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Amazon: So läuft es im Emder Verteilzentrum

| 07.08.2021 14:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Beim Blick aus den Sozialräumen im Obergeschoss wird die Größe des Verteilzentrums deutlich. In die bunten Zustelltaschen werden die Päckchen und Pakete eingelegt. Anschließend werden diese Taschen entsprechend der jeweiligen Touren in die bereitstehenden Gitterrollwagen gepackt und an den Lagertoren oben am Bildrand für die Fahrer bereitgestellt. Foto: Bruns
Beim Blick aus den Sozialräumen im Obergeschoss wird die Größe des Verteilzentrums deutlich. In die bunten Zustelltaschen werden die Päckchen und Pakete eingelegt. Anschließend werden diese Taschen entsprechend der jeweiligen Touren in die bereitstehenden Gitterrollwagen gepackt und an den Lagertoren oben am Bildrand für die Fahrer bereitgestellt. Foto: Bruns
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Seit Anfang des Jahres betreibt der US-Konzern Amazon in Emden ein Verteilzentrum. Das Unternehmen gewährt einen Blick hinter die Kulissen.

Emden / CAW/NH - Wer im Frisia-Park in Emden über die wenigen öffentlich zugänglichen Straßen fährt, der wird irgendwann mitten am IV. Polderweg ein silbern glänzendes Silo mit der Aufschrift „Welcome DS – DNM4“ erblicken. Diese zunächst rätselhafte Abkürzung heißt die Mitarbeiter und Besucher beim Verteilzentrum des US-Handelskonzerns Amazon willkommen und bedeutet: Delivery Station (DS) – Deutschland Niedersachsen (DNM). Die Zahl vier weist darauf hin, dass es sich in Emden um den vierten Standort von Amazon Logistics in Niedersachsen handelt. Doch wie sieht es im Verteilzentrum aus und wie wird dort gearbeitet?

Knapp 90 Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit sind Tag für Tag mit der Sortierung von Päckchen und Paketen beschäftigt. Festangestellte Amazon-Mitarbeiter erhalten dabei mindestens zwölf Euro brutto die Stunde, so teilte es der Konzern am 11. Juni dieses Jahres in einer Pressemitteilung mit. Für Arbeitsspitzen und flexible Einsätze beschäftigt der Konzern aber auch Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen.

Prime-Status spielt besondere Rolle

Die Stower scannen die eintreffenden Sendungen. Anschließend leuchtet das Fach einer Zustelltasche auf und der Mitarbeiter Marek Voss weiß genau, wohin die Sendung gehört. Foto: Bruns
Die Stower scannen die eintreffenden Sendungen. Anschließend leuchtet das Fach einer Zustelltasche auf und der Mitarbeiter Marek Voss weiß genau, wohin die Sendung gehört. Foto: Bruns
Der US-Konzern will mit den Verteilzentren seine Position als sogenannter Fulfillment-Dienstleister weiter ausbauen. Das bedeutet, dass er alle Aktivitäten, die nach dem Abschluss eines Vertrags der Belieferung des Kunden und der Erfüllung der sonstigen Vertragspflichten dienen, selbst erledigen will. Das hat für den Konzern zwei entscheidende Vorteile: Durch den Verzicht auf einen externen Transportdienstleister, oft hat die Deutsche Post in der Vergangenheit für Amazon die Auslieferung an die Privatkunden übernommen, können Kosten eingespart werden. Darüber hinaus hat es Amazon selbst in der Hand, die bestellten Waren so schnell wie möglich den Kunden zu übergeben. Insbesondere der immer wieder beworbene Prime-Status spielt hier eine große Rolle, mit dem eine Vielzahl an Produkten binnen 24 Stunden ausgeliefert werden soll so das Unternehmen.

