Tourismus
Kurdirektor: „Gastronomie-Situation in Norddeich Katastrophe“
In der Hochsaison ist die Gastronomie in Norddeich völlig überlaufen, klagt Kurdirektor Armin Korok. Er und der Dehoga führen das auf mehrere Ursachen zurück und äußern sich zu möglichen Lösungen.
Norddeich - Zur Hochsaison sei die gastronomische Situation in Norddeich „eine Katastrophe“. Das sagte kürzlich Kurdirektor Armin Korok bei einer Onlinekonferenz, als es um die touristische Entwicklung des Küstenortes ging. Die Betriebe seien völlig überlaufen, es bildeten sich lange Schlangen und teilweise müsse in drei Schichten gegessen werden. Die Urlauber zeigten dafür wenig Verständnis, auch wenn es nicht die Schuld der Gastronomen sei.
Was und warum
Darum geht es: Warum gibt es in Norddeich nicht mehr Gastronomen, obwohl die Nachfrage so hoch ist? Das erklären der Kurdirektor und die Dehoga.
Vor allem interessant für: Norddeich-Besucher sowie Einheimische, die vom Tourismus leben
Deshalb berichten wir: Armin Korok hatte das Problem in einer Onlinekonferenz angesprochen und wir haben nachgehakt. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Stattdessen habe das mit der steigenden Zahl an Touristen zu tun. Von denen kämen heute 50 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren, sagte Korok auf Nachfrage unserer Redaktion. So hatte der Küstenort zuletzt mehrfach rund zwei Millionen Gästeübernachtungen pro Jahr verzeichnet. Die Infrastruktur wuchs aber nicht mit. Ganz im Gegenteil: Viele Restaurants seien in den vergangenen paar Jahren geschlossen worden. Will niemand mehr richtig Geld verdienen?
Unsichere Corona-Lage und „ambitionierte Pachtvorstellungen“
„Wir finden keine Leute und die Gastronomie ist vielen zu unsicher“, erklärt Erich Wagner unserer Redaktion den Wandel. Er ist der Vorsitzende des Bezirksverbands Ostfriesland des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Er führt die Entwicklung jedoch vor allem auf die Pandemie zurück, in der Geschäftsübernahmen seltener geworden seien. Auch wechselte viel Personal aufgrund von Kurzarbeit in andere Branchen. An sich sei die Hotellerie und Gastronomie in Norddeich nämlich gut, versichert der Vorsitzende. Korok ergänzt: „Eine weitere Ursache könnte in mangelnden geeigneten Räumlichkeiten liegen. Auch könnten teilweise recht ambitionierte Pachtvorstellungen der Eigentümer eine Rolle spielen.“
Dass die Nachfrage in Norddeich sowie auch auf den ostfriesischen Inseln nicht voll befriedigt werden kann, sei angesichts des derzeitigen Ansturms auf die Küste besonders schade, findet Wagner. Immerhin entdeckten im vergangenen und diesem Jahr auch neue Urlauber Ostfriesland für sich, weil sie wegen der Reisebeschränkungen auf Ausflüge ins Ausland verzichteten. Wagner befürchtet, dass dieser Trend nur vorübergehend ist. „Irgendwann schwenkt der Markt auch wieder Richtung Bayern und ins Ausland.“
„28-Stunden-Tage“ in der Hochsaison
Sollten sie jedoch wiederkommen, kann es nicht so wie jetzt weitergehen, wissen Wagner und Korok. Die Gastronomen seien am Limit und es gebe „wahnsinnig viel zu tun“, so der Dehoga-Vorsitzende, der von einem „extremen Saisonkonzept“ mit „28 Stunden Arbeit pro Tag“ spricht. Manche Hotels seien schon dazu übergegangen, nur noch ihren eigenen Übernachtungsgästen Essen zu servieren – wenn überhaupt. Teilweise seien die Touristen schon froh, wenn sie unterwegs ein Fischbrötchen ergattern könnten.
Im Winter hingegen sei nichts los, weshalb man auch versuche, ein Konzept für eine Ganzjahressaison zu etablieren. So könnte sich der Ansturm etwas verteilen. Das setze aber auch voraus, dass zum Beispiel Hotels stärker auf Wellness- und andere Schlecht-Wetter-Angebote setzen, so Wagner. Das bestätigt auch der Kurdirektor. „Weiterhin ist die Saison trotz der Bemühungen des Tourismus-Service um eine Saisonverlängerung immer noch kurz. Im Sommer muss das Geld verdient werden, um über den Winter zu kommen.“
Korok: Tourismus muss neu ausgerichtet werden
Viele Gastronomen hätten darauf keine Lust, was auch erklären würde, warum nicht auch mehr etablierte Betriebe aus anderen Orten nach Norddeich umziehen. „Die wollen auch mal im Sommer frei haben“, so Wagner. Auch Korok spricht von einem „veränderten Verständnis von Work-Life-Balance“.
Während Wagner unter anderem die Hotels in die Pflicht nimmt, mehr Ganzjahresangebote zu schaffen, regt Korok an: „Es muss eine breit angelegte Diskussion über die zukünftige grundsätzliche Ausrichtung des Tourismus in Norden-Norddeich geführt werden. Mehr Quantität? Mehr Qualität? Oder gar weniger Tourismus? Anschließend sollte auf politischer Ebene eine strategische Marschrichtung für die nächsten Jahre festgelegt werden. Der Tourismus-Service ist dann für die operative Umsetzung verantwortlich, zum Beispiel durch eine Überarbeitung des Tourismuskonzeptes aus dem Jahr 2006.“
So kommt momentan nicht nur die Gastronomie nicht hinterher, sondern auch die Kapazitäten des Großparkplatzes am Erlebnisbad Ocean Wave seien zu gering – ebenso wie der daran angegliederte Wohnmobil-Stellplatz sowie die Strandkorbvermietung. „Leider konnten wir auch in diesem Jahr bei Weitem nicht alle Anfragen nach Körben bedienen.“ Das hänge auch mit der Baustelle an der Wasserkante zusammen, die derzeit im Rahmen des Masterplans Wasserkante komplett umgestaltet wird. Bis zum nächsten Sommer sei man aber mit allem durch. „Dann werden wir wieder über genügend Fläche verfügen, um gegebenenfalls mehr Körbe aufstellen zu können.“