Analyse

Test-Pflichten für Geimpfte – wegen steigender Corona-Zahlen

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 09.08.2021 21:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Corona: Lolli-Tests gibt es als PCR-Tests, die zuverlässiger als Antigen-Schnelltests sind. Foto: Reichel/dpa
Corona: Lolli-Tests gibt es als PCR-Tests, die zuverlässiger als Antigen-Schnelltests sind. Foto: Reichel/dpa
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Statt Corona-Tests für Ungeimpfte kostenpflichtig zu machen, könnten Test-Pflichten auf Geimpfte ausgedehnt werden. Denn auch sie können die Delta-Variante weitergeben. Eine Analyse.

Ostfriesland/Berlin - Bei der Pandemie-Bekämpfung in Deutschland sind wesentliche Fehler gemacht worden, weil die Bundes- und die Landesregierungen sowie viele Behörden nicht logisch auf wissenschaftliche Erkenntnisse reagiert haben.

So war schon in den Wochen nach den ersten Corona-Ausbrüchen klar, dass es relativ viele Infizierte ohne Krankheitssymptome gibt. Folglich war fast von Anfang an klar, dass in Pflegeheimen und Kliniken – wo sich besonders corona-gefährdete Personen aufhalten – auch verdachtsunabhängig getestet werden muss. Tests aller Bewohner oder Patienten und des gesamten Personals blieben zunächst aber selbst dann aus, wenn eine Corona-Infektion in der Einrichtung entdeckt worden war. Diese politische und behördliche Ignoranz haben unzählige Menschen mit ihrem Leben bezahlt – vor allem ältere.

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse von den Regierenden erstmal ignoriert werden

Auch über Krankenhäuser und Heime hinaus hätte klar sein müssen, dass viel zu testen viel hilft. Antigen-Tests, die unzuverlässiger, aber preisgünstiger als PCR-Tests sind und schneller Ergebnisse liefern, waren schon im Frühjahr 2020 in Europa zugelassen. Massenhaft in Deutschland eingesetzt wurden sie jedoch erst im Frühjahr 2021.

Seit rund einem Jahr ist bekannt, dass mobile Luftreiniger in Klassenzimmern Kinder, Jugendliche und Lehrende zusätzlich vor dem Corona-Virus schützen können. Ist ja logisch – weil die Anlagen auch dann Viren aus der Luft holen, wenn die Fenster gerade geschlossen sind. Doch erst jetzt und nur relativ zögerlich entscheiden sich Schulträger – unter anderem Landkreise, Städte und Gemeinden – zu investieren. Bis heute wird diese Technik nur in Ausnahmefällen von Bund und Land gefördert. Plexiglasscheiben zwischen Schüler-Sitzplätzen sind ebenfalls kein Standard. Es ist zu befürchten, dass deshalb im Herbst oder im Winter wieder Kinder und Jugendliche zuhause bleiben müssen.

Wie politische Fehler in der Corona-Pandemie wiederholt werden

Nicht nur das Beispiel von Luftreinigern und Trennwänden in Schulen zeigt, dass die Regierungen in Deutschland aus ihren maßgeblichen Fehlern in der Pandemie wenig bis nichts gelernt haben. Eines der Top-Themen der vergangenen Tage war und ist, wie lange Nicht-Geimpfte ihre Corona-Tests noch auf Staatskosten bekommen. Eine Diskussion, die in die falsche Richtung führt. Stattdessen müsste es darum gehen, dass die Testpflichten auf Geimpfte ausgeweitet werden. Warum?

Um ein wissenschaftliches Lagebild zur Corona-Thematik zu erhalten, hilft ein Blick auf die Twitter-Seite des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Der Epidemiologe informiert ständig über Forschungsergebnisse, die er entdeckt – während das Robert-Koch-Institut oft eine Weile braucht, bis es neue Studien auf seiner Internetseite eingepflegt hat.

Es werden zunehmend Corona-Infektionen bei Geimpften festgestellt

Hier ein paar Kurznachrichten, die Lauterbach seit Anfang August auf Twitter veröffentlicht hat: „Das ist erstaunlich. In Island steigt die Fallzahl stark trotz sehr hoher Impfquote. Es mehren sich die Anzeichen, dass Durchbruchinfektionen eine steigende Rolle spielen.“ Es geht also um die Corona-Infektion von Geimpften. Lauterbach: Ein „Ausbruch in Massachusetts betraf zu fast 80 Prozent voll Geimpfte“. Es werde „immer klarer, dass Geimpfte sich im Innenraum schnell mit Delta infizieren“. Das ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Förderpolitik der niedersächsischen Landesregierung mangelhaft ist. Sie bezuschusst keine Lüftungsanlagen für Klassen, deren Schüler älter als zwölf Jahre und damit impfberechtigt sind. Ein Grund mehr, die Impfung von Jugendlichen politisch nicht zu instrumentalisieren, um am Corona-Schutz in Schulen zu sparen.

