Unwetter

Nach dem Tornado gibt’s das zweite Richtfest im selben Haus

| | 25.08.2021 19:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Alles neu: Johann und Monika Graver konnten schon ein kleines Richtfest feiern. Foto: Ortgies
Alles neu: Johann und Monika Graver konnten schon ein kleines Richtfest feiern. Foto: Ortgies
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Vor gut einer Woche fegte ein Tornado über Großheide – und riss alles mit sich, was er kriegen konnte. Wir waren noch einmal vor Ort und sprachen mit den Menschen, die wohl am meisten verloren haben.

Berumerfehn - Die toten Bäume sind verschwunden, die abgebrochenen Zweige und Äste, die zerschmetterten Dachziegel und Glasscheiben. Gut eine Woche nach dem Tornado in Berumerfehn in der Gemeinde Großheide sieht alles schon wieder ein bisschen normaler aus. Wer nicht weiß, dass am Kanal früher etliche Bäume standen, vermisst sie vielleicht gar nicht. Doch wer etwas genauer hinschaut, den Blick nach rechts und links schweifen lässt, der dürfte sich schon fragen, warum sich so viele Dorfbewohner gleichzeitig für ein neues Dach entschieden haben. Dort oben flattern die Planen und Folien und hämmern die Handwerker. Ab und zu ruft jemand laut von oben herab, und dann kracht ein Ziegel in einen Baucontainer und wirbelt ordentlich Staub auf.

Johanne Reemts steht auf der Einfahrt ihres Hauses und spricht mit ihrem Mann Arnold, den Nachbarn, den Handwerkern. Wir hatten schon in der vergangenen Woche mit ihr gesprochen, zwölf Stunden nach dem Wirbelsturm, der Haus, Wintergarten, Garage, Auto und Pool heimgesucht hatte. Damals stand sie noch unter dem Eindruck der Nacht, sagte, sie habe noch nie eine solche Angst gehabt wie in den Sekunden, als es krachte und sie fürchtete, das ganze Haus würde sie und ihren Mann begraben. An diesem Morgen nach dem Sturm schwebten dicke, dunkelgraue Wolken über ihrem Dorf, die immer wieder Regenschauer auf die Menschen hinabgossen, die dabei waren, ihr Hab und Gut zu schützen. Jetzt, etwas mehr als eine Woche später, scheint die Sonne in Berumerfehn und den Dachdeckern weht nur ein laues Lüftchen um die Nasen.

„Wir blicken jetzt einfach nach vorne“

Als sie den Reporter erblickt, nickt Johanne Reemts freundlich, sagt „Moin!“ und wendet sich wieder ihren Gesprächen zu. Erst, als sie sich noch mal umdreht, erkennt sie, wer das da auf ihrer Auffahrt ist und fragt: „Ah, von der Zeitung, oder?“ So viele Journalisten seien am Dienstag nach dem Sturm im Dorf gewesen – von den örtlichen Zeitungen, von den überregionalen und vom Fernsehen. Am nächsten Tag sei es schwer gewesen, noch eine Zeitung zu ergattern, so begehrt seien die Blätter in Berumerfehn gewesen. Als sie das erzählt, lächelt die Frau, die innerhalb eines kurzen Moments den Schrecken ihres Lebens durchgemacht hat. „Wir blicken jetzt einfach nach vorne“, sagt sie. Natürlich beschäftige sie der Tornado noch immer, er werde es auch in den nächsten Monaten noch tun. „Aber niemand ist verletzt worden, und wir sind ja versichert.“

Wo vor einer Woche Arnold Reemts noch kaputte Ziegel zusammenräumte, tut sich etwas. Foto: Ortgies
Wo vor einer Woche Arnold Reemts noch kaputte Ziegel zusammenräumte, tut sich etwas. Foto: Ortgies

Die Versicherung, der Gutachter und der Statiker seien schon da gewesen, das kaputte Auto sei schon verschrottet worden, berichtet Johanne Reemts. Gerade sind Handwerker auf dem Garagendach beschäftigt, ihr Mann Arnold führt einen Fachmann ums Haus und sieht sich mit ihm gemeinsam die Fenster an. „Wir wissen, dass wir nicht allein damit sind, das hilft enorm“, sagt Johanne Reemts. Den seit der Katastrophe viel gelobten Zusammenhalt könne man gar nicht oft genug herausstreichen. Damit es richtig losgehen könne, fehle allerdings noch das Okay der Versicherung. „Ohne die Zusagen kann noch nicht viel passieren“, sagt Arnold Reemts. Kostenvoranschläge hätten sie schon einige eingeholt, sagt seine Frau. Um wie viel Geld geht es? „Das können wir noch nicht sagen.“

