Serie: Zukunft Ostfriesland

Die Gefahr einer Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 29.08.2021 18:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Grundschulklasse lernt im Deutschunterricht Rechtschreibung. Foto: Sebastian Gollnow/DPA
Eine Grundschulklasse lernt im Deutschunterricht Rechtschreibung. Foto: Sebastian Gollnow/DPA
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Gesellschaftliche Veränderungen, wachsende Ansprüche und private Konkurrenz fordern Regelschulen heraus. Das staatliche Bildungssystem kann dem Tempo kaum folgen. Drei Schulleiterinnen berichten.

Ostfriesland - In meiner Dorfgrundschule in den 80er-Jahren in Friesland hieß der größte Exot in meiner Klasse Tom. Er war der einzige, dessen Muttersprache nicht Deutsch war – Tom und seine Familie stammen aus Belgien. Meine anderen Mitschülerinnen und Mitschüler hießen Christine und Torsten, Maximilian und Mareke. Zusammen lernten wir Lesen, Schreiben, Rechnen und dass einmal ein Mann gelebt hatte, der Jesus hieß und der für seine Überzeugung ans Kreuz genagelt wurde. Wenn die letzte Unterrichtsstunde zu Ende war, fuhr ich mit dem Fahrrad nach Hause, wo das Essen in der Regel schon auf dem Tisch stand. Meistens wartete meine Mutter auf mich, um mit mir und meiner Schwester zu essen. Meinen Vater sah ich seltener. Er war auf der Arbeit.

Der (Schul-)Alltag von damals hat mit den Lebensumständen von heute noch immer viele Gemeinsamkeiten. Bei den Elternabenden in der Grundschule meiner Tochter riecht es unverändert nach der gleichen Mischung aus Linoleum und Putzmittel. Im Klassenzimmer lassen selbstgestaltete Poster erkennen, dass der Weg zu Zahlen, Buchstaben und Regeln des Miteinanders auch gut 30 Jahre später noch ähnlich ist. Aber es hat sich Entscheidendes verändert.

Hohe Burn-out-Rate

Schulen sehen sich mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. In den meisten Klassen sind die Lehrerinnen und Lehrer längst mehr als reine Wissensvermittler mit einem Hang zur Pädagogik. Sie müssen Integrationskraft sein und Inklusionsbegleiter. Sie sind Migrationshelfer, Erzieherin und Manager in Personalunion. Und es gibt viele, die das ungute Gefühl haben, diesem Anspruch nicht gerecht werden zu können. Laut dem Datenportal Statista rangieren Lehrberufe bei Burn-out-Erkrankungen in der Spitzengruppe.

Gudrun Stüber leitet seit 2016 die Grundschule am Wall in Emden. Die Redaktion traf sie zum Gespräch in ihrem Büro. Foto: Päschel
Gudrun Stüber leitet seit 2016 die Grundschule am Wall in Emden. Die Redaktion traf sie zum Gespräch in ihrem Büro. Foto: Päschel

An der Grundschule am Wall in Emden treffe ich Gudrun Stüber. Sie ist die Leiterin und nimmt sich trotz des bevorstehenden Schulstarts Zeit für einige grundlegende Gedanken zum Bildungssystem. Auf die Frage hin, welche Reformen sie für notwendig halte, überlegt sie eine Weile: Anders als früher bräuchten viele Kinder heute „in der Schule ein Zuhause“, antwortet sie dann – „vor allem in den unteren Jahrgängen“.

Ein „Haus der Bildung“

Sie nennt es einen „ganzheitlicheren Ansatz“, der verfolgt werden müsse, und spricht von einem „Haus der Bildung. Neben Grundlagen wie Lesen, Schreiben, Rechnen müsse stärker als bisher die Persönlichkeitsentwicklung in den Blick genommen werden. Es gehe darum, zu lernen, „in einer Gemeinschaft zu lernen“, so die 57-Jährige. Deswegen würde sie sich wünschen, dass Grundschulen verbindlich ganztägig sein müssen. Bei einer entsprechenden Ausstattung ergäben sich dadurch ganz andere Möglichkeiten.

