Hamburg
Kanzlerin im Ruhestand: Was wird aus Angela Merkel?
Über Angela Merkels Amtszeit ist viel berichtet worden, über ihre Zukunft nach der Kanzlerschaft ist kaum etwas bekannt.
Andreas Mühe hat einen Blick durchs Schlüsselloch gewagt. Der Berliner Fotograf hat in Angela Merkels Zukunft geschaut, oder besser gesagt: in eine biografische Möglichkeit, die er irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft verortet hat. Mühes Bilder, die derzeit in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ausgestellt sind, zeigen eine nachdenkliche und verloren wirkende Doppelgängerin Merkels im Bonner Kanzlerbungalow. Aber die Perspektive erlaubt den Gedanken, dass es die Kanzlerin selbst sein könnte; auch wenn Bonn, wo ihr früherer Förderer und späterer Antagonist Helmut Kohl sein Machtzentrum hatte, nie Teil ihrer Regierungswelt war.
Merkels Blick ist auf Mühes Fotos stets dem Betrachter abgewandt, er geht in die Ferne - dorthin, wo das Neue kommt. Oder kommen könnte. Ein bewusstes Spiel mit dem Konjunktiv und mit der sehr eigenen Diktion der 67-Jährigen, denn der Titel der Ausstellung lautet: „Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist.“ Dieser Satz stammt von Merkel selbst und er ist prädestiniert, um auf das künftige Leben der wohl mächtigsten Frau der Welt zu blicken, die 16 Jahre lang Deutschland regiert hat und - so sich die Koalitionsgespräche nicht wie 2017 ewig hinziehen - spätestens Anfang des kommenden Jahres sehr viel mehr Zeit zur Verfügung haben wird.
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Merkel und Zukunft, das ist schon jetzt, oder noch immer, ein seltsames Begriffspaar. Die Zukunft war nie ihre Stärke, mittel- und langfristige politische Projekte wie die Energiewende, die Digitalisierung, die Rente oder - besonders augenfällig - der Klimawandel haben zu keiner Zeit ihre politische Agenda geprägt. Vielleicht war es einem Mangel an strategischem Denken, vielleicht auch den großen Krisen ihrer Amtszeit - Euro, Flüchtlinge, Corona - geschuldet, aber Angela Merkel war immer eine Gegenwartskanzlerin. Bedächtig, sagen die einen, zögerlich die anderen. Wie weit sie derweil ihre bevorstehende persönliche Zukunft gestaltet hat? Darüber kann man nur spekulieren.
Charakterlich und politisch weit entfernt von Gerhard Schröder
Bald jedenfalls wird Deutschland zwei ehemalige, noch lebende Regierungsoberhäupter haben: Gerhard Schröder und Angela Merkel. Und auch wenn es naheliegend scheint, Merkels neue Rolle in der ihres SPD-Vorgängers zu spiegeln, sind die beiden charakterlich und politisch derart weit voneinander entfernt, dass man wohl festhalten kann: Merkels Weg wird ein ganz anderer sein als der von Schröder. Schwer vorstellbar etwa, dass die Ruheständlerin künftig Lobbyarbeit für Unternehmen macht.
Der Fotograf Mühe, der Merkel auch ganz offiziell seit vielen Jahren fotografiert hat, formulierte es vor einigen Wochen im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ so: „Bei ihr hofft man, dass sie sich nicht kaufen lässt. Dass sie keine windigen Geschäfte macht, nicht in irgendwelchen Aufsichtsräten auftaucht.“ Bemerkenswerterweise scheint es einfacher zu sein, darüber zu spekulieren, was Merkel nicht machen wird, als ihren Weg ins Private anhand des wenigen Bekannten zu skizzieren. Das geht auch dem Fotografen Mühe so, der Merkel oft genug von Berufswegen nahe gekommen ist: „Man ist irgendwie auf der Suche nach dem, was wird aus Frau Merkel“, sagt er. Ein umständlicher Satz, ein Merkel-Satz, aber mit einem wahren Kern. Ja, was wird denn jetzt eigentlich aus ihr?
