Gewalttat

Migranten in Leer von Tat betroffen

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 03.08.2021 19:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor allem im Netz wurde gegen Menschen mit Migrationshintergrund gehetzt. Foto: Schulze/dpa
Vor allem im Netz wurde gegen Menschen mit Migrationshintergrund gehetzt. Foto: Schulze/dpa
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Nach einer Gewalttat in Leer wurden im Internet zahlreiche rassistische Kommentare veröffentlicht. Menschen aus der Migrationshilfe überrascht das nicht. Sie berichten von ihren Erfahrungen.

Was und warum

Darum geht es: Nach einer Gewalttat in Leer startete schnell die Hetze gegen Ausländer. Viele Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich davon betroffen, sind aber nicht überrascht.

Vor allem interessant für: Politikinteressierte.

Deshalb berichten wir: Nach der Tat in Leer wurde in sozialen Netzwerken gegen Ausländer gehetzt. Die OZ hat das beobachtet und Betroffene befragt.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Leer - Es ist eine grausige Tat, die in der vergangenen Woche in Leer passiert sein soll. Eine Frau soll von drei Männern vergewaltigt worden sein. Die mutmaßlichen Täter sitzen in Untersuchungshaft. Noch bevor Details zur Tat oder den Beteiligten von offizieller Seite bestätigt wurden, tobte in sozialen Netzwerken schon der ausländerfeindliche Mob. Der Verdacht lag für viele Nutzer auf Facebook, Twitter und Co. sofort nah, dass es Menschen mit Migrationshintergrund gewesen sein müssen. Die Hassbotschaften gegen Ausländer wurden noch drastischer, als bekannt wurde, dass die Inhaftierten Migrationshintergrund haben.

Engeline Kramer überrascht die Reaktion nicht mehr. Seit Jahren engagiert sich die Leeranerin in der Flüchtlingshilfe, leitet das Café International an der Kupenwarf in Leer. „,Es ist passiert: So sind sie‘, denken die meisten dann“, sagt Kramer. Sie sei deswegen schon nicht mehr wütend, „verzweifelt trifft es eher“.

„In eine Kiste gesteckt“

Die Berichterstattung in den Medien bekämen die Menschen mit Migrationshintergrund dabei weniger mit. „Die Lesen die Zeitungen nicht“, erklärt Kramer. Aber die Nachricht von der Tat mache die Runde. „Da herrscht, ebenso wie bei allen anderen, erstmal tiefe Betroffenheit“, sagt Kramer. Auch sie ist wütend: Ein Delikt wie das in Leer sei nicht zu entschuldigen und widerlich. Bei ihren Klienten sei aber gleich die Befürchtung da, wieder in die gleiche Kiste wie die mutmaßlichen Täter geworfen zu werden. Die Tat sei schlimm, aber weil es Menschen aus einem anderen Land gewesen seien, sei es gleich noch 300 Mal schlimmer für die Allgemeinheit, meint Kramer.

Engeline Kramer vom Café International überraschte die Reaktionen nicht. Foto: Archiv
Engeline Kramer vom Café International überraschte die Reaktionen nicht. Foto: Archiv

Ihrer Meinung nach gebe es noch große Lücken in der Integration: „Ich höre immer wieder, dass gerade Männer Probleme haben, Anschluss zu finden“, sagt sie. Ein Mann mit Migrationshintergrund habe ihr erst kürzlich berichtet, dass er gute Arbeit leiste und vom Chef anerkannt sei, aber Probleme habe, mit den Kollegen in Kontakt zu treten.

Wut über die Tat

Wut entstand bei Serhat Özdemir, als er von der Tat erfuhr. Der Vorsitzende der türkisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft in Leer sagt: „Es ist abscheulich, was da passiert ist und es muss hart bestraft werden.“ Es sei völlig egal, welche Nationalität die Täter hätten. Die pauschalen Rufe nach Abschiebung verärgerten ihn aber auch: „Wir haben Gesetze und wenn nach diesen Gesetzen, eine Abschiebung möglich ist, dann ist es in Ordnung. Sonst nicht“, sagt er. Das sage er auch Mitgliedern in seinem Verein, die durchaus auch eine Abschiebung forderten. „Die meinen: Die schaden dem Ruf von uns allen“, sagt Özdemir.

Serhat Özdemir von der türkisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft in Leer ist wütend über die Tat. Foto: Archiv
Serhat Özdemir von der türkisch-deutschen Freundschaftsgesellschaft in Leer ist wütend über die Tat. Foto: Archiv

Besonders treffe es ihn, wenn nach solchen Taten wieder von „Merkels Kindern“ oder Ähnlichem gesprochen werde. „Mit der Flüchtlingswelle sind auch schwarze Schafe nach Deutschland gekommen, das stimmt“, sagt Özdemir. Aber Gewalttaten gebe es in Deutschland, Spanien, Polen oder der Türkei auch, da könne man nicht pauschalisieren. Auf Diskussionen lasse er sich nicht mehr ein, besonders nicht in sozialen Netzwerken. „Da steht man gleich am Marterpfahl und die Menschen haben eine feste Meinung. Da braucht man nicht diskutieren“, sagt er. Er hoffe nun, dass die Täter zügig bestraft werden.

Täglicher Hass

Auch Ali Krone vom Verein Afrikanische Diaspora Ostfriesland ist schockiert wegen der Tat. Aber dass sofort Rassismus und Hass in die Debatte kommt, überrascht ihn nicht. „Egal bei welchem Thema: Immer sind gleich die Ausländer schuld“, sagt er.

Ali Krone von der Afrikanischen Diaspora Ostfriesland sieht sich täglich Beleidigungen ausgesetzt. Foto: Nording
Ali Krone von der Afrikanischen Diaspora Ostfriesland sieht sich täglich Beleidigungen ausgesetzt. Foto: Nording

Einige wenige hätten es getan und alle anderen müssten dafür mit büßen. Das merke er auch im Alltag: „Wir erleben jeden Tag Hass. ,Geh dorthin, wo du herkommst‘, wird uns ständig gesagt. Das ist schlimm und tut weh“, sagt Krone.

Er habe fünf Kinder und für ihn sei es wichtig, dass die sicher und glücklich aufwachsen. „Das Gleiche wünsche ich mir auch für alle anderen Bürger“, sagt er.

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