Unwetter

Im Chaos nach der Tornado-Nacht hält Berumerfehn zusammen

| | 17.08.2021 18:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Am Dienstag waren Anwohner wie André Oepken mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Foto: Ortgies
Am Dienstag waren Anwohner wie André Oepken mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Foto: Ortgies
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Nach einer furchtbaren Tornado-Nacht ist ein ostfriesisches Dorf dabei, sich wieder aufzurappeln. Wir haben mit den Menschen in Berumerfehn gesprochen.

Die Schneise, die der Tornado hinterlassen hat, ist deutlich erkennbar. Wie durch ein Wunder wurde die Mühle nicht beschädigt. Foto: Noglik
Die Schneise, die der Tornado hinterlassen hat, ist deutlich erkennbar. Wie durch ein Wunder wurde die Mühle nicht beschädigt. Foto: Noglik
Berumerfehn - Die Westerwieke in Berumerfehn ist eine lange Straße. Kommt man mit dem Auto aus Richtung Moorhusen hier entlang, sieht man zunächst nur vereinzelte Häuser, Bauernhöfe und kleine Siedlungen. Wäre der Tornado am Montagabend hier durchgerast, wäre die Chance groß gewesen, dass er nur ein paar Felder umgepflügt und ein paar Bäume entwurzelt hätte. Doch so war es nicht. Der Wirbelsturm schlug ein paar Kilometer weiter nördlich zu – im Herzen des Dorfes in der Gemeinde Großheide.

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An diesem Dienstagmorgen lässt sich ein ostfriesisch-dörfliches Idyll dort nicht einmal erahnen. Nähert man sich dem Ortskern, fallen als Erstes die zerstörten Bäume im und am Berumerfehnkanal auf. Dann sind die Kettensägen zu hören, das Hämmern, das laute Blubbern von großen Dieselmotoren. Zuletzt sieht man die kaputten Häuser. Und man muss schlucken angesichts des furchtbaren Schicksals, dem mehr als 50 Familien ausgesetzt sind. Denen der Sturm binnen Sekunden das Dach vom Kopf gerissen, die Scheiben eingeschlagen und die Angst in die Glieder getrieben hat.

Mit der „Totenstille“ war alles vorbei

An diesem Tag nach der verheerenden Tornado-Nacht räumen die Menschen im Dorf Äste und Ziegel aus dem Weg, kehren das Glas zerbrochener Fenster zusammen und blicken mit traurigen Gesichtern auf das, was von ihren Häusern, Garagen, Autos und Carports noch übrig ist. „Wir haben über 30 Jahre lang dafür gespart“, sagt Johanne Reemts – und in nur einer Nacht sei so viel zerstört worden. Man sieht der Ostfriesin die Erschöpfung der schlaflosen Nacht an, aber sie wirkt gefasst, als sie erzählt, was geschehen ist.

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Montagabend hätten sie und ihr Mann Arnold ferngesehen, als es auf einmal Störungen mit dem Bild gegeben habe. „Das war wohl der Regen, da gibt es schon mal Probleme mit der Parabolantenne“, sagt sie. Als sie aus dem Fenster geschaut habe, habe sie dann die Bäume gesehen – „die waren gebogen bis fast zum Boden“. Dann kamen der Lärm, der Wind, die Zerstörung. „Wir haben uns auf den Boden geworfen. Ich hatte solche Angst. So eine Angst hatte ich noch nie in meinem Leben.“ Dann kam die „Totenstille“, wie sie sagt. Und alles war vorbei.

Sturm bahnt sich zerstörerischen Weg

Das Bild, das sich am nächsten Tag auf dem Grundstück des Ehepaares bietet, ist furchtbar: Die Scheiben des Autos sind eingeschlagen, das Dach zerstört. Auch die Photovoltaik-Anlage, den Wintergarten und den Swimmingpool im Garten hat es erwischt. „Sogar das andere Auto in der Garage ist kaputt“, sagt Reemts. Durchs Dach und die zerborstenen Scheiben hat sich der Sturm seinen zerstörerischen Weg gebahnt. Wie dem Ehepaar Reemts geht es an diesem Tag vielen Menschen in ihrem Heimatdorf.

Johanne Reemts ist eines der vielen Tornado-Opfer in Berumerfehn. Bild: Ortgies
Johanne Reemts ist eines der vielen Tornado-Opfer in Berumerfehn. Bild: Ortgies
Einige Grundstücke weiter steht Sabrina. Sie trägt eine Arbeitshose und einen Pullover der freiwilligen Feuerwehr. Das Haus im Hintergrund ist für sie aber nicht nur ein Einsatzort, sondern ihr Elternhaus. „Meine Eltern sind momentan auf Norderney, die kennen das ganze Ausmaß noch gar nicht“, sagt sie. Im Laufe des Tages werden sie heimkehren und sehen, was in der Nacht zuvor passiert ist. „Wir waren bis 3 Uhr dabei, das Nötigste zu organisieren“, sagt Sabrina. Heißt zum Beispiel: Dächer notdürftig flicken, „Sicherungen so schnell wie möglich raushauen“.