Aus Angela Merkels Privatleben ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Es wirkt so, als würden seit 16 Jahren die gleichen Geschichten über sie erzählt. Selbst die Biografien, die über sie geschrieben worden sind, verraten nicht viel Neues darüber, womit die Kanzlerin ihre knappe Freizeit verbringt: Sie macht nicht gern Sport, geht lieber wandern.
Außerdem schätzt sie: Kultur, Kochen und Gartenarbeit. Merkel hat schon mehrfach angedeutet, dass sie der Mangel an Privatleben stört; ein paar Stunden Freizeit am Sonnabend bleiben ihr, wenn überhaupt. Ihre Fluchträume sind die Ferien, dann reist sie mit ihrem Mann an die immer gleichen Orte: Ostern auf die italienische Insel Ischia, zum Wandern nach Vinschgau in Südtirol und im Winter zum Langlauf ins schweizerische Hochtal Engadin.
Merkels Liebe zur selbst gekochten Kartoffelsuppe
Auch das weißgestrichene Haus mit den großen Fenstern in der Uckermark ist eine räumliche Konstante in ihrem Leben, dort arbeitet sie - vorzugsweise zur herbstlichen Asternzeit - im Garten und kocht ihr Lieblingsgericht Kartoffelsuppe, mit Majoran, Speck, Suppengrün. Wichtigste Regel für das Kanzlerinnen-Süppchen: Die Kartoffeln dürfen nicht püriert, sondern müssen gestampft werden.
Dieser ländliche Wohnsitz im Osten wird auch nach der Kanzlerschaft weiterhin eine Rolle spielen. Ob das auch für ihre Wohnung im Berliner Kupfergraben gilt, von wo sie einen direkten Blick auf das gegenüberliegende Pergamonmuseum hat, ist eher fraglich. Denn in der Bundeshauptstadt wird sich die künftige Ex-Kanzlerin kaum unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen können.
Eine Spur führt nach Hamburg-Blankenese
Eine andere Spur führt in den Norden, in ihre Geburtsstadt Hamburg. Dort hält sich seit Monaten hartnäckig das Gerücht, Merkel habe im noblen Stadtteil Blankenese eine Immobilie gekauft - und wolle ihren Hauptwohnsitz dorthin verlegen. Das Kanzleramt dementiert zwar, aber es gäbe zumindest einige Argumente für den Umzug in die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Zurückhaltung und die Diskretion in der Hansestadt, das kulturelle Umfeld, die Nähe zu den Küsten und den Künsten.
Das führt schließlich zu der Frage, wie Angela Merkel ihre neu gewonnene Freizeit füllen wird. Aus ihrem Umfeld ist immer mal wieder zu hören, dass sie sich wieder der Wissenschaft zuwenden könnte, wenn auch nur repräsentativ. Die Kanzlerin, selbst promovierte Physikerin, hat fast 20 Ehrendoktorwürden verliehen bekommen, überwiegend im Ausland. Gut vorstellbar also, dass sie künftig Vorträge halten wird, an Universitäten und in Denkfabriken. Bei vielen US-Amerikanern etwa ist Merkel hochangesehen, Blazer, Frisur, Ruhe und Raute der Kanzlerin gelten dort längst als ikonisch.
Auch ein spätes Geschichtsstudium scheint nicht unmöglich, da habe sie etwas nachzuholen, hat Merkel unlängst vor Schülern gesagt. Außerdem höre sie gern Podcasts zu historischen Themen.
Keine Zukunft beim DFB
Eine andere neue Aufgabe, die ihr öffentlich angetragen worden war, hat sie allerdings schon durch ihren Regierungssprecher dementieren lassen: Angela Merkel wird nicht Präsidentin des Deutschen Fußball-Bundes werden. Der skandalgeschüttelte Verband könnte zwar eine erprobte Krisenmanagerin gebrauchen - aber die Kanzlerin, die durchaus fußballbegeistert ist, weiß nur zu gut, dass eine Zukunft in der Schlangengrube DFB die schlechteste aller möglichen Perspektiven in ihrem nächsten Lebensabschnitt wäre.