Corona
In Sorge um die Gesundheit und die Umsätze
Ab einer Inzidenz von 35 soll für Friseurbesuche, in Restaurants und Hotels oder Fitnessstudios in Kürze eine Testpflicht für Ungeimpfte gelten. Wie stehen Betreiber zu den neuen Regeln?
Borkum/Ostfriesland - So unterschiedlich die einzelnen Bundesländer in den vergangenen Monaten die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz umgesetzt haben, in diesem Punkt soll nun bundesweite Einheitlichkeit her: Künftig soll in Kreisen und kreisfreien Städten, in denen der Inzidenzwert über 35 liegt, die sogenannte 3G-Regel gelten für Menschen, die am sozialen Leben teilnehmen wollen. Sie müssen also nachweisen, dass sie genesen, geimpft – oder aktuell negativ getestet sind.
Dies soll gelten für Besuche von Restaurant-Innenräumen, für Innenraum-Veranstaltungen wie Konzerte oder Disco-Besuche, für Hotels, für Fitnessstudios, Schwimmbäder und Sporthallen, für „körpernahe Dienstleistungen“ bei Friseuren und Kosmetikstudios ebenso wie für Besuche in Kliniken und Pflegeheimen. Hinzu aber kommt: Wohl ab Oktober sollen diejenigen, die geimpft werden könnten, sich aber bewusst dagegen entschieden haben, diese Tests auch selbst bezahlen. Die konkrete Verordnung des Landes wird noch eine Reihe von Tagen auf sich warten lassen, dieser Weg aber scheint eindeutig vorgezeichnet. Wie stehen Betriebe aus Borkum und Ostfriesland zu diesem Thema?
„Das Vorhaben erhöht schon den Druck“
Dr. Torsten Slink, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg, sagt: „Intern haben wir dieses Thema noch nicht in den Ausschüssen diskutiert. Wie auch in der Gesellschaft generell, wird es auch unter unseren Mitgliedern eine Vielfalt an Meinungen geben. Ich rechne mit zahlreichen, die nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete in ihre Restaurants oder Geschäfte lassen, weil sie Infektionen unbedingt verhindern und auch auf jeden Fall um einen weiteren Lockdown herumkommen wollen.“ Und es werde auch einige geben, die sagen: Eine Testpflicht auf eigene Kosten für Ungeimpfte werde die Umsätze wegbrechen lassen, weil dann wegen der Zusatzkosten weniger Menschen kommen und einkaufen, Dienstleistungen in Anspruch nehmen oder essen gehen.
„Das Vorhaben erhöht schon den Druck auf diejenigen, die sich noch nicht impfen lassen haben, und das kann die Impfkampagne beschleunigen. Wie das am Ende in der Wirtschaft ankommt und sich auswirkt, muss man abwarten. Es gibt ja auch impfkritische Unternehmer.“ Bei allem blieben vor allem auch bis zum Herbst dringend arbeitsrechtliche Fragen zu klären: „Wie gehe ich als Arbeitgeber damit um, wenn Mitarbeiter sich nicht impfen lassen - zumal ich vom Datenschutz eigentlich als Arbeitgeber nicht einmal berechtigt bin, den Impfstatus zu erfragen?“ Dürfe oder müsse man Ungeimpfte zum Schutz vor sich selbst und anderen ins Homeoffice schicken? „Und das geht ja auch gar nicht bei allen Berufen“, oder wie gehe man sonst mit seiner Fürsorgepflicht um? „Das wird noch eine Reihe spannender Fragen geben“, so Slink.
„Die Tests suggerieren Sicherheit“
Bei den Borkumer Hoteliers herrscht wenig Unmut wegen der 3G-Regelung. Viele Gäste seien eh geimpft und auch das Testen sei kein Problem. „Das finde ich total in Ordnung“, sagt etwa Marc Bandke, Betreiber des Hotels „Haus Hubertus“. Er nehme die Regelungen sehr ernst und halte sich an geltende Verordnungen. „Die Tests suggerieren Sicherheit. Ich halte mich daran, damit sich auch die Gäste sicher fühlen“, meint er. Wenn mal ein Gast käme, der nicht genesen, geimpft oder getestet sei, wäre das für ihn kein Problem. „Ich habe einen großen Karton mit Tests bestellt. Die biete ich meinen Gästen zumindest dieses Jahr noch kostenlos an“, so der Hotelier. Er habe die Schulung zum Durchführen der Schnelltests besucht und dürfe seine Gäste daher offiziell auf das Coronavirus testen.
Mit Sorge blickt Bandke allerdings in die Zukunft. Falsch fände er es, wenn aus der 3G-Regelung irgendwann eine 2G-Regelung – also genesen oder geimpft – werden würde: „Dann würde man Menschen, die gesund sind, aber nicht geimpft sind, in eine andere Schublade stecken, als die vermeintlich ‚gesünderen‘, geimpften Menschen“.
Sorge vor wegbrechenden Umsätzen
Osman Kalkinc, Betreiber des Restaurants „Alt-Borkum“ in der Roelof-Gerritz-Meyer-Straße macht sich ebenfalls wenig Sorgen um die 3G-Regel. Etwa 90 Prozent seiner Gäste seien eh geimpft, schätzt er. Die neue Richtlinie bei einer Inzidenz ab 35 würde den Betrieb daher wenig einschränken. Ganz sorgenfrei ist der Gastronom aber nicht: „Ich habe wenig Angst vor der 3G-Regel, sondern mehr davor, dass die Leute nicht mehr kommen, wenn das Wetter schlechter wird.“ Denn: „Die Leute sind doch noch sehr vorsichtig in geschlossenen Räumen“, berichtet er. Schließlich könnten die Gäste bei kaltem Wind und Regen nicht draußen sitzen, wie das bisher der Fall war.
Keine Nachteile für Geimpfte durch Impfverweigerer
Auch in Fitnessstudios soll demnächst „3G“ - also genesen, geimpft oder getestet - verpflichtend für den Besuch sein in Regionen mit einer Inzidenz über 35. Wilfried Theessen, Vorsitzender des MTV Aurich, der sowohl Sport in Turnhallen wie auch ein eigenes Fitnesscenter im Angebot hat, begrüßt diese Strategie. „Wir haben immer dafür plädiert, dass jeder sich impfen lassen soll, um Infektionen und schwere Erkrankungen zu minimieren.“ Auf Kosten Ungeimpfter sollten die Geimpften keine Nachteile haben, sagt Theessen.
„Wer sich partout nicht impfen lassen will, obwohl er sich impfen lassen könnte, darf dann auch auf andere Weise seinen Beitrag zu einem möglichst sicheren Miteinander leisten. Damit habe ich kein Problem.“ Aktuell habe man angedacht, eine Liste aller geimpften Mitglieder anzulegen, „damit diejenigen nicht jedes Mal aufs Neue vorweisen müssen, dass sie geimpft sind“. Bei den Ungeimpften - sofern die Testpflicht greife - müssten dann die Übungsleiter jedes Mal das Testergebnis kontrollieren. Inwiefern man womöglich auch selbst Tests anbiete, „müssen wir noch diskutieren, auch das kann eine Möglichkeit sein“, so Theessen. „Grundsätzlich halte ich die Idee einer Testpflicht für Ungeimpfte ab einem bestimmten Inzidenzwert aber für gut, stehe voll hinter der Linie. Ich denke, wenn wir damit alle vernünftig leben können, ist das eine gute Sache. Keiner von uns möchte einen weiteren Lockdown.“