Brauchtum
Ostfriesen erhalten Rekord-Urkunde für Teedurst
Als Teetrink-Weltmeister gelten Ostfriesen schon länger. Nun hat ein offizieller Rekordrichter das auch verbrieft und eine Urkunde für den Rekorddurst ausgestellt. Ein weiterer Rekord soll folgen.
Westerende-Holzloog - Ostfriesland ist nicht nur das Land gefühlt unendlicher Weiten, es ist auch „das Land der Teetrinker“, in dem ganz besonders häufig Wasserkocher fauchen oder Kessel pfeifen, Kluntje in Porzellantassen knistern und Rahmwulkjes erblühen - und erst ganz spät der Löffel in die Tasse gelegt wird, weil der Durst gelöscht ist. Bereits seit Jahren bezeichnet der deutsche Tee-und-Kräutertee-Verband mit Sitz in Hamburg die Ostfriesen als „Weltmeister“ und führt die Menge von rund 300 Litern pro Kopf und Jahr an, die in der Region getrunken werden. Dies ist der größte aktuell gemessene Teedurst weltweit, und die Ostfriesen führen demnach die globale Rangliste vor Libyen (287 Liter) und der Türkei (277 Liter) an. Die Zahlen fußen auf der Menge an verkauftem Tee (im Schnitt etwa 30 Kilogramm pro Jahr), gemessen an der Bevölkerungszahl und fußen auf Erhebungen des Statistischen Bundesamtes. Für ihren offenbar gigantischen Teedurst haben die Ostfriesen jetzt sogar eine offizielle Rekord-Urkunde erhalten. Rolf Allerdissen, fernsehbekannter Rekordrichter am Rekord-Institut für Deutschland, hat diese Urkunde am Mittwoch am rechnerischen Mittelpunkt Ostfrieslands in Westerende-Holzloog stellvertretend für alle Ostfriesen dem Präsidenten der Ostfriesischen Landschaft, Rico Mecklenburg, überreicht.
Was und warum
Darum geht es: Der Rekord-Teedurst der Ostfriesen ist jetzt von einem Rekordrichter offiziell bestätigt worden.
Vor allem interessant für: Tee-Liebhaber, Rekordbegeisterte und Freunde der ostfriesischen Kultur.
Deshalb berichten wir: Der fernsehbekannte Rekordrichter Rolf Allerdissen hat im Vorfeld seines Ostfriesland-Urlaubs zum Teekonsum in der Region recherchiert und dabei offiziell bestätigt, dass die Ostfriesen den meisten Tee auf der Welt trinken. Dafür hat er nun eine Urkunde verliehen. Den Autoren erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de
Wie kam es dazu? Allerdissen und seine Familie verbringen gerade ihren Sommerurlaub in Bietzefeld (Gemeinde Großefehn). „Eigentlich wollten wir an die Havel, haben dort aber kein geeignetes Quartier bekommen. Und dann kam die Idee auf, stattdessen nach Ostfriesland zu reisen“, sagt Allerdissen, der aus der Nähe von Bielefeld stammt und in Leipzig lebt. „Ich bin der Region eng verbunden, weil mein Urgroßvater mütterlicherseits aus Westrhauderfehn stammt und vor ihm schon Generationen zurück bis ins Jahr 1775 als Moorkolonisten Torf gestochen, den Torf als Muttschiffer transportiert haben oder von dort aus zur See gefahren sind.“ Auch sei Urlaub für ihn seit Kindertagen ganz eng mit der Nordsee verknüpft.
Rekordrichter wurde selbst aktiv
„Und auch wenn es meiner Frau nicht schmeckt, gucke ich immer gern, wenn ich wohin reise, welche spannenden, rekordverdächtigen Dinge es da gibt - und das habe ich auch jetzt getan“, sagt Allerdissen. Rasch traf er auf Berichte über die Ostfriesen als Teetrink-Weltmeister. „Daraufhin habe ich dann selbst angefangen zu recherchieren - und auch Zahlen selbst hinterfragt und überprüft“, sagt er. So erfuhr er vieles über die Geschichte der Fehnkultur und seiner eigenen Familie, aber noch viel mehr über Tee und den Durst der Ostfriesen.
