Analyse
Landesgesundheitsamt riskiert Impfstoff-Experiment in Friesland
Nachimpfungen zur „Gefahrenabwehr“ in Friesland drohen zum Impfstoff-Experiment zu werden. Es könnte dabei zur Viertimpfung von bis zu 1242 Leuten kommen – während Biontech erst die Drittimpfung erforscht.
Friesland - „Eine dritte Dosis des Impfstoffs von Pfizer-Biontech ist derzeit nicht für den breiten Einsatz in den USA zugelassen.“ Darüber informierte Biontech am Montag in einer Pressemitteilung. Doch die Zulassung sei in den USA beantragt und eine solche werde auch in der Europäischen Union angestrebt. Aktueller Stand: Biontech und Pfizer haben Daten aus einer Studie an die US-Arzneimittelbehörde übergeben, die Teil eines Studienprogramms für den Impfstoff ist. „Die Studie untersucht die Sicherheit, Verträglichkeit sowie die Immunogenität einer dritten Dosis des Covid-19-Impfstoffs in erwachsenen Probanden in den Vereinigten Staaten“, erklärt Biontech. „Die Probanden erhielten acht bis neun Monate nach der zweiten Dosis eine Auffrischungsimpfung mit 30 Mikrogramm des [...] Impfstoffs.“
Während Biontech die Wirkung einer Drittimpfung erforscht, riskieren der Landkreis Friesland und das Niedersächsische Landesgesundheitsamt eine Drittimpfung von 8941 Personen sowie eine Dritt- und Viertimpfung von 1242 Personen. Und das in einem Zeitraum von sechs Monaten bei der Drittimpfung und sieben bis acht Monaten bei der Viertimpfung. Denn der Landkreis Friesland kann nach eigenen Angaben nicht ausschließen, dass die Betroffenen in einer oder in beiden ihrer bisherigen Spritzen nur Kochsalzlösung verabreicht bekommen haben. Ein Test, mit dem sich vorhandene Antikörper gegen das Corona-Virus feststellen ließen, wird ihnen nicht angeboten. Bei den Leuten soll „unabhängig von aufgetretenen Impfreaktionen“ nach ihren ersten zwei Spritzen „auf jeden Fall eine neue Impfung erfolgen“, schreiben Landkreis und Landesgesundheitsamt.
Eine Pressestelle verweist an die nächste Pressestelle
Auf Nachfragen unserer Zeitung zu Impfung, Antikörpern und Impfreaktionen verweist die Friesländer Kreisverwaltung an das Landesgesundheitsamt. Dort hatte unsere Zeitung aber schon zeitgleich angefragt: Auf welcher Erkenntnisgrundlage geht das Landesgesundheitsamt davon aus, dass bis zu vier Biontech-Impfungen in sieben Monaten „gesundheitlich unbedenklich“ sind? Antwort: „Dieses Vorgehen ist mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) abgesprochen, das hierfür die entsprechende Expertise hat.“ Eine weitere Frage lautete: Wie viele Personen sind bislang vier Mal mit Biontech geimpft worden und gegebenenfalls in welchem Zeitabstand? Antwort des Landesgesundheitsamtes: „Möglicherweise können Ihnen die Kolleg*innen am RKI diese Frage beantworten.“
Beim RKI, bei dem auch die Ständige Impfkommission (Stiko) angesiedelt ist, hatte unsere Zeitung bereits am Donnerstag angefragt: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, was passiert, wenn jemand in fünf bis sieben Monaten insgesamt drei oder vier Mal mit Biontech geimpft wird? Und: Kann eine drei- oder viermalige Impfung in einem solchen Zeitraum sicher als „gesundheitlich unbedenklich“ eingestuft werden? Die Antwort des RKI vom Montag: „Für Ihre Fragen ist das Paul-Ehrlich-Institut (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel) zuständig.“ Auf den Hinweis unserer Zeitung, dass die Nachimpfungen im Landkreis Friesland aber mit dem RKI abgestimmt sein sollen, hat das Institut am Montag nicht mehr reagiert.
