Corona

In Sorge um die Gesundheit und die Umsätze

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 15.08.2021 14:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Testpflicht für Ungeimpfte auch beim Friseur? Joachim Wachsmann aus Timmel, Obermeister der Friseur-Innung Aurich-Norden, sagt; „Das Letzte, was wir möchten, ist ein weiterer Lockdown.“ Foto: Ortgies/Archiv
Testpflicht für Ungeimpfte auch beim Friseur? Joachim Wachsmann aus Timmel, Obermeister der Friseur-Innung Aurich-Norden, sagt; „Das Letzte, was wir möchten, ist ein weiterer Lockdown.“ Foto: Ortgies/Archiv
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Ab einer Inzidenz von 35 soll für Friseurbesuche, in Restaurants und Hotels oder Fitnessstudios in Kürze eine Testpflicht für Ungeimpfte gelten. Wie stehen Betreiber zu den neuen Regeln?

Ostfriesland - So unterschiedlich die einzelnen Bundesländer in den vergangenen Monaten die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz umgesetzt haben, in diesem Punkt soll nun bundesweite Einheitlichkeit her: Künftig soll in Kreisen und kreisfreien Städten, in denen der Inzidenzwert über 35 liegt, die sogenannte 3G-Regel gelten für Menschen, die am sozialen Leben teilnehmen wollen. Sie müssen also nachweisen, dass sie genesen, geimpft – oder aktuell negativ getestet sind.

Dies soll gelten für Besuche von Restaurant-Innenräumen, für Innenraum-Veranstaltungen wie Konzerte oder Disco-Besuche, für Hotels, für Fitnessstudios, Schwimmbäder und Sporthallen, für „körpernahe Dienstleistungen“ bei Friseuren und Kosmetikstudios ebenso wie für Besuche in Kliniken und Pflegeheimen. Hinzu aber kommt: Wohl ab Oktober sollen diejenigen, die geimpft werden könnten, sich aber bewusst dagegen entschieden haben, diese Tests auch selbst bezahlen. Die konkrete Verordnung des Landes wird noch eine Reihe von Tagen auf sich warten lassen, dieser Weg aber scheint eindeutig vorgezeichnet. Wie steht die ostfriesische Wirtschaft zu diesem Thema?

„Das Vorhaben erhöht schon den Druck“

Dr. Torsten Slink, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg, sagt: „Intern haben wir dieses Thema noch nicht in den Ausschüssen diskutiert. Wie auch in der Gesellschaft generell, wird es auch unter unseren Mitgliedern eine Vielfalt an Meinungen geben. Ich rechne mit zahlreichen, die nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete in ihre Restaurants oder Geschäfte lassen, weil sie Infektionen unbedingt verhindern und auch auf jeden Fall um einen weiteren Lockdown herumkommen wollen.“ Und es werde auch einige geben, die sagen: Eine Testpflicht auf eigene Kosten für Ungeimpfte werde die Umsätze wegbrechen lassen, weil dann wegen der Zusatzkosten weniger Menschen kommen und einkaufen, Dienstleistungen in Anspruch nehmen oder essen gehen.

„Das Vorhaben erhöht schon den Druck auf diejenigen, die sich noch nicht impfen lassen haben, und das kann die Impfkampagne beschleunigen. Wie das am Ende in der Wirtschaft ankommt und sich auswirkt, muss man abwarten. Es gibt ja auch impfkritische Unternehmer.“ Bei allem blieben vor allem auch bis zum Herbst dringend arbeitsrechtliche Fragen zu klären: „Wie gehe ich als Arbeitgeber damit um, wenn Mitarbeiter sich nicht impfen lassen - zumal ich vom Datenschutz eigentlich als Arbeitgeber nicht einmal berechtigt bin, den Impfstatus zu erfragen?“ Dürfe oder müsse man Ungeimpfte zum Schutz vor sich selbst und anderen ins Homeoffice schicken? „Und das geht ja auch gar nicht bei allen Berufen“, oder wie gehe man sonst mit seiner Fürsorgepflicht um? „Das wird noch eine Reihe spannender Fragen geben“, so Slink.

„Ich glaube, das wird keine entscheidende Hürde sein“

Kuno Fischer aus Leer, Chef der Leda-Gruppe, die die Hotels „Hafenspeicher“ und „Frisia“ in Leer sowie das „Hotel am Delft“ in Emden betreibt, sagt: „Für uns ändert sich im Grunde nichts. Wir respektieren jede Haltung, wollen aber zugleich sicherstellen, dass niemand in unseren Häusern einer unnötigen Infektionsgefahr ausgesetzt ist, deshalb gilt für uns, dass unsere Gäste beim Check-In jetzt schon vorweisen müssen, dass sie genesen, geimpft - oder aktuell negativ getestet sind.“ Man heiße jeden gleichermaßen willkommen.