Damit diese Lieferkette auch reibungslos funktioniert, ist die Arbeit im Verteilzentrum in Emden perfektioniert worden. Nachts und in den frühen Morgenstunden liefern Lastwagen die bereits konfektionierten Sendungen aus den 16 Logistik- und acht Sortierzentren in Deutschland an. Verpackt in großen sogenannten Gaylords – Großverpackungen, in denen viele Einzelsendungen transportiert werden – wird Sendung um Sendung gescannt und auf verschiedene Förderbänder verteilt. Diese bringen die Pakete zu den sogenannten Stowern. Das sind Mitarbeiter, die die Sendung erneut scannen und dann einer Zustelltasche zuordnen und einlegen. Der Kniff dabei: Nach dem Scan-Vorgang leuchtet die entsprechende Versandtasche farbig auf, so dass der Mitarbeiter nicht groß suchen muss.

Mit Musik von „Europe“ geht es in den Endspurt

Nachdem die Waren aus den Logistik- und Sortierzentren aus großen Lkw entladen wurden, verteilen sich die einzelnen Sendungen über Förderbänder zu den sogenannten Stowern. Foto: Bruns
Nachdem die Waren aus den Logistik- und Sortierzentren aus großen Lkw entladen wurden, verteilen sich die einzelnen Sendungen über Förderbänder zu den sogenannten Stowern. Foto: Bruns
Punkt 8.40 Uhr wird es dann für knapp fünf Minuten laut in der großen Halle. Aus den Lautsprechern ertönt „The final countdown“ der Gruppe „Europe“ – das Zeichen für alle Mitarbeiter, dass in 20 Minuten die Sortierphase beendet sein muss und die Rollwagen für die einzelnen Zustelltouren gepackt werden müssen.

Für diesen Schritt ist exakt eine Stunde Zeit, dann fahren die Zusteller mit ihren Vans vor, beladen die Fahrzeuge, um dann gemeinsam ihre rund 8,5 Stunden lange Auslieferungstour zu starten. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wird es für Standortleiter Daniel Eberhard spannend. „Wir liefern täglich mehrere Tausend Pakete aus und greifen auf eine dynamische Routenplanung zu.“ Damit ist gemeint, dass das System die Fahrwege bereits im Vorfeld so koordiniert, dass Privatpersonen vorzugsweise am (späten) Nachmittag bedient werden, Gewerbekunden am Vormittag. Denn das große Ziel des US-Konzerns lautet „Zustellung im ersten Versuch“. Und da ist Emden bislang spitze, gehört mit knapp 100 Prozent Zielquote zu den Top 5 in Europa, so das Unternehmen.

Gewerkschaften üben Kritik

Daniel Eberhard ist Standortleiter in Emden. Das Bild zeigt ihn vor dem Eingangsbereich. Foto: Bruns
Daniel Eberhard ist Standortleiter in Emden. Das Bild zeigt ihn vor dem Eingangsbereich. Foto: Bruns
Was im Sinne der Kunden und des Unternehmens ist, hat jedoch Schattenseiten: Lautstark wird Kritik an der Bezahlung der Mitarbeiter sowie an den Arbeitsbedingungen bei Amazon geäußert. Sie kommt gleich von mehreren Seiten: Von der Gewerkschaft Verdi, aber auch von der IG Metall und von Amnesty International. Da nützt es auch nichts, dass Amazon nach eigenen Angaben seit Juli dieses Jahres einen Einstiegslohn von zwölf Euro zahlt und diesen voraussichtlich im Herbst 2022 auf 12,50 Euro anheben möchte. Dazu hieß es bei Verdi, die Erhöhung der Einstiegsgehälter sei „zynisch und fern von Anerkennung und Respekt gegenüber den Beschäftigten durch den Konzern“. Die Gewerkschaft kritisiert Amazon seit Jahren dafür, dass der Konzern Tarifverträge ablehnt. Sie fordert die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie Verhandlungen über einen Tarifvertrag „Gute und gesunde Arbeit“. Die Tarifverhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Verbraucherschützer warnen

