Umwelt

Schadstoff-Angst: Experte soll Kreistag informieren

Michael Hillebrand
|
Von Michael Hillebrand
| 05.08.2021 16:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der Produktionsstätte aus den 1970er Jahren wird Siliziumkarbid hergestellt. Foto: ESD-SiC
In der Produktionsstätte aus den 1970er Jahren wird Siliziumkarbid hergestellt. Foto: ESD-SiC
Artikel teilen:

Kürzlich war Kritik an möglichen Schadstoffen aus den Niederlanden aufgekommen, die Richtung Emden und Krummhörn geweht werden könnten. Nun will das Umweltministerium die hiesige Politik informieren.

Was und warum

Darum geht es: Eine niederländische Firma wehrt sich gegen die Anschuldigung, dass von ihrer Produktion ein Gesundheitsrisiko (auch für Ostfriesland) ausgeht

Vor allem interessant für: Bewohner des westlichen Ostfrieslands, aber auch darüber hinaus

Deshalb berichten wir: Vor einem Monat war im Kreisumweltausschuss über das Thema Messstationen gesprochen worden. Wir wollten jetzt wissen, ob es dazu schon einen neuen Stand gibt.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Krummhörn/Aurich/Delfzijl - Machen die im Industriegebiet von Delfzijl (Niederlande) entstehenden Siliziumkarbid-Fasern (SiC) Menschen in der Krummhörn und in Emden krank? Diese Frage ist vor allem in den vergangenen Monaten von ostfriesischen Umweltschützern und Politikern diskutiert worden. So sollen manche dieser Fasern krebserregend sein und in die Luft gelangen. Wie gefährlich sind sie wirklich? Sollten an der deutschen Seite der Ems-Mündung Messstationen aufgestellt werden? Um solche und weitere Fragen soll es voraussichtlich am 8. September gehen. Dann kommt der Auricher Kreisausschuss für Kreisentwicklung und Umwelt das nächste Mal zusammen.

Rainer Müller-Gummels, Sprecher des Landkreises Aurich, bestätigt, dass bei der Sitzung ein Experte des Niedersächsischen Umweltministeriums zu dem Thema Auskunft geben soll. Darauf hatte uns die Grünen-Fraktionsvorsitzende Gila Altmann hingewiesen. Bereits Ende Juni hatte ihre Partei das Thema potenzielle Schadstoffe im Umweltausschuss eingebracht und die Errichtung einer geeigneten Messstation gefordert. Zudem wollten die Grünen wissen, inwieweit der Landkreis die potenziellen Gefahren verringern kann – gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit der Stadt Emden.

Bisherige Messmöglichkeiten reichen nicht aus

Krummhörns Bürgermeister Frank Baumann (SPD) schloss sich bei der Sitzung zwar der Forderung nach einer Messstation an. Er erinnerte jedoch daran, dass es in seiner Kommune erst vor ein paar Jahren konkrete Bestrebungen dafür gab, eigene Luftmessstationen aufzubauen, um angesichts der benachbarten Industrie in den Niederlanden Gewissheit zu haben. 2018 entschied sich dann jedoch die Politik dagegen, nachdem der TÜV Süd alleine für eine Anlage Kosten von 50.000 Euro pro Jahr veranschlagt hatte. Beim TÜV Nord wären es sogar 74.000 Euro gewesen. Seitens der Gemeinde hieß es damals zudem, dass Experten vor der Anschaffung abgeraten hätten, da nicht mit erhöhten Schadstoffwerten zu rechnen sei.

Ein weiteres Problem: In der politischen Debatte um die Messstationen wird gerne auf bereits vorhandene Messstellen in Emden und in Lingen verwiesen. An diesen könnten SiC-Fasern aber offenbar gar nicht nachgewiesen werden. Darauf hatte das Umweltbundesamt unsere Zeitung bereits Ende Mai hingewiesen. SiC-Messungen seien ihr nicht bekannt, so Ute Dauert, Leiterin des Fachgebiets zur Beurteilung der Luftqualität. Innerhalb der Europäischen Union würden vor allem Stickstoffdioxid, Ozon, Feinstaub und Schwermetalle zum „Schadstoffportfolio“ gehören. „Siliziumkarbid-Fasern zählen definitiv nicht zum Routine-Messprogramm.“

Firma ESD-SiC bezeichnet sich selbst als „umweltfreundlichster Hersteller“

Fasern würden sich zudem nur schwer erfassen lassen, selbst wenn es entsprechende Systeme gebe. Man könne sie aber sammeln, aufkonzentrieren und mit einem Raster-Elektronenmikroskop nachweisen. Der Erfolg dieses Verfahrens sei aber von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa von der Konzentration der Fasern, dem Messort und anderen, so das Bundesumweltamt weiter.

Die niederländische Firma ESD-SiC produziert das Siliziumkarbid in Delfzijl schon seit dem Jahr 1977. Gebraucht wird es unter anderem als Schleifmittel in der Mechanik, der Optik sowie bei der Herstellung von Halbleitern für Solarzellen. Auf Ihrer Website beschreibt sich das Unternehmen selbst als den „umweltfreundlichsten SiC-Hersteller mit der weltweit größten Energieeffizienz“. Man berücksichtige „alle Sicherheits- und Arbeitsschutznormen“ und schenke „allen Aspekten des Umweltschutzes auf gesellschaftlich verantwortliche Weise Beachtung“.

Firmenchef: „Grenzwerte werden um ein Vielfaches unterschritten“

Auf Nachfrage unserer Redaktion antwortet der Geschäftsführer Marco Moreno, dass nur manche SiC-Fasern krebserregend sein können – wenn überhaupt. Ob, und falls ja, bei welcher Konzentration ein Krebsrisiko beim Einatmen besteht, sei wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Dennoch habe das Nationale Institut für Volksgesundheit und Umwelt (RIVM) der Niederlande diesbezüglich ein „indikativ maximal zulässiges Risikoniveau (i-MTR)“ festgelegt. Demnach liege die gerade noch annehmbare Obergrenze im Jahresmittel bei 300 nachweisbaren Fasern pro Kubikmeter. Die Menge an Fasern, die über einen Zeitraum von einem Jahr einen Kilometer von der Fabrik entfernt festgestellt wurde, liege allerdings zehnfach unter dem zulässigen Höchstwert. In einem nahen Wohngebiet sei der Wert sogar hundertfach niedriger gewesen.

Alles, was im Jahresmittel unter drei Fasern pro Kubikmeter liege, gelte per Definition als „vernachlässigbares Risiko“. Messungen lasse die Provinz Groningen kontinuierlich seit Oktober 2018 durchführen. Die ESD-SiC gehe daher davon aus, dass keine Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung bestehe, zumal man immerhin schon seit 1977 produziere. Man habe sich auch immer an alle Regeln gehalten.

Die Unsicherheit auf deutscher Seite aber bleibt bestehen. So hatte die Stadt Emden vor einigen Monaten ein Protestschreiben an die Provinz Groningen gerichtet. Darin weist sie auf eine Studie hin, laut der die Fasern je nach Windgeschwindigkeit „mehr als zehn Kilometer weit in die Umgebung getragen werden können“ – also auch bis nach Ostfriesland. Jörg Deuber, Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes, sagte unsere Zeitung zudem vor einer Weile, dass 70 Prozent des Windes in Norddeutschland aus Richtung Südwest oder Nordwest kommt, was die hiesige Ausbreitung begünstigen würde.

Ähnliche Artikel