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Australien im Ausnahmezustand: Die beispiellosen Waldbrände und ihre Folgen

Viktoria Meinholz
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Von Viktoria Meinholz
| 24.08.2021 12:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
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Australien kämpft seit Monaten gegen unzählige Buschfeuer. Es ist auch für das Katastrophen gewohnte Land eine noch nie dagewesene Situation.

Waldbrände gehören in Australien zur Normalität. Sowohl die Menschen als auch die Natur haben sich den Flammen und ihren Folgen angepasst. Doch in dieser Waldbrandsaison ist alles anders: Es brennt länger und extremer als in anderen Jahren. Und noch während Feuerwehrleute im ganzen Land gegen die Flammen kämpfen, hat sich ein Streit um die Interpretation der Katastrophe entwickelt: Welchen Einfluss hat der Klimawandel? Und muss in dem wirtschaftlich vom Kohlebergbau abhängigen Land bald ein Umdenken stattfinden?

1. Die aktuelle Situation

Die Buschbrände in Australien haben Dimensionen angenommen, die nur noch schwer zu begreifen sind: Mehr als 12 Millionen Hektar - was etwa einem Drittel der Fläche von Deutschland entspricht - wurden bereits von den Feuern erfasst, mindestens 2000 Gebäude sind zerstört. 32 Menschen starben. Schätzungen gehen von mehr als einer Milliarde toter Tiere aus. In Australien ist mehr Land verbrannt als bei den Bränden im brasilianischen Amazonasgebiet und im US-Bundesstaat Kalifornien zusammen.

Begonnen haben die Feuer im August - ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Schließlich hat die heiße Jahreszeit in Down Under gerade erst begonnen. Und wie Australiens Premierminister schon vor Wochen deutlich machte: Es wird nicht möglich sein, alle Feuer unter Kontrolle zu bringen.

Die Gründe

„Diese Feuer dauern, in der einen oder anderen Form, seit August. Nun ist Januar, und wir wissen, dass wir noch zweieinhalb bis drei Monate Feuersaison im Süden Australiens haben werden“, erklärt Richard Thornton, der Leiter des australischen Forschungszentrums für Buschfeuer und Naturgefahren. Die Brände seien beispiellos. Das Holz im Wald sei so trocken, „dass es nichts gibt, was die Brände aufhält“, so Thornton. „Das Klimasignal ist definitiv da.“

Normalerweise beginnt die Waldbrandsaison ungefähr im Oktober, 2019 ging es ganze zwei Monate früher los. Und auch der Regen, der sonst im australischen Frühjahr zwischen September und November fällt, blieb aus: 2019 war in Australien das bisher trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Dürre, die den Großteil des Landes seit Monaten fest im Griff hat, wird trotz erster schwerer Regenfälle im Januar wohl noch anhalten. So brannten in den vergangenen Wochen und Monaten auch Gegenden, die sonst von den Feuern verschont bleiben, wie zum Beispiel Regenwälder. Die ausgetrocknete Natur scheint jederzeit bereit, in Flammen aufzugehen.

Doch auch im überhitzten und vertrockneten Australien brauchen die Brände direkte Auslöser. Welche das sind, darüber wird seit Wochen leidenschaftlich gestritten - wie so oft, wenn der menschgemachte Klimawandel ins Spiel kommt. Es kann zwischen natürlichen Auslösern, wie einem Blitzeinschlag, und vom Menschen herbeigeführten Feuern unterschieden werden. Eine achtlos weggeworfene Zigarette, aber auch eine beschädigte Stromleitung können ebenso zu neuen Flammen führen wie vorsätzliche Brandstiftung. Wie viel Anteil welcher Auslöser an den momentanen Bränden hat, kann noch nicht gesagt werden. Bisher ist die Zahl der Brandstifter allerdings nicht höher als in anderen Jahren.

Darauf, dass der Klimawandel Extremwetterereignisse wie Trockenheit und Hitze begünstigt, können sich die meisten Experten und Entscheidungsträger inzwischen einigen. Einzelne Naturkatastrophen - wie nun die Brände in Australien - kann man zwar nicht direkt dem Klimawandel zuschreiben, doch dieser verändert die Rahmenbedingungen in einer Art, dass extreme Wetterlagen immer extremer und auch häufiger werden.

