Tausende Nachimpfungen
Friesland: Keine Erfahrungswerte, wie vier Biontech-Dosen wirken
Wegen nicht auszuschließender Kochsalz-Impfungen haben sich mehrere Tausend Leute zu Nachimpfungen in Friesland gemeldet. Gibt es Erfahrungswerte, wie sich bis zu vier Dosen Biontech auswirken?
Friesland - 8557 Leute, die im Friesländer Corona-Impfzentrum gespritzt wurden, erhalten nun womöglich eine dritte und manche eine vierte Biontech-Impfung. Denn konkrete Hinweise, dass sie Kochsalzlösung ohne Impfstoff verabreicht bekommen haben, sind bisher nicht publik geworden. Der Kreis Friesland und der DRK-Kreisverband Jeverland können das lediglich nicht ausschließen. Nach einer gemeinsamen Pressemitteilung mit Niedersachsens Landesgesundheitsamt sagte dessen Präsident Dr. Matthias Pulz: „Auch wenn Personen bereits zweimal korrekt geimpft wurden, sind entsprechende Nachholimpfungen gesundheitlich unbedenklich und sollten unbedingt in Anspruch genommen werden.“ Die stellvertretende Leiterin des niedersächsischen Corona-Krisenstabs, Claudia Schröder, sagte am Dienstag, dass eine Wiederholungsimpfung „völlig unschädlich“ sei.
Die massenhafte Nachimpfung soll – so steht es in der erwähnten Pressemitteilung – mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) und der Ständigen Impfkommission (Stiko) abgestimmt beziehungsweise an deren Empfehlungen orientiert sein.
Das Paul-Ehrlich-Institut zum Stand der Forschung
Unsere Zeitung hat beim Paul-Ehrlich-Institut nachgefragt, dem Bundesinstitut für Impfstoffe: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, was passiert, wenn jemand in fünf bis sechs Monaten vier Mal mit Biontech geimpft wird? Kann das sicher als gesundheitlich unbedenklich eingestuft werden? Die Antwort: „Nein, da gibt es keine Erfahrungswerte. Das wird ja gerade im Rahmen der Frage diskutiert, ob, nach welcher Zeit, für welche Personengruppen eine dritte Dosis als Auffrischung von der Stiko am RKI empfohlen wird.“ Eine Sprecherin erläuterte: „Es gibt viel Forschung zu diesen Fragen, aber endgültige Ergebnisse gibt es nach meiner Kenntnis noch nicht.“
Ebenfalls keine wissenschaftlichen Erkenntnisse scheint es in der Frage zu geben, wie der Impfstoff von Biontech wirkt, wenn in einer der beiden vorgesehenen Spritzen beispielsweise nur 0,1 statt 0,3 Milliliter waren. Das könnte in sechs Spritzen der Fall gewesen sein, die im Impfzentrum Friesland verabreicht wurden – wegen denen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln.
Polizei bezeichnet Falschdarstellung als „nicht differenziert“
Die beschuldigte Krankenschwester habe nach Aktenlage, so die Staatsanwaltschaft Oldenburg, im April in ihrer ersten Vernehmung angegeben, dass sie „Reste aus zwei Impfampullen auf insgesamt sechs weitere Spritzen herausgezogen“ habe, die sie jeweils mit Kochsalzlösung „weiter aufgefüllt“ habe.
Dass nach dieser Einlassung in jeder Spritze zumindest ein bisschen Impfstoff gewesen sein soll, hatte die Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland bisher verschwiegen. In einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Landkreis Friesland stand: „Seitens der Mitarbeiterin erfolgte eine Einlassung, in der sechs mit Kochsalzlösung aufgezogene Spritzen bestätigt wurden.“ Warum fehlte die Info, dass in jeder Spritze auch Impfstoff gewesen sein soll? Die Polizeiinspektion bezeichnet ihre Mitteilung rückblickend als „nicht differenziert“.
In einer Ampulle von Biontech sind laut Europäischer Arzneimittel-Agentur EMA 0,45 Milliliter Impfstoff, der mit 1,8 Milliliter Kochsalzlösung verdünnt werden muss. Diese 2,25 Milliliter sollen für sechs Spritzen mit 0,3 Milliliter reichen, so dass rechnerisch bis zu 0,45 Milliliter übrig bleiben können. Zwei solche Reste ergeben folglich zu wenig Impfstoff, um damit sechs Spritzen mit 0,3 Milliliter zu befüllen. Die Staatsanwaltschaft hat unterdessen einen weiteren Anfangsverdacht … Von Polizei und Kreis wollte unsere Zeitung wissen, warum erst jetzt eine Gefahr gesehen wird, die Tausende Nachimpfungen nötig machen soll. Fortsetzung folgt – noch heute Abend..