Aufgegeben hat hier niemand

Dass noch in der Nacht so viel geschafft werden konnte, sei nicht nur der Feuerwehr zu verdanken, sagt Sabrina. Die Nachbarschaftshilfe sei großartig gewesen, und nicht zuletzt die örtlichen Bauunternehmen hätten dafür gesorgt, dass Planen und in vielen Fällen direkt neue Ziegel auf die Dächer kommen konnten. Dass auch am Morgen nach dem Unglück überall Hämmer, Sägen und laute Stimmen zu hören sind, zeigt: Der Schreck steckt den Menschen zwar in den Knochen – aber aufgegeben hat hier niemand.

Arnold Reemts steht in seinem Garten. Der Pool, sowie sein Wintergarten und die Photovoltaikanlage sind kaputt. Foto: Ortgies
Arnold Reemts steht in seinem Garten. Der Pool, sowie sein Wintergarten und die Photovoltaikanlage sind kaputt. Foto: Ortgies
Doch inmitten des Aufräumens gibt es auch einige Grundstücke, die völlig verlassen sind. Fünf Häuser sind laut Feuerwehr nicht mehr bewohnbar. Sie sind mit bloßem Auge auszumachen, so zerfetzt wie die Dämmwolle im Wind weht, kaputte Dachlatten hin und her baumeln und obere Stockwerke fast komplett zu fehlen scheinen. Im Obergeschoss eines der Häuser soll ein Mädchen nur knapp dem Sturm entronnen sein, erzählen ein paar Dorfbewohner auf der Straße. Was als sicher gilt: Niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen. Die Feuerwehr zählt keine Verletzten. Ein Wunder, sagen manche im Dorf.

„Ich dachte, es wäre eine Bombe explodiert“

Davon, dass wirklich niemand verletzt ist, hat sich Marvin Rüst am Abend ganz besonders gründlich überzeugt. Der Großheider, der bei einem Offshore-Rettungsdienst arbeitet, kam nach Feierabend an den verwüsteten Häusern vorbei. „Ich dachte, es wäre eine Bombe explodiert – an einen Tornado habe ich überhaupt nicht gedacht“, sagt er. Mit mindestens 20 Verletzten habe er gerechnet, einige davon ganz bestimmt schwer. Deshalb lief er von Tür zu Tür, fragte die Dorfbewohner, wie es ihnen gehe. „Das Schlimmste war eine ältere Dame mit einer Vorerkrankung am Herzen, die unter Schock stand, mehr war nicht“, sagt Rüst. Ob es selbstverständlich gewesen sei, anzuhalten und einzuspringen? „Na klar“, sagt er.

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Nicht durch Zufall, sondern von Berufs wegen ist Wolfgang Ecker vor Ort. Gemeinsam mit vier weiteren Mitarbeitern der Kreisstraßenmeisterei in Georgsheil sorgt er für die Sicherheit an der Westerwieke – indem kaputte Äste, Zweige und ganze Bäume entfernt werden. „Wir waren gestern ungefähr von 20 bis 3 Uhr im Einsatz“, sagt er. Danach habe es „ein bisschen Schlaf“ gegeben – und seit 7 Uhr sind die Männer wieder im Einsatz. „Man tut, was man eben so kann“, sagt Ecker und trifft damit wohl die Mentalität der meisten Menschen, die an diesem Morgen Schutt schleppen, Menschen tröstend in den Arm nehmen und sich anders nützlich machen.

Versicherer als Hoffnungsträger

Trotz der Rührigkeit, der Ablenkung, die das Anpacken vielleicht so manchem schenkt, schwebt über allem die große Frage danach, wie es mit Berumerfehn und seinen Bewohnern weitergehen soll. Antworten erhoffen sich die Menschen, deren Häuser zum Teil nur noch Schutt sind, von Frauen und Männern mit Klemmbrettern – von den Mitarbeitern der Versicherungen. Die Formulare, die unter ihren Armen klemmen, und die Stifte in ihren Händen sind der Inbegriff der Bürokratie, doch heute ist das alles egal. Sie trösten die Menschen und machen ihnen Hoffnung auf bessere Tage. Sie schauen sich um, machen sich Notizen und gehen weiter zum nächsten Haus. Zum nächsten Schadensfall, hinter dem echte Menschen stehen.

Eine dieser Hoffnungsträger ist Hedwig Diekmann. Sie kommt von der Württembergischen Versicherung und ist unter anderem zuständig für das Haus von Johanne Reemts. Gemeinsam mit ihr betritt sie das Haus durch die von Dreck bespritzte Tür und sagt: „Ich mache das jetzt seit 25 Jahren – aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Sie wolle sich erst einmal einen Überblick verschaffen, schauen, wo Bedarf sei, welche Unternehmen unmittelbar anrücken müssten. Die genaue Begutachtung finde erst am Freitag statt. Diekmann versteht sich als Managerin, als zentrale Steuereinheit in diesem ganzen Chaos. „Es wird schon irgendwie alles gut werden“, sagt sie zu Reemts. Und alle im Haus, in der Straße, im Dorf hoffen, dass das stimmt.

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