2. Die verhärteten Fronten

Die Politik

Erst nach mehreren Monaten voller dramatischer Feuer, mehr als 20 Todesopfern und Protesten gegen ihn und seine Regierung in vielen Teilen des Landes, sah sich Scott Morrison Mitte Januar zu einem für ihn überraschenden Statement gezwungen: Er sehe nun ein, dass der Klimawandel Auswirkungen habe und für längere, heißere und trockenere Sommer verantwortlich sei, so der australische Premier in einem Interview mit dem Sender ABC. Er wolle die Emissionen reduzieren und zwar durch eine „ausgewogenen Politik, die Australiens breitere nationale Wirtschaftsinteressen und gesellschaftlichen Interessen berücksichtigt“. Zuvor hatte Morrison einen Zusammenhang zwischen seiner Klimapolitik und den Bränden immer abgestritten. Dass klimapolitische Maßnahmen einen direkten Einfluss auf die Feuer hätten, bezeichnete er noch zwei Tage vor dem Fernsehinterview als „lächerlich“.

Der Unterstützer der Kohleindustrie ist bisher vor allem durch seine unklugen Entscheidungen der vergangenen Wochen aufgefallen: So fuhr der konservative Politiker mit seiner Familie zu einem Überraschungsurlaub nach Hawaii, während in seiner Heimat Feuerwehrleute im Kampf gegen die Brände ihr Leben ließen. Bei einem Besuch im Brandgebiet wurde er von wütenden Anwohnerinnen und Anwohnern als Idiot beschimpft und seine Zustimmungswerte sind laut neuer Umfragen so schlecht wie noch nie.

„Es wäre schön, wenn wir endlich aufhören könnten, darüber zu debattieren, ob der Klimawandel nun wirklich existiert, und die Zeit stattdessen dafür verwenden würden, an Veränderung zu arbeiten“, sagte Wissenschaftsministerin Karen Andrews nun - denn trotz des zumindest kleinen Eingeständnisses ihres Parteifreundes Morrison fehlen bisher konkrete Ideen der australischen Regierung, wie der Klimaschutz vorangebracht werden soll.

Die Umweltschützer

In den großen Städten gehen seit Wochen immer wieder zehntausende Menschen auf die Straße, um gegen den Kurs der Regierung zu demonstrieren. Ein solcher Protest ist in Australien noch ungewöhnlicher als in anderen Ländern, eine ausgeprägte Streik-Kultur existiert in Down Under nicht. Doch es scheint ein Umdenken bei vielen Australiern stattzufinden. Auch wenn sie extreme Wetterlagen gewohnt sind - die momentane Dürre und die Stärke der Brände scheinen viele aufzuschrecken, die den Auswirkungen des Klimawandels bisher ähnlich skeptisch gegenüber gestanden haben wie ihre Regierung.

Ein Demonstrant äußerte gegenüber des Fernsehsenders ABC seine Wut auf die Regierung, die ihn erstmals dazu gebracht habe, sich einem solchen Protest anzuschließen: „Ich bin absolut angewidert von 20 Jahren politischer Lähmung. Tatsächlich tue ich das jetzt hier für meine Tochter.“

Erst langsam setzt ein Umdenken ein und sorgt für mehr Unterstützung der australischen Umweltschützer, die seit Jahren gegen konservative Politiker wie den Premierminister und gegen die boomende Kohleindustrie kämpfen.

Der Konzern

Durch die Aktivisten von „Fridays for Future“ wurde plötzlich ein deutsches Unternehmen zum Sinnbild der Naturkatastrophe: Siemens will eine Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien zuliefern - ein Auftrag, für den sich vor den Bränden außerhalb des Landes niemand interessierte. Die Adani Group will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen, das aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern soll. Das Projekt wird von australischen Umweltschützerinnen und -schützern seit Jahren bekämpft.

Im Zuge der Brände sprangen auch deutsche Umweltschützerinnen und- schützer auf das Thema an. „Fridays for Future“ organisierte Proteste vor Firmensitzen von Siemens; Luisa Neubauer, eines der bekanntesten Gesichter der Bewegung, traf sich mit Vorstandschef Joe Kaeser zum Gespräch über das Projekt. Der bot ihr zwar nach dem Treffen einen Posten im Aufsichtsrat an, an der Beteiligung von Siemens an dem Projekt hielten er und der Vorstand aber fest.

3. Die Opfer der Katastrophe

Die Betroffenen

Er hat noch den Schnuller im Mund. Der kleine Sohn eines Feuerwehrmannes trägt bei der Beerdigung seines Vaters ein Uniform-Hemdchen. Vor ihm steht der Feuerwehrchef eines australischen Bundesstaates und heftet ihm eine Auszeichnung an, für den mutigen Einsatz seines Vaters. Es ist ein symbolisches Bild: Um die 200.000 freiwillige Feuerwehrleute kämpfen gegen die Brände auf dem Kontinent. Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung.

