Hamburg

Filmproduzentin Lisa Blumenberg: „Man muss auf seinen Bauch hören“

Manfred Ertel
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Von Manfred Ertel
| 13.08.2021 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
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Lisa Blumenberg spricht über Erfolge wie „Bad Banks“ und über den Umgang mit Identitätspolitik und der neuen „Sprachpolizei“.

Die Produktion ihres Kinofilms „Ich bin Dein Mensch“, der zurzeit in den Kinos läuft, hatte oberste Priorität, das lange geplante Interview musste also erst mal warten. Umso schöner waren die Nachrichten, über die Lisa Blumenberg jetzt mit Manfred Ertel per Video reden konnte - Preise und beste Kritiken auf der diesjährigen Berlinale. Nachdenklich und offen spricht sie über ihre berufliche Leidenschaft und Herausforderungen im aktuellen Filmgeschäft.

Frau Blumenberg, sind Sie eigentlich sehr ehrgeizig?

Das bin ich schon, aber überhaupt nicht verbissen. Ich möchte immer das Beste aus meinen Projekten herausholen, dafür gebe ich alles. Das kann man wohl als ehrgeizig bezeichnen.

Können Sie denn gut mit Silber und mit zweiten Plätzen umgehen wie bei der Berlinale, oder denken Sie wie im Sport: schade, knapp daneben?

Ich empfinde den Silbernen Bären für Maren Eggert überhaupt nicht als zweiten Preis, sondern das ist der Preis für die beste Performance, und das zum ersten Mal gender-neutral. Das ist eine riesen Auszeichnung für Maren Eggert und auch für den Film. Es war schon toll, überhaupt im Wettbewerb der Berlinale zu sein. Ich sehe das überhaupt nicht als selbstverständlich an, sondern verstehe das als ganz besondere Wertschätzung für die Arbeit, die wir alle mit dem Film geleistet haben.

„Die eigenen Ansprüche werden nicht kleiner, aber das entspricht mir auch“, haben Sie mal gesagt. Setzt Sie das unter Druck?

Wir machen ja nicht Filme, um Auszeichnungen zu bekommen, das sind sehr schöne Nebenwirkungen, über die man sich freut. Ich möchte Projekte machen, die besonders sind in ihrer Art. Entweder besonders unterhaltsam, besonders innovativ oder eben State of the Art, also im besten Sinne auf dem aktuellsten Stand der Filmkunst. Filme die ich auch gerne gucken würde. Und ich will tatsächlich nicht mehr hinter die eigenen Ansprüche zurück. Ich versuche, das nicht als Druck zu sehen, sondern als Ansporn. 

Wie wird man eigentlich Filmproduzentin? Entscheidet man sich dafür, wie Pilotin oder Richterin zu werden?

Mein Weg war da anders, der Beruf hat eigentlich mich gefunden. Ganz ursprünglich wollte ich Journalistin werden und habe in der Zeit auch das Theater entdeckt. Avantgarde-Theater, wo man frei ist und Geschichten zertrümmern kann, das war eigentlich mein Steckenpferd, darüber habe ich ja auch promoviert... 

Und sind dann aber doch nicht Regisseurin oder Dramaturgin geworden...

Manchmal entscheiden vielleicht Zufälle. Filme zu machen und zu gestalten, das hat mir ebenfalls schon früh Spaß gemacht und in Ansätzen während meiner journalistischen Arbeit beim Südwestfunk eine Rolle gespielt, als ich eine Glossen-Reihe machen konnte. Da habe ich gemerkt, wie toll es ist, Texte zu schreiben, mit einer Kamera anders als rein dokumentarisch umzugehen, sich Effekte auszudenken, die besten Leute zusammenzubringen und kreative Prozesse in Gang zu setzen. 

Sie haben immer neuen Spaß an Ihrem Job wegen der vielen neuen Verbreitungswege, haben Sie mal gesagt und an die neuen Streaming-Plattformen gedacht. Dann kam Corona. Was ist aus dem Spaß geworden?

Unsere Branche hat sich ganz okay auf die Corona-Bedingungen eingestellt, natürlich unter größten Schwierigkeiten und Risiken und auch finanziellem Aufwand. Aber es wurde schon auch noch viel produziert. Auch wir haben „Ich bin dein Mensch“ voriges Jahr während Corona gedreht, das war eine große Herausforderung. Die Angst und Sorge, ob sich jemand im Team ansteckt, ob wir den Dreh hinter uns kriegen, ohne dass positive Tests aufplopppen, war einerseits eine extreme Belastung für mich und alle in der Produktion, die versucht haben, diese Angst vom kreativen Team wegzuhalten. Daraus entstand dann aber eine ganz besondere Aufmerksamkeit füreinander, eine noch größere liebevolle Vorsicht miteinander, und die hat für eine besonders intensive Atmosphäre und Nähe gesorgt. Vielleicht hat das dem Film sogar gut getan.

Haben Sie bei dem Film oder bei der TV-Serie „Bad Banks“ mit dem fulminanten Erfolg gerechnet?

Dass ein Film international so durch die Decke geht wie „Ich bin dein Mensch“, der bereits weltweit auf alle Kontinente verkauft ist, jetzt bald in den USA seinen Kinostart hat und auf anderen internationalen Filmfesten, wie dem renommierten Festival in Toronto, stellt man sich so konkret natürlich nicht vor. Aber zu erahnen, da kommt was Gutes bei raus, konnte ich schon als das Drehbuch von Maria Schrader und Jan Schomburg da war. 

Was ist das Geheimnis?