Der Komfort, den Amazon für seine Kunden zu perfektionieren versucht, schafft auch in den Augen von Verbraucherschützern Probleme. Kathrin Körber ist Juristin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen und befasst sich mit den Mechanismen des Online-Handels. In den virtuellen Warenhäusern gehe es nicht nur ums Shoppen, sagte sie kürzlich gegenüber dieser Redaktion. Körber ist überzeugt: „Wenn ich eingeloggt bin, weiß Amazon genau, auf welchen anderen Internetseiten ich mich noch bewege.“ Wer verhindern will, weitgehend unbemerkt ausspioniert zu werden, solle deswegen nicht nur sparsam eingeloggt sein, sondern währenddessen andere Browser und Seiten möglichst schließen, rät sie. Sie empfiehlt außerdem, regelmäßig Suchverläufe und Cookies zu löschen, um möglichst wenig von sich preiszugeben. Körber spricht von „digitaler Selbstverteidigung“.

Hintergrund

Am 1. März 2020 war offizieller Baustart der Amazon-Logistikhalle in Emden. Der Baukonzern Bremer Bremen investierte rund 13 Millionen Euro in den Gewerbebau, der auf 1770 Bohrpfählen ruht. Insgesamt entstand so auf dem 30.500 Quadratmeter großen Grundstück eine Logistikhalle mit 4800 Quadratmetern Fläche, 17.000 Quadratmeter Stellfläche mit 224 Stellplätzen für die Transporter und Vans der Zusteller. Rund 68 von ihnen besitzen eine Schnellladesäule, denn auch beim US-Riesen und seinen Subunternehmen rückt die E-Mobilität in den Vordergrund. Nach rund einem Jahr Bauzeit ging das Verteilzentrum am 10. März dieses Jahres in Betrieb.

Amazon profitiert aktuell von der Corona-Krise. Im Oktober 2020 berichtete der Konzern, dass er seine Gewinne in diesem Jahr verdreifacht habe: Auf 6,3 Milliarden US-Dollar im 3. Quartal 2020 gegenüber 2,1 Milliarden US-Dollar im 3. Quartal des Vorjahres 2019.

Die wachsende Marktmacht von Amazon hält die Verbraucherberaterin für bedenklich: „Wer maximal durchleuchtet ist, kann sich nicht frei entscheiden“, glaubt die Verbraucherberaterin. „Das betrifft aber nicht nur Amazon.“ Im Online-Handel und beim Online-Marketing würden die Daten der Nutzer immer intelligenter ausgewertet. Das Ergebnis seien „vorgefilterte Suchergebnisse“. Kunden kaufen das, was sie kaufen sollen und nicht das, was sie kaufen wollen.

Stationärer Handel unter Druck

Die wachsende Marktmacht des globalen Online-Anbieters setzt auch den stationären Handel weiter unter Druck. Im Wissen, dass es die erstarkende Konkurrenz Konsumentinnen und Konsumenten immer bequemer macht, von zu Hause aus zu bestellen, bleibe den stationären Geschäften nur die unmittelbare Kunden-Beziehung.

Tatsächlich hat sich Amazon in den vergangenen Jahren einen entscheidenden Vorteil auch gegenüber lokalen Online-Shops erarbeitet: unschlagbare Schnelligkeit. Dafür sorgt ein engmaschiges Liefernetzwerk. In ihm können Waren über Nacht durch ganz Deutschland bewegt werden. Während die Verteil- und Sortierstationen vor allem dem Umschlag dienen, werden in den Logistikzentren Millionen Artikel auf Vorrat gelagert.

Das US-Unternehmen macht dabei nicht nur Geschäfte mit Endkunden, sondern bietet seine Plattform auch lokalen Herstellern und Händlern an. Wer keinen eigenen Online-Shop aufbauen möchte, kann seine Ware gegen Gebühr über Amazon im Netz verkaufen lassen. Wenn Amazon sich zusätzlich um den Versand und die Lagerung von Artikeln kümmern soll, kostet es entsprechend mehr.

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