Impfstoff-Institut hat keine Erfahrungswerte bezüglich Vierfach-Impfungen
Beim Paul-Ehrlich-Institut, dessen Expertise vom Landesgesundheitsamt offenbar nicht abgerufen wurde, hatte unsere Zeitung ebenfalls schon am Donnerstag angefragt: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, was passiert, wenn jemand vier Mal mit Biontech geimpft wird, und kann das sicher als „gesundheitlich unbedenklich“ eingestuft werden? Die Antwort des Paul-Ehrlich-Instituts: „Nein, da gibt es keine Erfahrungswerte. Das wird ja gerade im Rahmen der Frage diskutiert, ob, nach welcher Zeit, für welche Personengruppen eine dritte Dosis als Auffrischung (von der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin) empfohlen wird.“
Biontech kommt aufgrund seiner laufenden Studie zu Drittimpfungen, die nach acht bis neun Monaten erfolgt sind, zu folgender Einschätzung: „Die Ergebnisse der Probandengruppe zeigen, dass die dritte Dosis, im Vergleich zu einer zweifachen Impfung, signifikant höhere neutralisierende Antikörpertiter gegen das ursprüngliche Corona-Virus (Wildtyp von SARS-CoV-2) hervorruft. Dies wurde ebenso gegen die Beta-Variante sowie die hochinfektiöse Delta-Variante beobachtet.“ Von einer Viertimpfung ist noch gar keine Rede.
5703 „Geimpfte“ haben sich bereits zu einer Nachimpfung angemeldet
Unsere Zeitung wollte von Biontech und Pfizer wissen, ob es überhaupt schon Leute gibt, die vier Impfstoff-Dosen im Körper haben. Pfizer teilte mit, dass diese Frage von Biontech beantwortet werden müsse. Und Biontech schrieb in einer ersten Reaktion: „Derzeit erreichen uns hunderte Presseanfragen aus aller Welt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir nicht alle Anfragen zeitnah beantworten können.“
Die Friesländer Kreisverwaltung hatte bis Montagnachmittag 5703 Anmeldungen für Nachimpfungen registriert. Hinweise darauf, dass jemand trotz zwei Spritzen schwer an Covid-19 erkrankt wäre, hat die Verwaltung auch nach so vielen Rückmeldungen von zweifach „Geimpften“ nicht. Vielleicht stimmt, was eine fristlos aus dem Impfzentrum entlassene Krankenschwester (wegen der die Nachimpfungen geplant sind) gegenüber der Polizei gesagt hat? Sie gibt – soweit bisher bekannt – an, dass nur in sechs Spritzen zu wenig Impfstoff gewesen sei. Und die Leute, die das betroffen haben könnte, sind schon im späten Frühjahr nachgeimpft worden.
Landesgesundheitsamt sieht keinen Grund, Nachimpfungen zu stoppen
Erwägt das Landesgesundheitsamt, zumindest die Nachimpfungen der 1242 zweifach „Geimpften“ zu stoppen, um sie zunächst doch noch einem Antikörpertest zu unterziehen? Mit dem Ziel, Leute ohne Antikörper – wie bisher für alle geplant – nochmal zweifach zu spritzen? Und Leute mit Antikörpern nur einmal statt – wie bisher vorgesehen – zweimal?
„Nein“, antwortet das Landesgesundheitsamt. „Die Impfung ist teilweise schon lange her, sodass die Antikörperkonzentration möglicherweise sehr gering/nicht vorhanden ist, sodass sich hieraus keine Erkenntnisse gewinnen lassen.“ Und: „Nicht alle geimpften Personen entwickeln Antikörper. Dementsprechend lässt sich von einem solchen Test nicht ableiten, ob eine Person geimpft wurde.“ Selbst wenn bei einer Person keine Antikörper gefunden würden, sage das nichts über den Immunschutz aus: „Neben der Antikörperbildung wird durch eine Impfung gleichzeitig auch eine zelluläre, durch T-Lymphozyten vermittelte Immunabwehr induziert. Auch eine Person, die keine Antikörper bildet, kann also geimpft und somit gegen das Virus geschützt sein.“
Wie mit Antikörpertests Viertimpfungen vermieden werden könnten
Das Paul-Ehrlich-Institut teilte zu Antikörpertests mit: „Sie könnten testen, ob es überhaupt Antikörper gibt (kann bei Organtransplantierten oder immungeschwächten Personen vorkommen, dass sie gar keine Antikörper bilden), aber nicht, wie oft jemand geimpft wurde.“ Was lässt sich daraus für die 1242 Personen schließen, denen bisher zwei Nachimpfungen empfohlen werden? Alle von ihnen, die Antikörper gegen das Corona-Virus im Blut haben, könnten sich auf eine Nachimpfung beschränken – und damit zumindest eine etwaige Viertimpfung vermeiden. Aber dazu müssten sie erstmal auf Antikörper getestet werden.