Frankfurt
Zweite Bundesliga: Das Problem der festhängenden Absteiger
Schalke 04 und Werder Bremen machen in der zweiten Liga damit weiter, womit sie in der Bundesliga aufgehört haben: Sie quälen sich. In seiner Kolumne geht Udo Muras auf das Problem der prominenten Absteiger ein.
Da uns das von allen Seiten im Sommer nahegelegt wurde, schauen wir Fans derzeit mit besonderem Interesse auf die 2. Liga, die mal wieder „die beste aller Zeiten“ sein soll. Dank eines Teilnehmerfelds, das die Vermarkter bei der DFL um den Schlaf bringt, weil da viel zu viele mitspielen, die doch eigentlich in die Bundesliga gehören. Da der Anspruch aber nur emotional und leider nicht juristisch begründet ist, kicken Schalke, Werder Bremen und, schon etwas länger, der HSV im Unterhaus mit.
Wenn die hochkarätigen Vereine festhängen
Das sie im Sommer 2022, da waren sich die Experten aber so was von einig, geschlossen verlassen würden, einer von ihnen halt erst über die Relegation. Wer mal Europacupsieger war, wird sich doch von Bielefeld oder Augsburg nicht die Tür vor der Nase zu schlagen lassen. So einfach wird Jahr für Jahr aufs Neue prognostiziert, weil es am einfachsten ist, große Namen aufs Favoritenschild zu heben. Ungeachtet empirischer Daten, die uns lehren, dass von drei Absteigern nur einer direkt wieder hoch kommt, seit es die eingleisige 2. Liga gibt, also seit 40 Jahren. Und wenn es nur zwei Absteiger sind, dann kommt es schon mal vor, dass beide sitzen bleiben.
Was diese Saison angeht: nach aktuellem Stand hießen die Aufsteiger Jahn Regensburg und Dynamo Dresden, der SC Paderborn dürfte in die Schicksalsspiele. Wenn das so käme, könnte die Bundesliga ihre internationale Vermarktung wohl endgültig einstellen, selbst Dynamo wird in Malaysia nicht ziehen. Unsere großen Drei haben dagegen zusammen erst drei Spiele gewonnen - jeder eins - und machen sich allmählich mit den unteren Regionen der 2. Liga bekannt.
Nicht Vereine steigen ab, sondern Mannschaften
Das ist natürlich ein Fest für den Boulevard und alle anderen Menschen mit Hang zur Schadenfreude. Auf Schalke wird nach einem 1:4 in Regensburg schon wieder die Trainerfrage gestellt, in Bremen fordern sie den Rauswurf des Sportvorstands und beim HSV ist sowieso immer Theater. Kein Wunder, wenn sich Vorstand Jonas Boldt hinstellt und sagt: „Wir wollen jedes Spiel gewinnen!“, und die Spieler verlieren sogar das Stadtderby gegen St. Pauli. Siege sind dem HSV in drei Jahren Zweite Liga schon eindeutig zu wenig gelungen, doch hält so ein Satz den trügerischen Großmachtanspruch an der Elbe am Leben.
Optimismus ist nie verkehrt, Realismus im vierten Unterhausjahr besser. Der ist auch den Neuankömmlingen Schalke und Werder anzuraten. Es ist doch so: nicht Vereine steigen ab, sondern Mannschaften - und die müssen das auch wieder ausbügeln. Da helfen keine vollen Vitrinen, Siegerurkunden, imposante Briefköpfe und auch keine angegrauten Legenden auf den Ehrentribünen. Wer sich die Kader der vermeintlichen Topfavoriten anschaut, darf über deren Start eigentlich nicht groß verwundert sein. Der Schalke-Trainer spricht selbst von „einem zusammengewürfelten Haufen“, sein Bremer Kollege hat wegen eines vom Spardiktat geführten Umbruchs nur noch Kinder auf der Bank und der HSV hat immer noch keinen Terodde-Ersatz gefunden und sich von seinen zweitligaerfahrensten Spielern getrennt. Für den nächsten Umbruch mit dem nächsten Trainer.
Mit Selbstüberschätzung fällt man tiefer
In dieser chaotischen Orientierungsphase treffen sie alle auf eingespielte Mannschaften, die die 2. Liga kennen, wenn nicht gar schätzen, und die vom Aufstieg nicht mal träumen. Weshalb er manchmal wahr wird. Gut erinnere ich mich an die Spielzeit 1998/99, als der 1. FC Köln erstmals in die 2. Liga musste und sich mit Bernd Schuster einen ehemaligen Weltstar als Trainer gönnte, nur das Ziel Aufstieg kannte und ebenso kläglich scheiterte wie der Karlsruher SC mit Weltmeister Guido Buchwald. Als Aufsteiger bekamen wir Unterhaching und Ulm. Das kann diesmal nicht passieren, beide kicken mittlerweile viertklassig, aber noch immer schwärmen deren Fans von jener goldenen Saison als sie mal kurz den Fahrstuhl nach oben nehmen durften, weil die Großen, die sich selbst überschätzten, den Eingang nicht fanden. Es ist 30 Spiele vor Schluss noch nicht zu spät für Schalke, Werder und den HSV, aber es wird höchste Zeit, dass sie in der Liga ankommen, wenn sie sie bald wieder verlassen wollen.