Kann der Rat überhaupt Politik für die ganze Stadt machen, wenn die Interessen ganzer Siedlungen nicht vertreten sind?
Bolinius: ie FDP hat genügend Gespräche geführt. Wir stehen mit Christian Züchner (Vorsitzender des Emder Beirates für Menschen mit Teilhabeeinschränkung; Anm. der Red.) in Kontakt, mit der OBW (Ostfriesische Beschäftigungs- und Wohnstätten GmbH; Anm. d. R.), Agilio und dem Integrationsrat haben wir ständig gesprochen. Wir waren auch in der Moschee. Wir machen da also schon was. Aber am Ende müssen die Menschen von sich aus auf uns zukommen, wenn sie Politik machen wollen oder sich von uns vertreten lassen wollen. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie man alle Bevölkerungsschichten erreichen kann.
Frage: Sie haben neben der Politik eine zweite ganz große Leidenschaft: Fußball. Auf was von Beidem könnten Sie eher verzichten?
Bolinius (lacht): Schwierige Frage. Jetzt im Alter ist die Politik doch wichtiger geworden für mich. Aber das war nicht immer so, vor allem, als ich selbst noch aktiv gespielt habe.
Frage: Wie würde Ihr Leben ohne Politik aussehen?
Bolinius: Das kann ich mir kaum vorstellen. Es würde mir sicherlich schwerfallen, wenn ich von heute auf morgen aufhören würde. Wenn ich etwas sehe, egal wo, habe ich sofort den Gedanken: „Da musst du was machen, das kannst du vielleicht ändern.“ Und oft setze ich mich sofort hin und schreibe einen Antrag dazu. Das nicht mehr zu haben, wäre ein schwerer Einschnitt.