Berufe

„Ich gebe toten Tieren ein zweites Leben“

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 20.08.2021 17:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch wenn es so aussieht: Die Ratte auf der Hand von Bram van Leeuwen schnuppert nicht. Sie ist ein Präparat. Foto: Ortgies
Auch wenn es so aussieht: Die Ratte auf der Hand von Bram van Leeuwen schnuppert nicht. Sie ist ein Präparat. Foto: Ortgies
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Tote Tiere faszinieren Bram van Leeuwen schon seit seiner Kindheit. Er hat eine Ausbildung zum Präparator gemacht und will sich in Coldam mit einer eigenen Werkstatt selbstständig machen.

Was und warum

Darum geht es: Bram van Leeuwen versucht, tote Tiere so zu präparieren, dass sie lebendig aussehen.

Vor allem interessant für: Jäger, Tierfreunde und alle, die sich für die Natur interessieren.

Deshalb berichten wir: In den vergangenen Jahren hat diese Zeitung schon häufiger über das ungewöhnliche Hobby von Bram van Leeuwen berichtet. Jetzt hat sich der 19-Jährige bei uns gemeldet und uns erzählt, dass er jetzt seine Ausbildung abgeschlossen hat und sein einstiges Hobby zu seinem Beruf machen will.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Coldam - Regungslos sitzt die weiße Ratte auf einem Brett in der Werkstatt. Sie streckt ihre Nase in die Höhe, als würde sie etwas erschnuppern. Jedes kleine Barthaar ist zu erkennen, die schwarzen Äuglein glänzen und man rechnet eigentlich jeden Moment damit, dass losflitzt. Doch der putzmunter wirkende Nager ist erstarrt. Bram van Leeuwen hat die Ratte präpariert. „Ich habe ihr ein zweites Leben gegeben.“ Der 19-Jährige hat gerade seine Ausbildung zum Tierpräparator abgeschlossen und möchte sein langjähriges Hobby nun zum Beruf machen.

Mit den Nadeln in der Maulspalte dieses Fuchses verhindert Bram van Leeuwen, dass sich in dem Bereich die Haut zusammenzieht. Foto: Ortgies
Mit den Nadeln in der Maulspalte dieses Fuchses verhindert Bram van Leeuwen, dass sich in dem Bereich die Haut zusammenzieht. Foto: Ortgies
„Ich habe mich schon als Kind für Tiere interessiert“, erzählt Bram van Leeuwen. Er wollte auch ergründen, was nach dem Tod mit ihnen passiert. „Ich habe zum Beispiel die Knochen meines Kaninchens ausgegraben, das wir im Garten beerdigt hatten.“ Und dann entdeckte er seine Sammelleidenschaft. Tierschädel, Knochen ausgestopfte Tiere. „Mein ganzes war voll davon.“ Nach einigen Praktika habe sein Berufswunsch festgestanden. Am Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum hat er im Juni seine Ausbildung und seine Fachhochschulreife mit der Note 1,8 absolviert.
Ein junges Nutria hat Bram van Leeuwen auch präpariert. Foto: Ortgies
Ein junges Nutria hat Bram van Leeuwen auch präpariert. Foto: Ortgies

Strenge Gesetzeslage in Deuschland

Das ausgestopfte Kaninchen hat der Präparator auf einer Holzplatte befestigt. Foto: Ortgies
Das ausgestopfte Kaninchen hat der Präparator auf einer Holzplatte befestigt. Foto: Ortgies
Inzwischen hat sich der gebürtige Niederländer eine eigene Werkstatt in der Scheune des Kunstzentrums Coldam, das seine Eltern Gemma und Vincent betreiben, eingerichtet. Sobald er sein Gewerbe angemeldet hat, soll es losgehen. „In den Niederlanden lassen viele Leute ihre verstorbenen Haustiere präparieren“, weiß er von seinen Praktika, die er im Nachbarland absolviert hat. Jäger lassen sich ebenfalls Tiere ausstopfen, die sie bei der Jagd erlegt haben. Sie liefern ihm auch „Übungsmaterial“.

„Bei uns ist die Gesetzeslage streng“, sagt er, „ein überfahrenes Reh dürfte ich selbst nicht einfach von der Straße nehmen und es präparieren. Das wäre Wilderei.“ In der Ausbildung sei es einfacher gewesen, an verendete Tiere zu kommen. „Wir haben dort Spenden von Zoos und Tierparks bekommen, zum Beispiel einen Nasenbären und sogar einen Löwen. Das war schon faszinierend“, erzählt er. Gemeinsam mit anderen Auszubildenden habe er in der Zeit einen Wolf präpariert. „Der war bei einem Autounfall verendet.“

Nichts für Zartbesaitete

Die größte Herausforderung sei es, das Tier in einer naturgetreuen Haltung so zu präparieren, dass es so echt und lebendig wie möglich aussieht – wie der Fuchs, an dem Bram van Leeuwen gerade arbeitet. Rund um das Maul des Tiers stecken Nadeln. „Sie verhindern, dass die Haut sich beim Trocknen zusammenzieht. Das würde dann nicht mehr schön aussehen“, erklärt er.

Der erste Arbeitsgang ist nichts für Zartbesaitete. Der 19-Jährige schneidet den Körper auf und zieht den toten Tieren die Haut mit dem Fell oder dem Gefieder ab. „Die Haut wird von Fett und Muskelgewebe befreit und anschließend gewaschen und gegerbt.“ Um den Körper des Präparats zu formen, verwendet der 19-Jährige PU-Schaum. Manchmal arbeitet er aber auch nach der alten Methode. Er greift zwei Hände Holzwolle aus einem Karton und umwickelt sie mit wenigen Griffen mit einem Draht – fertig ist das Innenleben, beispielsweise für einen Vogel.

Wunderwerke der Natur

Bram van Leeuwen zeigt Augen verschiedener Tiere, die seinen Präparaten ein lebendiges Aussehen verleihen. Das blau-graue würde er für einen Fuchswelpen verwenden. Foto: Ortgies
Bram van Leeuwen zeigt Augen verschiedener Tiere, die seinen Präparaten ein lebendiges Aussehen verleihen. Das blau-graue würde er für einen Fuchswelpen verwenden. Foto: Ortgies
Auf das Modell wird später die Haut geklebt. Ekelig empfindet er diese Arbeit überhaupt nicht. „Das ist einfach nur faszinierend“, sagt er begeistert. Wenn man so ein Tier von innen sehe, begreife man, was für ein Wunderwerk der Natur so ein Körper sei. Gleichzeitig erfährt der 19-Jährige bei seiner Arbeit auch viel über die Tiere. Er öffnet eine der zahlreichen kleinen Schubladen und holt verschiedene Augen heraus. „Diese kleinen hellblauen bräuchte ich beispielsweise für einen Fuchswelpen. Die Augen ausgewachsener Füchse sind richtig orange.“

Für ihn habe seine Arbeit mit der Achtung vor den toten Tieren zu tun. „Ich erweise ihnen gegenüber Respekt, indem ich sie mit dem Präparat erhalte – bei guter Pflege für die Ewigkeit.“ Auch mit dem eigenen Tod hat sich Bram van Leeuwen auseinandergesetzt. „Ich habe mich daher als Körperspender registrieren lassen.“

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