Eine der größten Schwierigkeiten in vielen Klassenzimmern und Schulen sind die wachsenden Unterschiede. Die kulturellen und familiären Situationen der Kinder sind vielfältiger denn je. Dazu klafft das Lernniveau immer weiter auseinander. Eine zentrale Forderung von Stüber, die sich auch in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft engagiert, sind deswegen „multiprofessionelle Lehrerteams“: „Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass es eine Doppelbesetzung gibt“, sagt sie.

Privatschulen erhöhen Reformdruck

Der Reformdruck auf das staatliche Bildungssystemen nimmt aber nicht nur an den Schulen selbst zu: Eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2017 zeigt, dass immer mehr Familien sich von öffentlichen Regelschulen abkehren. Seit dem Jahr 2000 verzeichnete das Amt einen Rückgang staatlicher Schulen um knapp 20 Prozent. Das war auch eine Folge von geburtenschwachen Jahrgängen. Aber: Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Privatschulen um 43 Prozent.

Nina Korneli unterrichtete in Aurich an einem öffentlichen Gymnasium. 2018 gründete sie die Freie Schule Ostfriesland – ein Privatschule. Foto: Privat
Nina Korneli unterrichtete in Aurich an einem öffentlichen Gymnasium. 2018 gründete sie die Freie Schule Ostfriesland – ein Privatschule. Foto: Privat

Der Trend zur kommerziellen Alternative zu Regelschulen lässt sich in Ostfriesland gut beobachten. Laut den Landkreisen und der Stadt Emden gibt es momentan sechs solcher nicht staatlichen Bildungsstätten in der Region, eine weitere steht in den Startlöchern. Die jüngste befindet sich in Großheide. 2018 gründete Nina Korneli die Freie Schule Ostfriesland. Im ersten Schuljahr wurden dort 14 Kinder im Grundschulalter unterrichtet. Im Donnerstag beginnenden Schuljahr werden es Korneli zufolge 39 sein, erstmals gibt es einen fünften Jahrgang. Je Kind beträgt die Gebühr 160 Euro.

Die Trägheit eines „Riesensystems“

Korneli, die von 2011 bis 2018 als Lehrerin an einem Regelgymnasium in Aurich gearbeitet hat, weiß um die zunehmende Gefahr einer Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft, die denen Vorteile verspricht, die es sich finanziell leisten können. „Das ist nichts, was ich möchte“, sagt sie. Aber sie sieht eben auch die Trägheit der staatlichen Strukturen, die beim Tempo der Digitalisierung und von gesellschaftlichen Veränderungen kaum Schritt halten können. In ihren Augen braucht es an Schulen dringend mehr Pädagogen, mehr Begleitung und mehr Mitbestimmung. Im zuständigen Kultusministerium würden diese Dinge erkannt. Indes: „Bis sich so ein Riesensystem anpasst, vergeht zu viel Zeit“, stellt Korneli fest. Weil sie nicht mehr warten wollte, habe sie entschieden, selbst zu handeln und „im Kleinen zu wirken“.

Kathrin Peters ist Direktorin der Realschule Aurich und seit 1994 im Schuldienst in Ostfriesland. Dass sich immer mehr Familien an Privatschulen halten, wertet sie als „Zeichen für einen Missstand“, auf das man reagieren müsse. Wie Korneli sieht auch Peters ein Problem in der mangelnden Flexibilität: „Bis gesellschaftliche Trends an die Universitäten kommen und danach in die Schulen und Lehrpläne, vergehen acht, neun Jahre“, sagt sie. Es sei ja nicht so, dass staatliche Schulen sich nicht wandeln würden, aber es dauere eben.

Damit sie sich besser anpassen können, bedürfe es nach Meinung von Peters eines Bekenntnisses. „Es ist eine politische Entscheidung“, sagt sie. Schulen müssten mehr Geld für mehr Personal bekommen. Und es brauche Investitionen durch die Kommunen vor Ort – für eine bessere räumliche und sachliche Ausstattung der Schulen. Zusammen würde es sie besser in die Lage versetzen, im Wettbewerb mit privaten Schulen und anderen Einrichtungen zu bestehen. Es eilt, sagt sie: „Ich will nicht unken, aber wenn wir nicht aufpassen, dann generieren wir gerade tatsächlich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.“

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