Wohnen und Arbeiten
Zwischenlandung im Emder Heli-Haus
Es ist eine Mischung aus Backpacker-Hotel und Piloten-WG: das Heli-Haus in Emden. Das Konzept der Firma Heli Service scheint zu funktionieren, es soll erweitert werden. Was hält die Konkurrenz davon?
Emden - Der durchschnittliche Berufsalltag in Ostfriesland sieht so aus: Morgens geht es im Auto zur Arbeit, nach dem Feierabend wieder zurück in die eigenen vier Wände - bis zum nächsten Tag. Und am Wochenende hat man frei. Neben einem sehr klassischen Lebensentwurf wie diesem wächst allerdings der Bedarf an wesentlich flexibleren Modellen.
Die Anforderungen in Unternehmen wie Heli Service International am Emder Flugplatz verändern die Arbeits- und Wohnwelt. Sie bedingen ein Umdenken innerhalb von Firmen und bei deren Angestellten. Wie das aussehen kann, zeigt ein Beispiel auf dem Areal einer ehemaligen Kasernenbrache in Emden. Dort betreibt der von Ostfriesland aus agierende internationale Helikopter-Dienstleister sein Heli-Haus – ein Konzept, das irgendwo zwischen Hotel, Backpacker-Herberge und Piloten-WG einzuordnen ist.
Zweites Heli-Haus geplant
Mit der Eröffnung im Jahr 2019 hat die Firma offenbar einen Nerv getroffen. Die Nachfrage ist nach Unternehmensangaben jedenfalls so groß, dass erweitert werden soll: „Wir planen noch ein zweites Haus mit einer ähnlichen Kapazität“, sagt Julia Hoge, die das Heli-Haus leitet. Gegenüber dem jetzigen Standort soll neu gebaut werden. Spätestens 2024 soll es laut Hoge fertig sein.
International ausgerichtet
Die Helikopter-Firma mit Sitz in Emden, die unter anderem zu Offshore-Windparks in der Nordsee fliegt, beschäftigt etwa 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele von ihnen stammen nicht aus Deutschland. Sie kommen aus Spanien, Schweden, den USA oder anderen Nationen. Weil etliche in Schichten von bis zu drei Wochen am Stück arbeiten, und danach ebenso lange frei haben, behalten viele ihren Wohnsitz im Ausland, so Hoge.
Während ihrer Einsätze ab Emden finden sie auf dem Kasernengelände ein Zuhause auf Zeit. Im Gegensatz zu den meisten Hotels gibt es im Heli-Haus viele Gemeinschaftsräume. Das Erdgeschoss mit einer großen offenen Küche, einer geräumigen Sofaecke mit Fernseher und einer Mini-Bücherei ähnelt den Konzepten von Backpacker-Unterkünften für Rucksackreisende oder Jugendherbergen. In einem Kellerraum stehen frei verfügbare Leihräder, im Dachgeschoss gibt es einen Yoga- und einen Fitness-Raum.
Wachsame Hotel-Konkurrenz
Zu den regelmäßigen Gästen zählt Falko Baguhl. Der 38-Jährige lebt in Hamburg und arbeitet an vier Tagen in der Woche als Pilot in Emden. „Ich könnte mir auch eine Wohnung mieten“, sagt er. Aber stattdessen sei er seit Januar 2020 im Heli-Haus eingebucht. Ihm gefalle, dass er im Haus nicht alleine ist. „Wir kochen gemeinsam und sitzen abends oft zusammen“, berichtet er. Unter dem Strich koste ihn der Aufenthalt in der Firmen-WG „nicht viel mehr als eine Wohnung in der Stadt“.
Weil aber nicht nur feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie Baguhl vorübergehend im Heli-Haus einziehen, sondern immer wieder auch kurzfristig Geschäftskunden und -partner des Unternehmens, verfolgt man die neue Konkurrenz bei den etablierten Hotelbetrieben wachsam. „Das ist etwas, was man beobachten muss“, sagt Hildegard Kuhlen, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Ostfriesland.
Was sagt der Emder Dehoga-Chef?
Man habe „keine Angst vor Wettbewerb“, allerdings könnten dem Markt Geschäftsreisende als wichtige Kunden verloren gehen, wenn das Beispiel des Heli-Hauses Schule macht. „Auf Dauer wäre das problematisch“, so Kuhlen. Als Beispiel verweist sie in Emden auf den Umbau des Volkswagen-Werkes: Wenn der Konzern eigene Unterkünfte für die vielen benötigten Arbeiter anbieten würde, bekämen das die klassischen Hotels und Ferienwohnungsbetreiber stark zu spüren.
Karl-Heinz Wittwer ist Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Emden und vermietet selber Zimmer im Stadtteil Borssum. Noch, sagt er, sei der Kuchen in Emden groß genug. Obwohl das Bettenangebot in den vergangenen Jahren durch neue Hotels kräftig erweitert worden ist, seien die Betriebe gut ausgelastet. In den Sommermonaten sei die Nachfrage größer als das Angebot, stellt er fest. Allerdings sorgt er sich um die touristisch weniger attraktiven Wintermonate. „Das Jahr hat 365 Tage“, so Wittwer. Da könne sich die Konkurrenz schnell bemerkbar machen. „Jeder kann schließlich ein Hotel eröffnen. Es gibt ja keine Beschränkung wie im Einzelhandel.“
Während Betten wie im Heli-Haus oder anderen Unterkünften theoretisch unbegrenzt auf den Markt kommen dürfen, sind die Ansiedlungen von Geschäften je nach Sortiment in eigenen Verordnungen klar geregelt. Sie sollen eine Überversorgung verhindern.