Unwetter

Psychiater: Alpträume sind nach der Tornado-Nacht normal

| | 20.08.2021 19:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Tornado hat auch vor persönlichen Dingen wie Kinderspielzeug nicht Halt gemacht. Bild: Ortgies
Der Tornado hat auch vor persönlichen Dingen wie Kinderspielzeug nicht Halt gemacht. Bild: Ortgies
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Wer nach dem Tornado nicht gut schlafen und an nichts anderes als Wirbelstürme denken kann, ist längst nicht psychisch krank. Halten die Symptome aber wochenlang an, sollte ein Arzt besucht werden.

Großheide - Noch sei es relativ ruhig bei ihm, sagt der Berumerfehner Pastor Stephan Achtermann. Bisher hätten sich kaum Menschen bei ihm gemeldet, die nach der Tornado-Katastrophe Seelsorge benötigt hätten. „Ich gehe davon aus, dass das in der nächsten Woche kommen wird“, sagt der Geistliche. Dann, wenn die Menschen aufgeräumt hätten, was derzeit eben aufgeräumt werden könne, wenn sie zur Ruhe und zum Nachdenken gekommen seien, „dann werden viele wohl leider zusammenbrechen“. Er habe ein offenes Ohr für jeden, sagt er. Und wenn es zu viele Menschen für ihn würden, könne er sich auf andere Leute in der Kirche verlassen. „Wir sind vorbereitet“, sagt Achtermann.

Holger Siemann arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Leer und gibt Achtermann recht: „Wenn solche Katastrophen passieren, schalten viele Menschen in eine Art Funktionsmodus um“, sagt der Mediziner. Mitunter erfassten sie das ganze Ausmaß des Chaos noch gar nicht. Es sei leichter, sich dann mit etwas zu beschäftigen, heruntergefallene Ziegel zu sortieren, Schutt beiseite zu räumen. „Oftmals hilft dieses Aufräumen von Gegenständen auch dabei, sich innerlich selbst zu sortieren“, erklärt Siemann. Das kenne man auch von psychisch Erkrankten. „Meine Patienten sagen dann: Ich muss jetzt erst mal aufräumen.“ Das helfe diesen Patienten dann tatsächlich. Es könne aber auch sein, dass von Katastrophen Betroffenen in eine Art Schockstarre verfielen und völlig abwegige Dinge täten. „Ein Beispiel: Das ganze Haus ist weggerissen, man versucht aber, die Gardinen wieder geradezuzuppeln“, sagt der Psychiater.

Erst einmal vier Wochen abwarten

Das Beispiel des Funktionsmodus lasse sich auch immer dann feststellen, wenn ein Ehepartner versterbe, sagt Siemann. „Der verbleibende Partner funktioniert dann solange, bis die Beerdigung und andere Dinge wie Versicherung und Banken geklärt sind“, so der Mediziner. „Dann brechen sie zusammen, weil sie realisieren, dass dieser Mensch tatsächlich nie wieder kommt.“ Spricht man dann direkt von einer psychischen Störung – zum Beispiel einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)? „Nein“, sagt Siemann. Es sei absolut normal, Alpträume zu bekommen und zunächst an nichts anderes als die Katastrophe denken zu können. Deshalb rät er jedem der Betroffenen, so gut es geht an die Zukunft zu denken. „Dass das schon wieder wird, ist ein guter und tröstender Gedanke“, sagt der Arzt. Und er sei auch gar nicht abwegig: „So wie ich das verstanden habe, sind die meisten Menschen ja versichert.“

Er rät davon ab, schon nach ein paar Tagen medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Studien haben gezeigt, dass mehr Menschen als statistisch wahrscheinlich eine PTBS entwickeln, wenn ihnen sofort nach der Katastrophe jemand erklärt, was jetzt alles mit ihrer Psyche passieren kann“, sagt der Leeraner Arzt. Die meisten Menschen hätten eine so starke Resilienz, eine psychische Widerstandskraft, dass sie keine PTBS entwickelten. Wenn die Alpträume allerdings nach vier Wochen nicht abklängen und zum Beispiel Angstattacken dazukämen, wenn man nur ein paar graue Wolken sähe, sollten sich Betroffene doch um einen Arzttermin kümmern. Und an wen sollte man sich wenden? „Grundsätzlich ist der Hausarzt erst mal ein guter Ansprechpartner“, sagt Siemann. Seiner Erfahrung nach hätten die Kollegen eine gute Menschenkenntnis und nähmen sich viel Zeit für ihre bekannten Patienten.

Der Hausarzt könne einschätzen, ob es sich möglicherweise um eine PTBS handele und den Patienten an einen Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen. Das Problem: „Einen Termin beim Psychiater bekommt man in der Regel in drei bis vier Monaten“, sagt Siemann. Gehe es um Gesprächstherapie bei einem Psychotherapeuten müssen man sogar neun bis zwölf Monate warten. Es lohne sich dann, die offenen Sprechstunden in Anspruch zu nehmen. Siemann könne sich aber auch vorstellen, dass Hausärzte „auf dem kurzen Dienstweg“ mit ihnen bekannten Kollegen Termine ausmachen könnten. „Das muss dann individuell besprochen werden“, sagt der Arzt.

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