Ihm sei die Sicherheit, auch des Personals, wichtig. „Mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeiter etwa haben die betriebsärztlichen Impfangebote angenommen. Aber uns ist auch grundsätzlich enorm wichtig, dass wir das Risiko einer Infektion so niedrig wie möglich halten.“ Er erwarte auch keine drastischen Umsatzrückgänge, sollte Ungeimpften die finanzielle Hürde eines selbst bezahlten Tests zu hoch sein. Aus Branchenkreisen heißt es, dass der Preis für solch einen Test sich langfristig bei etwa 2,50 Euro einpendeln könnte. „Und ich glaube, das wird keine entscheidende Hürde sein für diejenigen, die sich gegen eine Impfung entschieden haben.“

Sorge vor wegbrechenden Umsätzen

Dennis Casto, Betreiber des Restaurants „da Sergio“ in Aurich, sieht das Ansinnen kritisch. „Wir sind dazu da, unsere Gäste zu bewirten, und das wollen wir bestmöglich tun. Zu testen und Tests zu überprüfen ist eigentlich nicht, was wir gern machen möchten.“ Und: „Natürlich haben wir auch Angst, dass die Leute, die nicht geimpft sind, sich das nicht antun, keine Lust haben einen Test zu machen und auch noch zu bezahlen – und dass uns dadurch Umsätze wegbrechen. Es ist zuletzt alles wieder so gut angelaufen. Wir hoffen, das bleibt auch so.“ Gleich mehrere Wirte baten auf Nachfrage darum, sich nicht öffentlich zu äußern. Da hieß es etwa: „Natürlich wollen wir nur gesunde und am liebsten geimpfte Gäste, aber wir können und wollen die Ungeimpften doch nicht verprellen, unter denen wir auch Stammgäste haben.“ Und: „Wenn wir uns da öffentlich äußern, machen wir uns angreifbar – und das ist so ein sensibles Thema, deshalb äußern wir uns lieber nicht.“

Wer sich beim Friseur die Haare schneiden lassen möchte, muss künftig ab einer Inzidenz von 35 ebenfalls nachweisen, dass er genesen, geimpft oder getestet ist. Joachim Wachsmann aus Timmel, Obermeister der Friseur-Innung Aurich-Norden, sagt: „Wir können nur an die Leute appellieren, sich impfen zu lassen – schon weil wir alle gesund bleiben wollen und nicht möchten, dass sich jemand ansteckt. Und wenn die Verordnung so kommt, werden wir bei Ungeimpften uns Tests vorlegen lassen – auch wenn natürlich die Sorge mitschwingt, dass die nicht geimpften Kunden dann vielleicht erst einmal wegbleiben, gerade, wenn sie die Tests selbst bezahlen sollen und weil das natürlich Mehraufwand ist.“ So drohten auch Umsätze wegzubrechen. „Das Wichtigste ist aber, dass wir die Pandemie hoffentlich bald überwinden, dass wir alle gesund bleiben – und das Letzte, was wir möchten, ist ein weiterer Lockdown“, sagt Wachsmann.

Keine Nachteile für Geimpfte durch Impfverweigerer

Auch in Fitnessstudios soll demnächst „3G“ - also genesen, geimpft oder getestet - verpflichtend für den Besuch sein in Regionen mit einer Inzidenz über 35. Wilfried Theessen, Vorsitzender des MTV Aurich, der sowohl Sport in Turnhallen wie auch ein eigenes Fitnesscenter im Angebot hat, begrüßt diese Strategie. „Wir haben immer dafür plädiert, dass jeder sich impfen lassen soll, um Infektionen und schwere Erkrankungen zu minimieren.“ Auf Kosten Ungeimpfter sollten die Geimpften keine Nachteile haben, sagt Theessen.

„Wer sich partout nicht impfen lassen will, obwohl er sich impfen lassen könnte, darf dann auch auf andere Weise seinen Beitrag zu einem möglichst sicheren Miteinander leisten. Damit habe ich kein Problem.“ Aktuell habe man angedacht, eine Liste aller geimpften Mitglieder anzulegen, „damit diejenigen nicht jedes Mal aufs Neue vorweisen müssen, dass sie geimpft sind“. Bei den Ungeimpften - sofern die Testpflicht greife - müssten dann die Übungsleiter jedes Mal das Testergebnis kontrollieren. Inwiefern man womöglich auch selbst Tests anbiete, „müssen wir noch diskutieren, auch das kann eine Möglichkeit sein“, so Theessen. „Grundsätzlich halte ich die Idee einer Testpflicht für Ungeimpfte ab einem bestimmten Inzidenzwert aber für gut, stehe voll hinter der Linie. Ich denke, wenn wir damit alle vernünftig leben können, ist das eine gute Sache. Keiner von uns möchte einen weiteren Lockdown.“

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