Geschichte
Hobby-Sammler retten viele Erinnerungen
Staatsarchive und Museen sollen Erinnerungen wachhalten. Es sind jedoch vor allem die Hobby-Sammler, die zu Chronisten ihrer Dörfer werden. Welche Rolle aber spielt ihre Arbeit für die Nachwelt?
Was und warum
Darum geht es: Museen und Staatsarchive können nicht alles Geschichtliche unterbringen. Hier sind Hobby-Historiker gefragt. Ihre Sammlungen sind jedoch bedroht.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für die lokale Geschichtsschreibung und deren Zukunft interessieren
Deshalb berichten wir: Bei unserer Arbeit begegnen wir auch immer mal wieder Hobby-Historikern, die die absoluten Experten ihrer Dörfer sind. Wir wollten einmal beleuchten, welche wichtige Rolle ihnen zuteilwird. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Einer von ihnen ist der Hobby-Historiker Temmo Hollander, der seit seiner Kindheit in Uttum lebt. Weil seine Eltern dort eine Gastwirtschaft und einen Lebensmittelladen hatten und für die Poststelle zuständig waren, sei er gleich ins Dorfleben hineingewachsen und habe sich schon seit seiner Jugend dafür interessiert, sagt er unserer Redaktion. Als dann 1972 viele kleinere Orte in der Gemeinde Krummhörn zusammengefasst wurden, seien sie ins Hintertreffen geraten. Er habe sich daraufhin entschieden, als freier Mitarbeiter bei unserer Zeitung anzufangen, um dem entgegenzuwirken. Er schrieb in den kommenden Jahren Berichte über Oster- und Maibaumfeiern, kirchliche Veranstaltungen und mehr. Eine wichtige Form der Erinnerung, da es noch kein Internet gab.
Es kann nicht alles aufbereitet werden
Hollander machte sich damit und mit seiner Sammelleidenschaft bei der Dorfbevölkerung einen Namen. Heute würde sie ihn bei Haushaltsauflösungen fragen, ob er nicht noch etwas gebrauchen könne. Zudem habe er 50 Jahre lang Zeitungsberichte gesammelt und er besitze Bücher über ostfriesische Orte, Festschriften aus Uttum und mehr. Auch Hollander weiß jedoch: „Ich kann nicht alles aufbereiten. Ich habe drei Kinder, vielleicht führt eines von denen das ja mal fort.“ Vielleicht.
Jürgen Hoogstraat aus Victorbur hat seinem vor einem Jahr verstorbenen Vater Ulfert diesen Gefallen getan. Der war 20 Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn und hatte ebenfalls viele Zeitungsberichte abgeheftet, die für seine Arbeit relevant waren. Laut seinem Sohn wird die Sammlung seit Silvester 1951 bis zum heutigen Tag fortgeführt. Er selbst lege jedoch gerade auch ein Augenmerk auf alles, was mit der Kirche zu tun habe, so der Pastor der Kirchengemeinde Victorbur.
Museen müssen sich immer drei Fragen stellen
Dr. Nina Hennig ist bei der Ostfriesischen Landschaft die Leiterin des Bereichs Museumsfachstelle/Volkskunde. Laut ihr gibt es bei den Museen in Ostfriesland immer mal wieder Anfragen von privaten Sammlern, die gerne etwas ausstellen möchten. Darüber würden sich die Leiter der Einrichtungen zwar freuen, da die Sammler meist ein immenses Fachwissen zu ihren Stücken hätten. Grundsätzlich müsse man sich aber immer drei Fragen stellen: Passt ein Exponat zu dem Museum an sich? Passt es zum oftmals über Jahre aufgestellten Ausstellungsplan? Steht genügend Platz zur Verfügung? Das seinen Kriterien, an denen immer wieder Anfragen scheiterten, weiß Hennig.
Auch wenn es um die Archivierung von Dokumenten für die Nachwelt geht, gibt es Grenzen. Das betont Dr. Michael Hermann, der die Auricher Abteilung des Niedersächsischen Landesarchivs leitet. Gerade jetzt gebe es viele ältere Hobby-Historiker, die sich darum sorgten, was aus ihrer Sammlung wird. Das Landesarchiv sei zwar prinzipiell dazu angehalten, auch Schriftgut von Vereinen, Adelsfamilien und auch anderen Privatpersonen aufzunehmen. Der Platz jedoch sei beschränkt. „Die Gesamtkapazität der Abteilung liegt bei über 6 Regalkilometern. Es sind noch etwa 900 Laufende Meter frei, wobei jedes Jahr in etwa 20 bis 30 hinzukommen. Es gibt aber auch Jahre, in denen bei großen Abgaben plötzlich 100 Laufende Meter übernommen werden müssen.“
Landesarchiv muss jeden Fall einzeln bewerten
So müsse man immer wieder die Relevanz hinterfragen und selektieren. „Prinzipiell rufen Umbruchzeiten (Kriege, Inflation, NS-Zeit, Nachkriegszeit, Corona-Pandemie) größeres Interesse hervor. Der ostfriesische Sensationsfund der vergangenen Jahre – der Heimatforscher Hermann Adams stieß auf die Fotoalben des Völleners Johann Niemann aus dem Vernichtungslager Sobibor – liegt heute im United States Holocaust Memorial Museum in Washington.“ Weniger überliefert seien hingegen „modernere“ historische Fragestellungen – zum Beispiel zur Umwelt- oder Sozialgeschichte.
Hermann aber weiß: Auch Privatleute können nicht alles aufheben. „Gleichwohl stoßen HistorikerInnen bei ihren Forschungsarbeiten immer wieder auf Lücken in der Überlieferung, die vielleicht hätten geschlossen werden können, wenn jemand die entsprechenden Dokumente gesammelt oder Erinnerungen aufgeschrieben hätte.“