Hamburg
Warum die totgesagten Politik-Talkshows noch immer leben
Politische Talkshows sind umstritten: Botschaften werden vereinfacht, die Protagonisten betreiben Selbstdarstellung. Ein Rückblick auf die vergangenen Monate.
Markus Lanz hat seine Chance genutzt. Der ZDF-Mann, Jahre lang als Flachwasser-Talker belächelt, hat in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich an Profil gewonnen. Das lag einerseits an ihm selbst, Lanz wirkt besser vorbereitet, hartnäckiger, ja: bissiger als früher. Andererseits hatte Lanz den Sommer über aber auch einen nahezu freien Aufschlag, wo sonst die politischen Talkshows um Aufmerksamkeit konkurrieren: Maybrit Illner, Anne Will, Frank Plasberg, Sandra Maischberger - sie alle waren in der Sommerpause (in die Lanz erst sehr viel später gegangen ist).
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Das ist ja gewissermaßen das erste Kuriosum in der an Kuriositäten nicht armen deutschen Fernseh-Polittalk-Welt: Im Sommer verstauben die gemütlichen Sessel, in denen sonst nicht weniger als die Welt verhandelt wird, hinter den Kulissen. Was schon immer wie ein merkwürdiger, antizyklischer Bruch wirkte, weil die Welt mit all ihren Krisen und Chancen ja grundsätzlich nicht in die Sommerpause geht, erscheint in diesem Jahr nahezu fahrlässig: Die Corona-Pandemie hat Deutschland immer noch fest im Griff, Starkregen und Dürreperioden zerstören ganze Landstriche, Afghanistan versinkt im Chaos und im Herbst steht eine nicht ganz unwichtige Bundestagswahl an; Anlässe gäbe es also genug, um dem Fernsehzuschauer die regelmäßigen politischen Lagerfeuerrunden anzubieten.
Sabine Christiansen als Pionierin
In dieser gesellschaftlichen Aufgeregtheit aber geben sich die öffentlich-rechtlichen Sender wie die Behörden, die sie nun einmal sind: Sommerpause ist Sommerpause, da kann draußen vor der Sendertür los sein, was will. Dabei ist die politische Talkshow eines der erfolgreichsten TV-Formate. Sie hat in Deutschland eine lange Tradition, angefangen von den Altmännerzirkeln wie der Bonner Runde oder dem Presseclub über Sabine Christiansen, ein Format, das oft unterschätzt, bei dem aber auf mehreren Ebenen Pionierarbeit geleistet wurde. Sabine Christiansen war nicht nur namensgebend für die Sendung (was heute zum Standard gehört), sie hat auch den Weg frei gemacht für die vielen Frauen, die heute die erfolgreichsten Talkformate moderieren - und als Moderatorinnen längst ihre eigenen Marken geworden sind.
Zu viel Tiefe verschreckt den Zuschauer
Das Prinzip ist dabei so einfach wie preiswert: Die jeweilige Redaktion setzt - gern dramatisch formuliert - das Thema, sucht die Gäste nicht nur nach der Expertise, sondern auch nach dem Unterhaltungsfaktor aus und würzt das alles gern noch mit ein oder zwei Studiogästen, die entweder die Stimme des Volkes oder von Wissenschaft und Wirtschaft vertreten. Politainment nennt sich das, eine Mischung aus Politik und Entertainment. Der Erkenntnisgewinn dieser Formate ist oft mäßig, weil die Themen meist oberflächlich verhandelt werden - zu viel Tiefe verschreckt den Zuschauer. Andererseits erleichtern sie aber auch den Zugang zu politischen Themen.
Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hat es in seiner Studie zu den Talkshows im Jahr 2011 so formuliert: „Konkrete Fragen werden ins Wolkige geweitet. Kontroversen werden in der Regel nicht rationalisiert, sondern psychologisiert. Komplexe Entscheidungen werden gerne auf Ja/Nein-Schemata heruntergebrochen.“ Gäblers zehn Jahre alte Studie ist eine 154-seitige Vernichtung des Polittalks, die in zwei wesentlichen Erkenntnissen mündet: „Die Kluft zwischen Politik-Darstellung und realer Verhandlungs- und Entscheidungspolitik wird größer.“ Und: „Jetzt schon haben die Talkshows den Zenit ihrer Bedeutung überschritten.“
Letzteres zumindest stimmt nicht, die Zahl der Sendungen, in denen über Politik gesprochen wird, ist deutlich gewachsen, auf Youtube, in Streams, aber auch im analogen Fernsehen. Derzeit versuchen private Sender wie Pro7 und RTL das Trash-Image abzustreifen und haben der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz mit Linda Zervakis und Pinar Atalay gestandene Nachrichtengesichter abgeworben. Die ersten Infotainment-Talk-Formate sind auch dort bereits in der Vorbereitung. Der langjährige ARD-Nachrichtensprecher Jan Hofer etwa ist unlängst mit seiner neuen Sendung „RTL Direkt“ auf Sendung gegangen, auch dort wird, unter anderem, getalkt.
66 von 106 Sendungen drehten sich um Corona
Wie eng der Markt und die Themen sind, belegen nicht zuletzt die Zahlen, die der Branchendienst „Meedia“ am Ende eines jeden Talk-Jahres veröffentlicht. 2020 war in dieser Hinsicht besonders auffällig, denn das alles dominierende Thema war die Corona-Pandemie. Von 106 Sendungen „Anne Will“, „Hart aber fair“ und „maybrit illner“ drehten sich 66 um das Corona-Thema, weit abgeschlagen folgte die US-Wahl mit acht Sendungen. Auch wenn die Pandemie aus naheliegenden Gründen die Themenagenda der Talkformate bestimmt hat, zeigt sich doch das eingeschränkte Sichtfeld der beteiligten Redaktionen; sie bestätigen damit einen anderen zentralen Satz aus der Studie des Medienforschers Gäbler: „Talkshows sind nie vorausschauend, immer reaktiv.“
Talk-Gäste müssen auch unterhaltsam sein
Gleiches gilt wohl auch für die Besetzung der Gästelisten: Im Jahr der sehr diffusen Corona-Lagen waren die meistgefragten Politiker der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und der CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier mit jeweils 14 Talkshow-Besuchen in den öffentlich-rechtlichen Parallelparlamenten. Damit waren die beiden in fast jeder achten Sendung zu Gast, eine bemerkenswerte Zahl. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kam dagegen nur auf vier Talkshowbesuche, ebenso wie Christian Drosten.
Deutschlands bekanntester Virologe absolvierte alle seine Auftritte bei „maybrit illner“ - auch das ist eine zumindest bemerkenswerte Tatsache. Andere Virologen wie Jonas Schmidt-Chanasit (9), Melanie Brinkmann (9), Alexander Kekulé (9) oder Hendrik Streeck (7) kamen auf deutlich mehr Besuche. Ob das dem Erkenntnisgewinn immer zuträglich war, darf mit Recht hinterfragt werden. Aber die Gästelisten sind in jedem Fall immer ein Beleg dafür, dass die Kriterien bei der Wahl der Diskutanten nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch immer ihr Unterhaltungswert ist. Infotainment braucht meinungsstarke und rhetorisch offensive Protagonisten.
Wer diese Kriterien bedient, der wird in einer unbezahlbaren Währung entlohnt: Bekanntheit und öffentliche Aufmerksamkeit. Man muss es ja nicht zwingend mit dem legendären Ex-Kanzler Helmut Schmidt halten, der schon 1994 ätzte: „Die heutige politische Klasse ist gekennzeichnet durch ein Übermaß an Geilheit, in Talkshows aufzutreten.“ Aber das latente Gefühl vieler Zuschauer, dass einige der Polittalk-Protagonisten doch etwas zu oft ihr Gesicht in die Kameras halten, würde man sich auch auf der anderen Seite des Bildschirms und in den Parlamenten wünschen.