Kultur
Gezeitenkonzerte enden mit Feingefühl und Hörgenuss
Feingefühl bewiesen die Musiker beim Abschluss der Gezeitenkonzerte in Leer. Für die Besucher war es ein Hörgenuss.
Leer - Mit einer vielfältigen Auswahl klassischer Stücke endeten am Sonntag die diesjährigen Gezeitenkonzerte. Im Theater an der Blinke in Leer erklangen drei charaktervolle Stücke: ein Landschaftsidyll von Richard Wagner, sechs humoristische Bagatellen des zeitgenössischen Komponisten György Ligeti für Bläserquintett und Wolfgang Amadeus Mozarts Konzert für Klavier und Orchester in A-Dur KV 414. Sie wurden vom Jungen Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON) und dem Pianisten und Künstlerischem Leiter der Klassikreihe, Matthias Kirschnereit, feinfühlig dargeboten. Das Publikum feierte den fantastischen Auftritt.
Die Sonne aufgehen lassen, das ist musikalisch möglich: Richard Wagner (1813-1883) setzte das romantische Naturschauspiel als Geburtstagsgeschenk für seine Frau Cosima in Noten um. Das junge Spitzenorchester machte aus der 20-minütigen sinfonischen Dichtung „Siegfried Idyll“ einen Hörgenuss. Zu Beginn liegt die Natur noch im Dämmerschlaf, gezeichnet von den sanften Strichen der Geiger. Mit feinen Lautstärkeabstufungen verlieh das ehrenamtlich organisierte Orchester aus jungen Musikern den Konturen der erwachenden Landschaft nach und nach Plastizität. Dirigiert wurde das JPON vom ungarischen Dirigenten Gábor Hontvári, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen. Er konzertierte bereits mit vielen renommierten Philharmonien und ist erster Kapellmeister am Mainfranken Theater in Würzburg. Mit ausgesprochen aussagekräftigen Gesten leitete der Meister seines Fachs das Orchester.
Werk zum Dahinschmelzen
Die sechs Bagatellen des 2006 verstorbenen Ligeti leben von engen Themenverflechtungen, frechen Dialogen und plötzlichen Kontrasten. Die virtuosen JPON-Bläser an Klarinette, Fagott, Horn, Oboe und Querflöte setzten das keck und mit atemberaubender Präzision um. Der österreichisch-ungarische Komponist schrieb die kurzen Stücke, die sich zum Teil durch ein sehr beschränktes Toninventar auszeichnen, im Alter von dreißig Jahren. Mit einem Werk zum Dahinschmelzen klangen die Gezeitenkonzerte aus. Am Flügel Platz genommen hatte der künstlerische Leiter selbst. Wolfgang Amadeus Mozarts dreisätziges Konzert eröffnete mit einer ausführlichen Orchesterexposition. Hier konnte das JPON erneut seine Klasse beweisen. Die eingeführten Themen wurden vom Pianisten aufgenommen. Angesichts der Schlichtheit war bei der Interpretation vor allem Gefühl gefragt – das Kirschnereit in höchstem Maße bewies: Das war Schwelgen, Verzückung und Anbetung in Reinform.
Den elegischen zweiten Satz, ein Andante als Reminiszenz an den verstorbenen jüngsten Bach-Sohn Johann Christian, staffierte der Pianist mit unmerklichen Tempo-Raffinessen aus. Das Rondofinale erschien beliebig – ein Stück, das überall hinpassen könnte. Eine abrupt endende Klavier-Solopassage wurde von Kirschnereit in Vollendung ausgeführt. Gemeinsam strebten Pianist und Orchester einem ausgelassenen Schluss entgegen. Als Zugabe spielte Kirschnereit einen Walzer von Brahms.