Unwetter
Im Chaos nach der Tornado-Nacht hält Berumerfehn zusammen
Nach einer furchtbaren Tornado-Nacht ist ein ostfriesisches Dorf dabei, sich wieder aufzurappeln. Wir haben mit den Menschen in Berumerfehn gesprochen.
Mit der „Totenstille“ war alles vorbei
An diesem Tag nach der verheerenden Tornado-Nacht räumen die Menschen im Dorf Äste und Ziegel aus dem Weg, kehren das Glas zerbrochener Fenster zusammen und blicken mit traurigen Gesichtern auf das, was von ihren Häusern, Garagen, Autos und Carports noch übrig ist. „Wir haben über 30 Jahre lang dafür gespart“, sagt Johanne Reemts – und in nur einer Nacht sei so viel zerstört worden. Man sieht der Ostfriesin die Erschöpfung der schlaflosen Nacht an, aber sie wirkt gefasst, als sie erzählt, was geschehen ist.
Montagabend hätten sie und ihr Mann Arnold ferngesehen, als es auf einmal Störungen mit dem Bild gegeben habe. „Das war wohl der Regen, da gibt es schon mal Probleme mit der Parabolantenne“, sagt sie. Als sie aus dem Fenster geschaut habe, habe sie dann die Bäume gesehen – „die waren gebogen bis fast zum Boden“. Dann kamen der Lärm, der Wind, die Zerstörung. „Wir haben uns auf den Boden geworfen. Ich hatte solche Angst. So eine Angst hatte ich noch nie in meinem Leben.“ Dann kam die „Totenstille“, wie sie sagt. Und alles war vorbei.
Sturm bahnt sich zerstörerischen Weg
Das Bild, das sich am nächsten Tag auf dem Grundstück des Ehepaares bietet, ist furchtbar: Die Scheiben des Autos sind eingeschlagen, das Dach zerstört. Auch die Photovoltaik-Anlage, den Wintergarten und den Swimmingpool im Garten hat es erwischt. „Sogar das andere Auto in der Garage ist kaputt“, sagt Reemts. Durchs Dach und die zerborstenen Scheiben hat sich der Sturm seinen zerstörerischen Weg gebahnt. Wie dem Ehepaar Reemts geht es an diesem Tag vielen Menschen in ihrem Heimatdorf.
Aufgegeben hat hier niemand
Dass noch in der Nacht so viel geschafft werden konnte, sei nicht nur der Feuerwehr zu verdanken, sagt Sabrina. Die Nachbarschaftshilfe sei großartig gewesen, und nicht zuletzt die örtlichen Bauunternehmen hätten dafür gesorgt, dass Planen und in vielen Fällen direkt neue Ziegel auf die Dächer kommen konnten. Dass auch am Morgen nach dem Unglück überall Hämmer, Sägen und laute Stimmen zu hören sind, zeigt: Der Schreck steckt den Menschen zwar in den Knochen – aber aufgegeben hat hier niemand.
„Ich dachte, es wäre eine Bombe explodiert“
Davon, dass wirklich niemand verletzt ist, hat sich Marvin Rüst am Abend ganz besonders gründlich überzeugt. Der Großheider, der bei einem Offshore-Rettungsdienst arbeitet, kam nach Feierabend an den verwüsteten Häusern vorbei. „Ich dachte, es wäre eine Bombe explodiert – an einen Tornado habe ich überhaupt nicht gedacht“, sagt er. Mit mindestens 20 Verletzten habe er gerechnet, einige davon ganz bestimmt schwer. Deshalb lief er von Tür zu Tür, fragte die Dorfbewohner, wie es ihnen gehe. „Das Schlimmste war eine ältere Dame mit einer Vorerkrankung am Herzen, die unter Schock stand, mehr war nicht“, sagt Rüst. Ob es selbstverständlich gewesen sei, anzuhalten und einzuspringen? „Na klar“, sagt er.
Versicherer als Hoffnungsträger
Trotz der Rührigkeit, der Ablenkung, die das Anpacken vielleicht so manchem schenkt, schwebt über allem die große Frage danach, wie es mit Berumerfehn und seinen Bewohnern weitergehen soll. Antworten erhoffen sich die Menschen, deren Häuser zum Teil nur noch Schutt sind, von Frauen und Männern mit Klemmbrettern – von den Mitarbeitern der Versicherungen. Die Formulare, die unter ihren Armen klemmen, und die Stifte in ihren Händen sind der Inbegriff der Bürokratie, doch heute ist das alles egal. Sie trösten die Menschen und machen ihnen Hoffnung auf bessere Tage. Sie schauen sich um, machen sich Notizen und gehen weiter zum nächsten Haus. Zum nächsten Schadensfall, hinter dem echte Menschen stehen.
Eine dieser Hoffnungsträger ist Hedwig Diekmann. Sie kommt von der Württembergischen Versicherung und ist unter anderem zuständig für das Haus von Johanne Reemts. Gemeinsam mit ihr betritt sie das Haus durch die von Dreck bespritzte Tür und sagt: „Ich mache das jetzt seit 25 Jahren – aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Sie wolle sich erst einmal einen Überblick verschaffen, schauen, wo Bedarf sei, welche Unternehmen unmittelbar anrücken müssten. Die genaue Begutachtung finde erst am Freitag statt. Diekmann versteht sich als Managerin, als zentrale Steuereinheit in diesem ganzen Chaos. „Es wird schon irgendwie alles gut werden“, sagt sie zu Reemts. Und alle im Haus, in der Straße, im Dorf hoffen, dass das stimmt.