Am Ende kam er aber zum selben Schluss wie der Tee-und-Kräutertee-Verband: Mehr Tee als die Ostfriesen trinkt keiner auf der Welt. „Und das ist doch ein wundervoller Grund, das auch mit einer offiziellen Rekord-Urkunde zu würdigen“, sagt Allerdissen. „Weil dies ein Rekord für alle Ostfriesen ist, fand ich den Mittelpunkt Ostfrieslands den besten Ort zum Überreichen der Urkunde“, fügt er hinzu.
Wie hoch ist der Anteil der Touristen?
Doch so unbestritten teevernarrt viele Ostfriesen sind, deren Teekultur seit 2018 auch auf der deutschen Liste immaterieller Kulturgüter steht: Ist der Durst wirklich derart riesig? Oder werden das Rekord-Ergebnis und der Pro-Kopf-Verbrauch nicht vielmehr kräftig dadurch verwässert, dass Ostfriesland viele Millionen Touristenübernachtungen im Jahr zählt, Tee das Mitbringsel Nummer 1 für Freunde und Eigenverbrauch ist und somit gerade Touristen große Menge des Tees in hiesigen Supermärkten kaufen? „Der Punkt ist richtig erkannt. Das ist durchaus sehr gut möglich. An Supermarktkassen wird in der Regel ja nicht gefragt und verzeichnet, woher ein Kunde kommt. Und natürlich weiß man auch nicht, wie viel vom gekauften Tee einfach nur in der Vorratskammer steht, weiterverschenkt wird oder gar weggeworfen“, sagt Allerdissen. „All das ist aber weder zu beweisen noch zu widerlegen. Aber das ist in anderen Regionen der Welt genauso. Auch aus der Türkei etwa bringen viele Touristen Tee mit, und der verkaufte Tee im Verhältnis zu den Einwohnern ist weltweit die offizielle Berechnungsweise. Insofern ist das hier kein Problem“, sagt Allerdissen. Auch das Leeraner Teehandelshaus Bünting konnte auf Anfrage keine Einschätzung zum Anteil des Teeabsatzes an Touristen in Ostfriesland liefern. „Wir wären gern behilflich, haben aber weder Schätzungen noch grobe Zahlen“, sagte eine Sprecherin.
Landschaftspräsident Rico Mecklenburg sagt: „Ich finde die Idee mit der Rekord-Urkunde großartig. Und sie passt wie die Faust aufs Auge, weil wir gerade in einem vom Wirtschaftsministerium geförderten Projekt erarbeiten, wie man den Titel des immateriellen Kulturerbes auch leben, mit Leben füllen und touristisch vermarkten kann.“ Dass die Ostfriesen als Weltmeister gelten, „darüber freuen wir uns seit Jahren. Das aber mit einer offiziellen Urkunde belegt zu haben ist natürlich umso schöner. Das ist eine große Ehre“, sagt Mecklenburg. Wo sie hängen soll, ist noch nicht ganz klar. „Aber ein schöner Ort könnte der Prunksaal bei uns in der Landschaft sein“, setzt er hinzu. Dort gab es am Mittwoch im Anschluss an die Verleihung der Urkunde noch eine echt ostfriesische Teezeremonie. „Die möchten wir auch in Ostfriesland stärker zurück ins Bewusstsein bringen“, setzt Mecklenburg hinzu. „Wir möchten das Gespräch mit den Gastronomen suchen und schauen, inwiefern nicht noch viel mehr Betriebe die originale Zeremonie wieder anbieten. Und auch, dass auf Beuteltee verzichtet wird“, sagt er. „Wir wollen, dass die ostfriesische Teekultur in ihrem Ansehen weiter steigt und sie auch bei den jungen Leuten wieder in ist.“
Allerdissen wiederum hat Lunte gerochen und schon den nächsten Rekord in Ostfriesland im Visier, für den er ebenfalls kommen und eine Urkunde verleihen wird. Um schiefe Türme wird es dabei nicht gehen. „Es gibt noch schiefere Türme als die Türme in Midlum und Suurhusen“, sagt Allerdissen. „Es geht vielmehr um eine ostfriesische Tradition, um etwas, bei dem dann auch viele Einheimische und Touristen mitmachen können und was als Massenrekord passieren könnte“, fügt er hinzu. Worum es geht, will er noch nicht sagen. „Aber im Laufe des nächsten Jahres könnte es durchaus dazu kommen.“