Dass man sehr bei sich bleiben, viel auf seinen eigenen Bauch und Instinkt hören und auf seine Erfahrung vertrauen muss. Wenn ich das Gefühl habe, das wird wird richtig gut, dann kann ich ganz gelassen abwarten, was am Ende dabei rauskommt. Bei „Bad Banks“ hatte ich früh ein gutes Gefühl, obwohl die Drehbuchentwicklung richtig harte Arbeit mit zum Teil schwierigen Phasen war, aber eben auch lustvoll. Je dichter alles wurde, das großartige Team und die fantastischen Schauspieler zusammenkamen, als die ersten Muster vorlagen und spätestens, als wir lange am Schnitt gearbeitet hatten, gab es das Vertrauen, dass wir etwas Besonderes hingekriegt haben. Man kann solche Erfolge nicht bestellen, es müssen immer viele Dinge zusammenpassen, die richtigen Menschen, richtig gute Bücher, kreative Ideen, es gibt dafür kein Rezept. 

Wird es eine dritte Staffel von „Bad Banks“ geben?

(lacht) Das Kapitel ist für mich auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen. Es ist nur noch nicht spruchreif, in welche Richtung wir da jetzt denken. Lassen Sie sich überraschen.

Die Identitätspolitik verlangt neue Sensibilitäten auch in der Kultur. Filme müssen diverser sein, Worte werden auf die Goldwaage gelegt, das Frauenbild wird permanent hinterfragt - ist Filmemachen schwerer geworden?

Es wird nicht schwerer, sondern interessanter, die Welt so bunt darzustellen, wie sie ist oder vielleicht noch bunter als sie eh schon ist. Irgendwas in mir reagiert aber immer auch etwas bockig, wenn ich das Gefühl habe, mir sagt jemand von außen, wie differenziert ich die Welt betrachten soll. Denn ich habe das Gefühl, ich blicke differenziert auf die Welt. „Bad Banks“ hatte sich zum Beispiel überhaupt nicht auf die Fahne geschrieben, eine besonders diverse Serie zu sein. Aber die Welt, die wir da erzählen, ist extrem divers. Sie ist international, es gibt Menschen aus allen Teilen der Welt, die unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Sprachen sprechen, wir erzählen einen Behinderten, unterschiedliche sexuelle Orientierungen, alles ist möglich. Im Nachhinein wurde das oft als Beispiel für einen perfekten diversen Film genannt. Aber wir hatten uns das nicht als politische Botschaft vorgenommen, sondern es ist unser genauer Blick in die Welt. 

Sind die Anforderungen der Identitätspolitik zum Beispiel in der Sprache zu radikal für die Kunstfreiheit?

Das ist ein komplexes Thema. Ein Teil in mir mag überhaupt nicht, wenn sich etwas nach Sprachpolizei anfühlt. Andererseits habe ich mich viel mit Sprache und Sprachphilosophie auseinandergesetzt und weiß, dass Sprache auch das Bewusstsein prägt. Ich finde aber, in der Fiktion müssen Figuren auch sprechen dürfen, wie sie eben aus der inneren Logik der Figur heraus sprechen. Sonst fände ich das seltsam. Andererseits merke ich, dass korrekt zu gendern schon eine oft wichtige Generationsfrage ist. Ich merke, dass ich für mich noch keine klare Haltung gefunden habe. Ich versuche in Dialogen und beim Schreiben zu markieren, dass ich schon ein Bewusstsein für die Fragen habe, aber ich will die Sprache für mich nicht komplizierter machen, als sie eh schon ist. Das ist Stand jetzt und kann sich in einem oder zwei Jahren schon weiterentwickelt haben.  

Sie sind seit über 23 Jahren in Hamburg, haben Sie nie an einen Wechsel in die USA zum Beispiel gedacht?

Nicht ernsthaft. Die deutsche Sprache ist schon die Sprache, in der ich mich zu Hause fühle. Aber, dass man Kontakte über unseren eigenen Tellerrand hinaus hat in die Welt und in die internationale Branche, das finde ich extrem wichtig. Ich war vor zwei Jahren mit einer Filmdelegation in Hollywood und hatte einen Einblick in eine Filmindustrie, die schon nach anderen Regeln läuft. Doch im Endeffekt wird da auch nur mit Wasser gekocht, allerdings mit extrem viel Geld. Aber man kann auch hier extrem gute Projekte machen.

Ihren letzten Kurz-Urlaub haben Sie in Hamburg gemacht, in Blankenese. Aus einer Not heraus?

Das ist einfach schön, sich eine Auszeit nehmen zu können, indem man sich 20 Minuten ins Auto setzt und dann wie in einer anderen Welt ist. In Blankenese kommt da bei mir wirklich noch dieses kleine Provinzmädchen aus dem Saarland zum Vorschein, das dann plötzlich an diesem großen Elbstrom mit den großen Schiffen steht, gerne mit der Fähre hin und her fährt oder mit dem Fahrrad am Ufer. Wir haben es sehr genossen, auch wenn es nur zwei Tage waren, einfach nur im Strandkorb zu sitzen und auf die Elbe zu gucken.

Ist Hamburg für Sie eine Art Standortvorteil?

Wir haben ja noch einen Koffer in Berlin, als zweites Standbein. Aber Hamburg ist der Ort, wo ich lebe, wo mein Team ist, wo meine tollen Kolleginnen und Kollegen vom Studio Hamburg sind. In Berlin bin ich häufig und auch gern, aber Hamburg ist das, wo ich mich wohlfühle. 

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