Bildung

Soll auch an Schulen gegendert werden?

Tobias Rümmele
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Von Tobias Rümmele
| 14.08.2021 14:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Deutschland diskutiert über geschlechtergerechte Sprache. Während die Bevölkerung das Gendern mehrheitlich ablehnt, haben sich Schulbuchverlage schon angepasst. Unter Lehrern herrscht Uneinigkeit.

Was und warum

Darum geht es: Die Diskussion um geschlechterneutrale Sprache hat die Schulen erreicht.

Vor allem interessant für: Eltern, Schüler, Lehrer.

Deshalb berichten wir: Rund um das Thema tobt eine gesamtgesellschaftliche Debatte.

Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de

Aurich - Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache, das sogenannte Gendern, spaltet die Gemüter. In Universitäten sind geschlechterneutrale Formulierungen inzwischen überwiegend Standard geworden. In den Schulen fehlt es dagegen an klaren Regeln. Ein Umstand, den Rüdiger Musolf, Schulleiter des Gymnasiums Ulricianum in Aurich, beklagt: „Aktuell ist das ein bisschen Wildwuchs.“ Die verschiedenen Lehrkräfte würden das Thema individuell handhaben. „Die jüngeren Kollegen bringen das Thema von den Universitäten mit an die Schule“, erklärt er. Doch es gebe auch viele Lehrkräfte, die weiterhin auf verallgemeinernde männliche Formen setzen. Der Schulleiter selbst wolle auch nicht gendern. „Ich persönlich halte das für eine Ideologisierung von Sprache“, sagt Musolf, stellt aber klar: „Ich bin bei dem Thema tolerant. Verboten wird am Ulricianum nichts.“
Schulleiter Rüdiger Musolf ist vom Gendern nicht überzeugt, will aber keine Verbote. Foto: Archiv
Schulleiter Rüdiger Musolf ist vom Gendern nicht überzeugt, will aber keine Verbote. Foto: Archiv

Vom Kultusministerium in Hannover bekommen die Schulen und ihre Lehrkräfte ebenfalls keine Vorgaben. „In der Debatte um geschlechtergerechte Sprache sollen Schulen nach Ansicht von Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne eigenverantwortlich mit dem Thema umgehen“, erklärt eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage. Es sei jedoch gut, wenn Schüler in der Schule für geschlechtergerechte Sprache sensibilisiert werden.

Kein Genderstern in Schulbüchern

Während die Schulen noch aushandeln, wie sie künftig mit geschlechtergerechter Sprache umgehen wollen, haben die Schulbuchverlage schon reagiert. „Wir achten darauf, geschlechtergerechte Sprache überall dort einzusetzen, wo es Sinn macht und wo sie die Schüler nicht überfordert“, erklärt Dr. Regine Meyer-Arlt, Sprecherin der Westermann-Gruppe. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Braunschweig bietet Bildungsmedien für sämtliche Unterrichtsfächer an und gibt unter anderem den berühmten Diercke-Weltatlas heraus. Schwierig sei die Umsetzung von geschlechtergerechter Sprache vor allem bei Leseanfängern, erklärt Meyer-Arlt. Dort verzichte man bewusst darauf.

Für ältere Schüler stelle der Verlag die männliche und die weibliche Form gleichberechtigt nebeneinander. „Wir schreiben alles aus, also etwa ‚Schülerinnen und Schüler‘ – ohne Genderstern“, erklärt Meyer-Arlt. Formen mit Binnen-I wie in „SchülerInnen“ oder mit Stern wie in „Schüler*innen“ seien schließlich nicht vom Rat für deutsche Rechtschreibung anerkannt. Das internationale Gremium entscheidet über die amtliche Regelungen des Deutschen. „Diesen Regeln sind wir verpflichtet“, stellt die Verlagssprecherin klar. Aus Gründen der Verständlichkeit verzichte man in Schulbüchern auch auf komplexe Konstruktionen, wie sie häufig von Behörden genutzt werden, etwa wenn von „Studierenden“ die Rede ist. Solche Formen seien gerade für jüngere Schüler zu komplex und verkomplizierten den Inhalt.

Wer gendert, bezieht Position

Silvia Hagen, die am Ulricianum Deutsch unterrichtet, bemerkt in der Schülerschaft ein starkes Bedürfnis nach geschlechterneutralen Formulierungen. „Die Jugendlichen sind den Erwachsenen in dieser Frage weit voraus“, sagt sie. Das binäre Geschlechtersystem, demzufolge es ausschließlich zwei Geschlechter gibt, werde überwiegend abgelehnt.

Im Unterricht werde das Gendern vor allem als Beispiel für Sprachwandel thematisiert, der Teil des Oberstufen-Lehrplans ist. „Wir überlegen, welche Alternativen es zum binären System gibt“, erklärt Hagen. Das Problem sei, dass es noch immer keine perfekte geschlechterneutrale Form in der Sprache gebe. Unter Anhängern des Genderns werden verschiedene Lösungen diskutiert, mit denen möglichst viele Menschen angesprochen werden sollen. Mit der Frage, ob und wie gegendert wird, sei auch immer eine gesellschaftliche Positionierung verbunden, erklärt Hagen. Verpflichtende Regeln für die Schülerschaft lehnt sie daher ab. „Ich bin dankbar, dass wir keine Vorgaben haben“, sagt die Lehrerin. Wer in einer Klassenarbeit gendert, müsse auch nicht mit Punktabzügen rechnen. „Das wäre pädagogisch fatal“, betont die Lehrerin.

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