Ein weiterer Lauterbach-Beitrag: „Wichtige Studie aus Singapur. Sie zeigt, dass Delta-Variante zwar bei Geimpften am Anfang der Infektion so ansteckend ist wie bei Ungeimpften. Aber: Dann sinkt die Ansteckung bei Geimpften stark.“ Auch wenn der Epidemiologe hier eine Aussage relativiert, so heißt das im Ergebnis, dass Geimpfte nach einer Delta-Infektion kurzzeitig so ansteckend sind wie Ungeimpfte. Eine Impfung der Eltern schützt deren Kinder demnach nur bedingt. Lauterbach zur Gefahr für Kinder: „In USA bahnt sich ein Fiasko an. Die Delta-Variante breitet sich sehr schnell aus. […] Auch sehr viele Kinder infizieren sich.“ Und: „Die jetzt anrollende Ansteckungswelle in den Schulen in US ist besorgniserregend. Ohne Impfung und Luftfilteranlagen wird das kein normales Schuljahr.“

Robert-Koch-Institut: Wirksamkeit der Impfstoffe wird „eher überschätzt“

Zu Lauterbachs Aussagen ist anzumerken, dass er in der Regel seine Informationsquelle verlinkt – beispielsweise Studienergebnisse oder Zeitungsberichte darüber. Neue Daten aus Großbritannien, so schreibt er, „bestätigen, dass selbst Biontech nur 80 Prozent Wirksamkeit gegen symptomatische Infektion mit Delta-Variante hat“.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) berichtet, dass bei Laborexperimenten mit der Delta-Variante eine „verringerte Neutralisierbarkeit für Impfseren“ bestanden habe. Bei der Interpretation seiner Daten zu infizierten Geimpften rät das RKI zur Vorsicht: Da „eine Untererfassung der geimpften Covid-19-Fälle wahrscheinlich ist, wird die Wirksamkeit der Impfstoffe eher überschätzt“. Es könne „nicht ausgeschlossen werden, dass die aktuelle Dynamik sowohl in den Impfquoten als auch in den Infektionswahrscheinlichkeiten sowie ein möglicherweise unterschiedliches Testverhalten bei Geimpften und Ungeimpften zu Verzerrungen führen“.

Infizierte Geimpfte werden oft nicht krank – und daher nicht entdeckt

Geimpfte haben fast keinen Anlass mehr, sich auf das Virus testen zu lassen. Und da Corona bei ihnen aufgrund des Impfschutzes tendenziell keine Krankheitssymptome auslöst, ist davon auszugehen, dass Geimpfte eine Ansteckung häufig nicht bemerken.

Das RKI bewertet die Impfstoff-Wirksamkeit daher – auch in seinem aktuellen Wochenbericht – fast nur bezüglich Infektionen mit Krankheitssymptomen: „Alle Impfstoffe, die zurzeit in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigem Erkenntnissen bei vollständiger Impfung wirksam vor einer Erkrankung durch die beiden hauptsächlich zirkulierenden besorgniserregenden Varianten Delta und Alpha.“ Der Anteil der Delta-Variante habe in Deutschland zuletzt bei 97 Prozent gelegen.

Nicht so lange warten, bis der nächste Shutdown fällig wird

Fazit: Es gibt Hinweise darauf, dass die dominierende Delta-Variante mehr Geimpfte befällt als die vorherige Alpha-Variante. Es ist erwiesen, dass infizierte Geimpfte das Virus weitergeben können. Und es werden zunehmend infizierte Kinder festgestellt, für die es noch keinen Impfstoff gibt. Warum warten, bis die Daten womöglich so eindeutig sind, dass der nächste Shutdown fällig wird? Sicherer wäre es, wenn Test-Pflichten ab sofort auch für Geimpfte gelten würden.

Zielführend wäre es zudem, wenn zunehmend die zuverlässigeren PCR-Tests verdachtsunabhängig eingesetzt würden. Um das möglichst einfach und kostengünstig hinzubekommen, bieten sich Lolli-PCR-Tests an, die beispielsweise in Schulen klassenweise ausgewertet werden. Nur in Gruppen, in denen eine Infektion festgestellt wird, muss von jedem eine Probe einzeln untersucht werden.

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