Die Feuerwehrleute sind zu den Helden der Katastrophe geworden, ähnlich wie nach den Terroranschlägen 2001 in den USA. Die Feuerwehrfrau Brigitte Lewis hat fast selbst ihr Haus im Nordwesten von Sydney verloren. Anfang Januar hatte ihre Brigade zum ersten Mal seit Oktober eine Ruhepause, wie sie der Deutschen Presse-Agentur erzählte. „Es war gnadenlos, viel länger als sonst.“ Wenn da nicht die vielen Tausend Freiwilligen wie sie gewesen wären, dann wären noch viel mehr Häuser zerstört worden. Und es hätte noch viel mehr Tote gegeben.

Feuerwehrleute haben in manchen Ortschaften eine Prioritätenliste bei sich, wie sie nach ihrem Einsatz in der australischen Presse erzählen. Darauf stehen die wichtigsten Orte für die jeweilige Gemeinde - das Altenheim, der Lebensmittelladen, die Kneipe - nach ihrer Wichtigkeit sortiert. So wird entschieden, was zuerst gerettet wird. Wohnhäuser kommen meist am Ende der Liste, die Gemeinschaft ist wichtiger als der Einzelne.

Eine Einstellung, von der auch die Deutsche Annika Hoppe berichtet, die seit mehreren Jahren mit ihrer Familie in Australien lebt. „Ich bin immer wieder erstaunt über den Optimismus, den Mut, die Kreativität und den Zusammenhalt, den die Australier in solchen Krisen zeigen“, so die Medizinerin im Gespräch mit dieser Redaktion. „Viele Freiwillige riskieren ihr Leben, um diese verheerenden Brände zu löschen. Menschen werden unglaublich erfinderisch, wie sie ihre Häuser schützen können und man steht einander bei, man ist füreinander da.“ Bisher ist ihr Wohnort an der Ostküste Australiens von den Bränden verschont geblieben. Trotzdem bestimmen die Feuer und die Dürre seit Wochen ihren Alltag. „Wir haben seit Wochen fast dauerhaft die Nachrichten im Fernsehen laufen und verfolgen sehr genau, wo und wie stark es brennt.“ Über eine App auf dem Smartphone informieren sie sich darüber, wo es in ihrer Nähe momentan brennt. Auch eine Evakuierungsanweisung würde über diesen Kanal laufen.

„Die Brände sind auch für alle Australier weitaus unberechenbarer, größer und zerstörerischer als bisher dagewesen“, so Hoppe. Die Dürre habe bereits alle Bäume in ihrem Garten gefordert. Aufgrund der hohen Wasserbeschränkungen ist es schon seit längerer Zeit verboten, im Garten zu wässern oder das Auto zu waschen. Zusammen mit ihrer Familie steht sie vor der Frage, ob ihre neue Heimat in Zukunft überhaupt noch bewohnbar sein wird.

Die Tiere

Ob und wie viel Lebensraum durch die Brände auch in Zukunft wegfällt, vor dieser Frage stehen auch viele Artenschützerinnen und -schützer. Sie sind in Sorge um die australische Tierwelt. Wie viele Tiere bereits den Feuern zum Opfer fielen, kann bisher nur geschätzt werden. Der WWF Australien rechnet inzwischen mit etwa 1,25 Milliarden Tieren, die direkt oder indirekt durch die Feuer getötet wurden.

Der für Naturschutz zuständige Vorstand von WWF Deutschland, Christoph Heinrich, erklärte, seine Organisation sei „entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung“. „Die Klimakrise verursacht keine Buschfeuer, aber sie macht sie viel verheerender“, hob Heinrich hervor. Die Lage verdeutliche, „dass Klimakrise und Artensterben zusammen gedacht werden müssen“: „Ohne eine intakte Natur sind ambitionierte Klimaziele nicht zu erreichen. Wenn die Erderhitzung nicht begrenzt wird, werden mehr Tierarten ihren Lebensraum verlieren.“

Gerade die Bilder der verletzen Koalas gehen seit Wochen um die Welt. Die Zahl der australischen Symboltiere schrumpft ohnehin seit Jahren aufgrund der übermäßigen Abholzung von Wäldern. Die Feuer könnten ein Aussterben der Koalas in den nächsten Jahrzehnten beschleunigen, warnt der WWF.

Autorin: Viktoria Meinholz, Mit Material von dpa und afp

Mitarbeit: Nora Burgard-Arp

Fotos: dpa/picture alliance

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