Osnabrück
Afghanistan: Was erwartet Frauen und Mädchen unter der Scharia?
Die Taliban geben nach der Machtübernahme vor, auch Frauen am öffentlichen Leben teilnehmen zu lassen - im Rahmen der Scharia. Doch was bedeutet das genau? Welche Vorgaben macht das islamische Recht?
Aus der Öffentlichkeit der afghanischen Hauptstadt sind Frauen nach der Machtübernahme der Taliban weitgehend verschwunden - und das, obwohl ein Sprecher der Extremisten zuletzt zugesichert hatte, Frauenrechte zu achten. Das Problem: Die Zusage gilt nur im Rahmen der Scharia. Und das macht die Zukunft für Frauen und Mädchen ungewiss.
Der Koran erlaubt grundsätzlich sowohl Bildung als auch Berufstätigkeit von Frauen. Doch das islamische Recht wird in verschiedenen Ländern und von Theologen unterschiedlich ausgelegt. Denn die Scharia, das islamische Rechtssystem samt dazugehörender theologischer Texte und Überlieferungen des Propheten, ist nicht einheitlich kodifiziert.
So sind die Interpretationsspielräume enorm, etwa was die Rechte von Frauen angeht. Hinzu kommt, das dort, wo die Scharia Freiräume lässt, oft strenge traditionelle und kulturelle Normen in einzelnen Ländern und Stammesgesellschaften Frauen den Weg verstellen. Auch in Saudi-Arabien oder dem Iran sind Frauenrechte nicht mit denen in der westlichen Welt zu vergleichen.
Was also erwartet Frauen unter den Taliban?
„Es gibt liberale Theologen, die versuchen die Scharia in einer moderaten Weise auszulegen oder die Taliban, die waren jetzt nicht gerade bekannt dafür, dass sie das gemacht haben, sondern im Gegenteil“, sagte die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter, dem Mitteldeutschen Rundfunk.
„Auch Mohammeds erste Ehefrau, war eine Frau, die nicht nur einen Beruf hatte, sondern die absolut anerkannt war in Mekka“, sagte Schröter weiter. Deshalb versuchten viele Islamisten über Umwege die Frauen aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.
Die Taliban etwa hätten das in der Vergangenheit etwa mit der angeblichen Sündhaftigkeit begründet: „Die Frauen verursachen Unruhe in der Welt, weil sie alleine schon die Verkörperung der Sünde sind, deshalb dürfen sie nicht in die Öffentlichkeit“, fasst Schröter die Argumentation der Taliban zusammen: „Und darüber haben sie dann versucht die Berufstätigkeit der Frauen zu kappen.“
Aktuelle Entwicklung in Afghanistan im Liveblog
Das Wort Scharia kommt aus dem Arabischen und hat sich als Begriff für die „göttliche Ordnung“ durchgesetzt. Fast alle islamischen Staaten wenden die Scharia aber nur im Personen- und Familienrecht an. Bei Straftaten gelten meist andere Gesetze. In die Schlagzeilen gerät die Scharia nun wieder, weil die radikalislamistischen Taliban in Afghanistan nach ihrer Machtübernahme angekündigt haben, dass die Scharia in einem „Islamischen Emirat“ gelten solle.
„Göttliche Ordnung“ auf Erden mit drastischen Konsequenzen
Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Frauen nur noch vollverschleiert und in Begleitung einer männlichen Person in die Öffentlichkeit oder keine Schulen besuchen dürfen - ähnliche Regeln galten bereits in den 1990er Jahren, als die Taliban in Afghanistan schon einmal die Herrschaft übernommen hatten.
Die Taliban bekennen sich zu den sogenannten Hadd-Regeln. Hadd-Verbrechen bedeutet übersetzt „Grenzvergehen“. Das sind Vergehen, die als Verbrechen gegen Gott gelten. Zu den schwersten zählen etwa Ehebruch, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abtrünnigkeit vom Glauben, Alkohol trinken, Raub und Diebstahl.
Scharia: Bei Ehebruch droht Steinigung
Die Scharia definiert dafür schwere Strafen, beispielsweise die Steinigung bei Ehebruch, Stock- und Peitschenhiebe beim Genuss von Alkohol oder dem Konsum anderer Drogen und die Todesstrafe bei einer Abkehr vom Islam.
Nun haben die neuen Machthaber zugesagt, Tätigkeiten von Frauen in bestimmten Bereichen wie Gesundheit Bildung und auch anderen Bereichen akzeptieren zu wollen. Sie müssten dabei unparteiisch bleiben und Inhalte sollten nicht islamischen Werten entgegenstehen. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte:
Ein anderer Sprecher der neuen Machthaber sagte zudem in einem Interview des britischen Senders Sky News, dass Frauen in Afghanistan künftig nicht wieder dazu verpflichtet sein sollten, in der Öffentlichkeit die Ganzkörperbedeckung Burka zu tragen. Auch das Tragen anderer Formen von Schleiern solle erlaubt sein.
Prominente Moderatorin von Arbeit ausgeschlossen
Was die Ankündigungen tatsächlich wert sind, ist offen. So haben die Taliban erst soeben eine prominente TV-Moderatorin von der Arbeit ausgeschlossen und bedroht. Ihr sei nicht erlaubt worden, an ihren Arbeitsplatz beim staatlichen Sender RTA zu gehen, erklärte Shabnam Dawran in einem Video, das mehrere Medien am Donnerstag veröffentlichten und Dawran selbst in den sozialen Medien verbreitete. Während ihre männlichen Kollegen weiterarbeiten dürften, habe man ihr gesagt, das sei nun eine andere Regierung: „Es gibt also ernsthafte Drohungen gegen uns.“
Die Moderatorin bat das Ausland und internationale Organisationen um Hilfe. „Unser Leben ist in ernster Gefahr“, sagte Dawran. Sie habe sich durch den Machtwechsel nicht entmutigen lassen und weitergearbeitet.
Dawran ist nicht die einzige afghanische Journalistin, die von den Taliban an ihrer Arbeit gehindert wird. Die neue Sprecherin des staatlichen Senders, Khadija Amin, sei am Montag durch einen Mann von den Taliban ersetzt worden, berichtete die „New York Times“. Ihr Chef habe Amin gesagt, die Taliban hätten Frauen von der Arbeit beim staatlichen Sender ausgeschlossen.
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