Essen

Deshalb ist die Currywurst kein „Kraftriegel“

| | 12.08.2021 20:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Koch Henning Wagner ist eher für die feine Küche bekannt – aber manchmal muss es eben die Currywurst sein, findet er. Bild: Noglik
Koch Henning Wagner ist eher für die feine Küche bekannt – aber manchmal muss es eben die Currywurst sein, findet er. Bild: Noglik
Artikel teilen:

Volkswagen schafft das Fleisch in einer seiner Kantinen ab – und das Internet rebelliert. Altkanzler Schröder nennt die Wurst sogar einen „Kraftriegel“. Eine ostfriesische Expertin widerspricht.

Was und warum

Darum geht es: Volkswagen und Altkanzler Gerhard Schröder haben im Internet eine Diskussion über den Fortbestand der VW-Currywurst angefacht.

Vor allem interessant für: Jeden, der die Debatte verfolgt oder Interesse am schnellen Imbiss hat.

Deshalb berichten wir: Wir haben uns gefragt, inwieweit die Currywurst ein „Kraftriegel“ sein soll.

Den Autor erreichen sie unter d.noglik@zgo.de

Ostfriesland - Die Currywurst ist in aller Munde – sowohl buchstäblich als auch sprichwörtlich. Seit der Volkswagen-Konzern bekanntgegeben hat, dass man in einer Kantine auf dem Wolfsburger Werksgelände ab Ende August nur noch fleischfreie Gerichte – und ab und zu etwas Fisch – anbieten wolle, ist das Internet in Aufruhr. Die Bewegung zur Errettung der VW-Currywurst samt hauseigenem Ketchup und Pommes hat sogar schon einen eigenen Hashtag bekommen: #rettetdieCurrywurst ist das Gebot der Stunde. An vorderster Front kämpft SPD-Altkanzler Gerhard Schröder: Das Schwein im Darm mit der roten Soße und der frittierten Beilage sei „einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion“, schreibt der Wurst-Fan. Wie ernst er das meint, sei mal dahingestellt. Nur den Kopf schütteln kann darüber allerdings Christine Schmidt, Diplom-Ökotrophologin und zertifizierte Ernährungsberaterin aus dem Kreis Aurich: „Die Aussage von Herrn Schröder ist total altmodisch.“

„Ein Kraftriegel ist die Currywurst nun wirklich nicht“, sagt sie. Das typische Gericht mit Curry-Ketchup und Pommes bestehe im Grunde aus Fett – insbesondere den schädlichen Transfettsäuren –, viel Zucker und Kohlenhydraten. Wer mittags in der Kantine den Manta-Teller bestellt, nehme vor allem Dinge zu sich, die müde machten. „Fit für den Nachmittag ist man dann eher nicht“, sagt die Ernährungsexpertin. Viel eher drohe dann das, was viele als Mittagstief kennen: Abgeschlagenheit und Unlust zur Bewegung. Das könne im Übrigen auch der Griff zur veganen Currywurst nicht beheben: Zwar sei dort kein Fleisch enthalten, all die genannten Stoffe nehme man aber trotzdem zu sich. „Außerdem sind Fleischersatzprodukte auch hoch verarbeitete Lebensmittel“, sagt sie. Von „vegan“ direkt auf „gesund“ zu schließen, sei ein gefährlicher Trugschluss, dem man nicht unterliegen sollte. Fazit: Für einen produktiven Nachmittag sei die Currywurst die falsche Wahl.

„Gemüse gehört einfach dazu“

Aber was sollte man essen, damit nach der Mittagspause nicht erst mal ein Mittagsschlaf fällig wird? Was wäre ein guter „Kraftriegel“, um mal beim Altkanzler zu bleiben? „Es ist schon ganz richtig, dass ein Mittagessen ordentlich satt machen sollte“, sagt Schmidt. Dafür seien Proteine sehr gut geeignet. Die gebe es aber nicht nur im Fleisch oder Fisch, sondern beispielsweise auch in Hülsenfrüchten. Ein in Deutschland ebenfalls beliebter Klassiker, die Erbsensuppe, sei daher ein guter Kandidat für ein stärkendes Kantinenessen. „Viele wollen es nicht hören, aber: Gemüse gehört einfach dazu“, sagt Schmidt. Das habe viele Ballaststoffe und sehr wenig Kalorien. „Zum Salat sollte es dann ein tolles Dressing geben – damit es wirklich allen schmeckt.“ Sehr gut finde sie auch sogenannte Bowls, „die häufig in Großstädten angeboten werden“. Dabei würden Gemüse und Salat beispielsweise mit Lachs oder Hähnchenfilet kombiniert. „So kommen viele Nährstoffe und Sattmacher zusammen – eine gute Mahlzeit.“

