Osnabrück

„The Father“: Anthony Hopkins in mitreißender Charakterstudie

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 25.08.2021 16:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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In dem außergewöhnlichen Demenz-Drama „The Father“ glänzt Oscar-Preisträger Anthony Hopkins in einem eindringlichen Vexierspiel zwischen Schein und Sein.

Anthony Hopkins gilt schon lange als einer der besten Charakterdarsteller Hollywoods. Vor dreißig Jahren überraschte er im Film „Das Schweigen der Lämmer“ als höflicher Massenmörder Hannibal Lecter Kritiker wie Zuschauer gleichermaßen und erhielt für seine Leistung unter anderem einen Oscar. Dieses Jahr durfte er zum zweiten Mal die begehrte Trophäe entgegennehmen. Im Film „The Father“ übertrifft sich Hopkins selber in einer Rolle, die bei den meisten Menschen mehr Schrecken auslöst als jeder fiktive Massenmörder.

Es geht um Demenz und alles, was damit zusammenhängt. Und obwohl das Thema mal mehr, mal weniger gelungen in zahlreichen Filmen wie beispielsweise „Still Alice“ oder „Honig im Kopf“ umgesetzt wurde, kann „The Father“ mit einem Alleinstellungsmerkmal punkten, das es so bislang noch nicht auf der großen Leinwand gegeben hat. Der Film konfrontiert die Zuschauer nahezu ausschließlich mit der Perspektive seines Protagonisten, der das Publikum zunehmend in den Grenzbereich einer sich auflösenden Realität hineinzieht.

In der Eingangssequenz ist jedoch zunächst einmal Tochter Anne (Olivia Colman) zu sehen, die in einer offensichtlichen Mischung aus Wut und Sorge zu ihrem Vater Anthony (Hopkins) in die gemeinsame Wohnung unterwegs ist. Der hat gerade die dritte Pflegekraft in Folge verschlissen. Beleidigt, angegriffen und des Diebstahls bezichtigt. So kann das nicht weiter gehen!

Zumal Anne vorhat, zu ihrem neuen Partner nach Paris zu ziehen. Wenn sich ihr Vater Anthony weiterhin einer Pflegekraft verweigert, dann muss das Konsequenzen haben. Dann muss das Unaussprechliche geschehen und der Vater in ein Pflegeheim gehen.

Aber wieso Paris? Was ist mit James? Und was macht auf einmal dieser fremde Mann in Anthonys Wohnung? Der stellt sich Anthony als Paul (Rufus Sewell) vor. Und gibt vor, seit zehn Jahren mit Anne verheiratet zu sein. Doch von Paris weiß dieser Paul seltsamerweise gar nichts. Stattdessen behauptet er, die Wohnung gehöre ihm und Anne, während Anthony dort nur eingezogen sei.

Als Anne endlich wieder auftaucht, ist Anthony das nackte Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Anne ist nicht Anne. Vor ihm steht eine wildfremde Frau (Olivia Williams), die zudem vorgibt, gar nicht verheiratet zu sein. Damit beginnt auch für die Zuschauer ein intensives Vexierspiel um Schein und Sein, dessen Grenzen sich immer mehr auflösen.

Welcher Erinnerung kann ich trauen? Was ist real? Diese existentiellen Fragen stellten sich Ausnahmedarsteller Hopkins bereits in seiner Rolle des Dr. Robert Ford in der SF-Serie „Westworld“. Und von dieser darstellerischen Erfahrung zehrt Hopkins nun auch erkennbar in der Darstellung des an Demenz erkrankten Vaters Anthony, die er als brillante Charakterstudie meistert.

Die Vorlage dazu stammt von dem französischen Schriftsteller und Theaterregisseur Florian Zeller, der „Le Père - The Father“ zunächst als Teil einer Trilogie auf die Bühnen zwischen Paris, London und New York gebracht hat. Für die Verfilmung seines eigenen, ebenfalls mit dem Oscar ausgezeichneten Drehbuchs zeichnet er nun auch erstmals als Spielfilmregisseur hinter der Kamera verantwortlich. Und beweist mit seinem ruhig und kraftvoll inszenierten Film, dass sich die kammerspielartige Bühnenatmosphäre des Stückes auch als beklemmende Leinwandadaption voll und ganz entfalten kann. „The Father“ überzeugt ohne jede Übertreibung sowohl als inszenatorisches wie auch als darstellerisches Meisterwerk.

The Father. UK 2020. R.: Florian Zeller. D.: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Mark Gattis, Imogen Poots. Laufzeit: 98 Minuten. FSK: ab 6. Filmtheater Hasetor.

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