Befahrensverordnung

Entwurf für neue Regeln im Wattenmeer schreckt Insulaner auf

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 24.08.2021 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Segler auf dem Weg durch das Revier vor Juist. Foto: Erdmann
Ein Segler auf dem Weg durch das Revier vor Juist. Foto: Erdmann
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Das Bundesverkehrsministerium will neue Regeln für Kitesurfer und Segler im Wattenmeer aufstellen. Der dazugehörige Entwurf versetzt die Ostfriesischen Inseln und Wassersportler in Alarmstimmung.

Was und warum

Darum geht es: die Pläne des Bundesverkehrsministeriums für eine neue Befahrensverordnung im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und die Reaktionen auf den Ostfriesischen Inseln

Vor allem interessant für: Betroffene, die Wassersport auf den Ostfriesischen Inseln betreiben, dort leben oder mit dem Inseltourismus Geld verdienen

Deshalb berichten wir: Der OZ-Inselreporter Stefan Erdmann segelt selbst gerne, bekam Wind von den Überlegungen im Ministerium und fing an, Fragen zu stellen.

Den Co-Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Ostfriesland - Der Entwurf umfasst gut 250 Seiten und birgt einigen Zündstoff für die Ostfriesischen Inseln: Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur bereitet eine neue Verordnung zum Befahren der Gewässer im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer vor. Am 18. August erreichte das Dokument die Mitglieder des Niedersächsischen Städtetages und landete damit auch auf dem Tisch von Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos). Was der Verwaltungschef las, beunruhigte ihn. Akkermann will deswegen für die kommende Woche die Spitzen der anderen sechs Inseln für ein virtuelles Treffen zusammentrommeln. „Wir müssen uns kurzschließen“, sagt er. Er befürchtet erhebliche Einschränkungen für den Tourismus und den Wassersport.

Wie begründet seine Sorgen sind, kann Akkermann offenbar selbst noch nicht abschließend abschätzen. „Wir müssen das Ganze noch prüfen“, sagt er zurückhaltend. Es zeichne sich allerdings ab, dass Zonen, in denen Kitesurferinnen und Kitesurfer ihre Drachen steigen lassen können, deutlich verkleinert, neue Geschwindigkeitsgrenzen für die Schifffahrt eingezogen und das beliebte Trockenfallenlassen untersagt werden sollen. Bis zum Gespräch mit den anderen Verwaltungsspitzen will Akkermann unter anderem klären, welches Gebiet wie betroffen ist.

Frist endet am 7. September

Die Zeit drängt laut dem Borkumer Bürgermeister. Wenn sie verhindern wollen, dass der Referentenentwurf eins zu eins in einer neuen Verordnung aufgeht, gelte für Verbände und betroffene Kommunen eine Frist bis zum 7. September. Bis zu diesem Datum müssen Stellungnahmen eingereicht werden.

Die Aussicht auf möglicherweise große Einschnitte versetzt die Mitglieder des Segelklubs Juist (SKJ) in Alarmstimmung: „Die bauen ein Gefängnis rund um uns zu,“ so der Vorsitzende Olaf Weers, der die 250 Seiten des Entwurfes durchgearbeitet hat: „Es brennt, der SKJ und alle Vereine müssen aus allen Rohren schießen.“

Seglerverein gibt sich kämpferisch

Der SKJ hat sofort reagiert und sich an die Wattenseglervereinigung „Soltwaters“, den Niedersächsischen und den Deutschen Segler-Verband und über die Reviervertreter auch direkt an das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gewandt. Ferner wurde sofort ein Rechtsanwalt beauftragt, unverzüglich die Interessen des SKJ wahrzunehmen.

Der Verein fordert den Erhalt der angestammten Trockenfallplätze im Juister Wattenmeer, am Westende der Insel Juist, querab vom Rettungsschuppen an der Bill, ebenso den Erhalt der angestammten Trockenfallplätze im Juister Wattenmeer zwischen dem Ortsteil Loog im westlichen Juister Watt und dem Flugplatz im östlichen Juister Watt. Zudem müssten die Inselbewohner weiterhin die Möglichkeit haben, mit den Booten die Luftlinie Hafen Juist – Hafen Norddeich mit mindestens 16 Knoten befahren zu können, um notwendige Versorgungsfahrten und Arztbesuche durchführen zu können, heißt es. Im Entwurf ist vorgesehen, die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 12 Knoten zu drosseln.

„Unnötige Verbote“

In einer Stellungnahme schreibt Weers: „Seit 85 Jahren haben unsere Mitglieder die Möglichkeit, hier im heimatlichen Juister Wattenmeer zu Segeln, Wassersport zu treiben, zu Ankern und Trockenzufallen. Wir Insulaner und Bewohner tragen gerne den Gedanken des Nationalparks mit und unterstützen diesen ausdrücklich. Nur lassen wir uns nicht weiter durch unnötige Verbote aus unserer Heimat verdrängen.“ Und weiter: Wenn die Einwohner eines Nationalparks nicht ihren Lebensraum behalten dürfen, sinke die Akzeptanz der Nationalparks rapide.

Etwas diplomatischer formuliert Dr. Tjark Goerges, der parteilose Bürgermeister von Juist, seine Kritik an den Ministeriumsplänen: Für die Insulaner seien die Fahrten durchs Wattenmeer nicht nur Sport, gibt er zu bedenken. Für viele sei es eine alltägliche Art der Fortbewegung, um beispielsweise zum Festland zu kommen. „Diese notwendigen Freiheiten werden in keinster Weise berücksichtigt“, klagt er. Ihn stört, dass in der geplanten Verordnung zwar viel zum Artenschutz unternommen werden solle, aber „die Spezies Insulaner“ vernachlässigt werde. „Im gesamten Entwurf wird das Wort Mensch oder Einwohner nicht erwähnt“, kritisiert Goerges.

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