In Kantinen ist die Currywurst beliebt – doch es gibt auch immer mehr gesunde Gerichte. Foto: Gerten/Picture Alliance/DPA
In Kantinen ist die Currywurst beliebt – doch es gibt auch immer mehr gesunde Gerichte. Foto: Gerten/Picture Alliance/DPA

Und wie sieht es in den ostfriesischen Kantinen aus? Die Pressestelle des Emder VW-Werks hat unsere Anfrage wegen Urlaubs der Pressesprecherin am Donnerstag nicht beantworten können. Im Oktober vergangenen Jahres hatte man uns allerdings versichert, die beliebte Wurst nicht abschaffen zu wollen. 40.000 davon habe die Belegschaft im Jahr 2019 im Emder Werk verspeist. Unternehmensweit gab es 2019 rund sieben Millionen Currywürste aus der VW-Fleischerei, dazu mehr als 550 Tonnen Spezial-Ketchup. Auch auf der Papenburger Meyer-Werft wird die Wurst in roter Tunke verkauft – und das nicht zu knapp. Im Buch zu 225 Jahren Meyer-Werft hatte Küchen-Chef Eugen Lechner gesagt, dass pro Woche 300 Meter davon über die Theke gingen – in der kleineren der Kantinen. Weitere Bestseller: Erbsensuppe und Pizza. Laut Werft-Sprecher Hackmann werden allerdings auch vegetarische Alternativen angeboten: „Es gibt eine gute Mischung“, sagt er. Die Klassiker blieben aber eben nach wie vor beliebt. Derzeit sei jedoch weitgehend Flaute – wegen der Betriebsferien.

„Menschen brauchen so etwas hin und wieder“

Laut Sprecher Felix Rehwald setzen auch die Enercon-Kantinen teils auf vegane und vegetarische Gerichte. „Es gibt zudem überall eine Salatbar für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mittags lieber leichte Rohkost möchten“, sagt er. Und nach Rücksprache mit der Kantine berichtet er: Ja, es gebe auch bei Enercon Currywurst und Pommes – „aber der Trend geht eher in Richtung der gesünderen Sachen“. Der Pressesprecher sagt, dass eine Umstellung der Ernährung vorrangig der Gesundheit diene – und nicht, wie von VW proklamiert, der Reduzierung des Ausstoßes von Kohlenstoffdioxid. „Dafür gibt es deutlich wirksamere Mittel – zum Beispiel eine konzernweite Umstellung auf Grünstrom“, findet der Enercon-Sprecher.

Henning Wagner vom „Hotel zur Post“ in Wiesmoor ist bekannt für die feine Küche, serviert aber auch schon mal Schaschlik und Currywurst mit Pommes: „Die Menschen brauchen so etwas hin und wieder einfach mal“, sagt der Koch. Er halte nichts davon, bestimmte Gerichte komplett und pauschal von Essensplänen zu streichen. Viel wichtiger sei es, ein Bewusstsein zu schaffen – sei es beim Stromverbrauch, beim Thema Mobilität und oder bei dem, was auf den Teller kommt. Dass die Gesellschaft zu viel Fleisch esse, stehe außer Frage, „aber es spricht nichts gegen die Wurst an sich“. Allerdings sollte sie, so der Gastronom, aus der Region kommen und im Idealfall per Hand hergestellt sein. Verbote und die aus seiner Sicht viel zu sehr verbreitete Unart, ständig auf andere Menschen zu zeigen und ihnen deren Verhalten vorzuwerfen, seien der falsche Weg.

Ähnliche Artikel