„Hier war mal eine Wand und hier auch“

Obdachlos geworden ist das Ehepaar Reemts durch den Tornado nicht, laut dem Statiker besteht keine Gefahr. „Innen ist eigentlich alles in Ordnung“, sagt Johanne Reemts – und das gehe zum Glück vielen so. „Es gibt meines Wissens hier nur zwei Familien, die nicht zu Hause schlafen können.“ Eine davon ist Familie Graver, deren Haus etwas abseits der Hauptstraße steht, direkt vor einer großen Wiese, auf der, hätte er eine andere Route genommen, der Tornado nicht so viel Schaden angerichtet hätte. So aber hat der Wirbelsturm fast das gesamte Obergeschoss weggerissen – und mit ihm fast die 21-jährige Tochter Imke. Die konnte sich in letzter Sekunde retten, doch Dach, Wände und Möbel hatten keine Chance. Wer das Haus wenige Stunden nach dem Tornado sah, konnte leicht den Schluss ziehen, dass da nichts mehr zu holen sei, dass das Haus dem Erdboden gleich gemacht werden müsse.

Bauunternehmer Walter de Groot sah das anders und sagte ein paar Tage später, er und seine Leute hätten mit dem Gebäude „schon mal angefangen“. Dass das ziemlich tief gestapelt war, ist jetzt zu sehen: Das Obergeschoss ist bereits fertig gemauert und der Dachstuhl ist gerichtet. „Wir haben auch ein kleines Richtfest gefeiert“, sagt Monika Graver. Um ihrem Mann „mal wieder ein Lächeln“ ins Gesicht zu bringen, habe sie ihn mit Bier und Grillwurst überrascht. Ein bisschen merkwürdig war die ganze Geschichte trotzdem: „Im selben Haus zweimal Richtfest zu feiern, das war nicht geplant“, sagt Johann Graver – und hat dabei tatsächlich ein Grinsen im Gesicht. Er führt über eine Leiter ins Obergeschoss. „Hier war mal eine Wand und hier auch“, sagt er und zeigt im Raum umher. Die neuen Wände werden noch kommen, aber er und seine Frau loben vor allem das, was die Handwerker schon jetzt geleistet haben. „Einsatz ist das falsche Wort dafür, das war viel, viel mehr“, sagt Monika Graver.

Neue Steine sind schon ausgesucht

Mit Walter de Groot habe sie eine Wette darüber laufen, wann sie wieder einziehen können. Wer, auf welches Datum gewettet hat, das will sie allerdings nicht verraten. „Wir schauen mal, wie es kommt“, sagt sie. Das Wichtigste sei, dass erst einmal alles in die Wege geleitet sei. Ist schon bekannt, um welche Summen es geht? „Das steht noch nicht fest“, sagt Monika Graver und lässt ihren Blick noch einmal durch das Haus schweifen, das aussieht wie ein Rohbau. „An die 400.000 Euro können das schon werden.“ Es sei sehr wenig verschont geblieben, nicht nur drinnen, sondern auch im Außenbereich habe es viel erwischt. Stichwort außen: War das Haus am Dienstag noch verklinkert gewesen, steht es jetzt gewissermaßen nackt da. Die Verblender mussten runter, weil sich das Mauerwerk verzogen hatte und sich Risse gebildet hatten.

„Wir konnten uns schon neue Klinker aussuchen“, sagt Monika Graver. Dass nicht das gleiche Modell wieder an die Wand kommt, hat ganz banale Gründe: „Die alten Verblender gibt es so gar nicht mehr zu kaufen“, sagt ein Handwerker auf der Baustelle. Die Familie schaut sich die Arbeiten an ihrem Haus laut Monika Graver inzwischen ein bisschen entspannter an. „Wir sind schon etwas zur Ruhe gekommen“, sagt sie. Kurz nach dem Tornado habe sie erst einmal so viel wie möglich erledigen wollen. „Das musst du auch, sonst wirst du bekloppt“, sagt sie. Ablenken, nicht viel nachdenken – das sei ganz wichtig gewesen. Jetzt lasse man die nächsten Schritte auf sich zukommen – und die Fachleute ihre Arbeit machen.

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