Osnabrück
Rettung der Innenstädte? Handel reagiert skeptisch auf Roßmann-Vorschlag
Die Corona-Pandemie bescherte dem Onlinehandel ein starkes Umsatzwachstum – auch im ersten Halbjahr dieses Jahres. Können eine Paketsteuer oder höhere Mehrwertsteuer große Player wie Amazon einbremsen? Im Handel ist man zwiegespalten.
Wenn es um den Onlinehandel geht, ist der US-Riese Amazon der Platzhirsch. Das haben zuletzt Handelsforscher des IFH in Köln erneut bestätigt. Ihrer Erhebung zufolge stehen Amazon und die Unternehmer, die über die Plattform verkaufen, für zwei Drittel des Umsatzwachstums im Onlinehandel im vergangenen Jahr. Insgesamt landet dem IFH zufolge jeder zehnte Euro der Nonfood-Umsätze im Handel bei Amazon. Und mehr als ein Drittel der Nonfood-Umsätze im Handel ist von dem Online-Riesen abhängig.
Um die Marktmacht Amazons einzubremsen, hat Drogerie-Unternehmer Raoul Roßmann jüngst im Interview mit dem Handelsblatt eine Forderung wiederholt, die auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund in diesem Jahr bereits erhoben hat: die Einführung einer Paketsteuer für den Onlinehandel. „Wenn ich für ein online bestelltes Paket fünf Euro mehr bezahlen muss als wenn ich die Produkte stationär erwerbe, dann überlege ich genau, ob es mir das wert ist“, begründet Roßmann den Vorstoß. „Es ist eine radikale Lösung, aber die einzige, die uns davor bewahrt, Milliarden in die Innenstädte zu pumpen, beispielsweise um künstlich Mieten zu reduzieren.“
HDE erteilt Paketsteuer eine Abfuhr
Solchen Plänen erteilt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), eine klare Absage. „Neue Spezialsteuern und mehr Belastungen sind ein Irrweg. Nur mit einer zielgerichteten Innenstadtstrategie wird es gelingen, unsere Städte als Standorte des Handels zu sichern“, sagte Genth unserer Redaktion. Zumal man mit einer Online- oder Paketsteuer besonders auch viele kleine mittelständische Handelsunternehmen treffe, die teilweise sehr erfolgreich im Internet verkaufen.
Eines dieser Handelsunternehmen ist das Traditionshaus Schäffer im niedersächsischen Osnabrück. Das 130 Jahre alte Unternehmen gilt bundesweit als Vorzeigehändler - im stationären Geschäft wie online. Auf vier Etagen und insgesamt 2700 Quadratmetern gibt es - mitten in der Innenstadt - alles von Porzellan und Glas bis Spielwaren. Gleichzeitig verschickt das Unternehmen Ware deutschlandweit, und das nicht erst seit der Corona-Pandemie.
(Lesen Sie auch: Wie das Osnabrücker Kaufhaus Schäffer von KfW-Kredit profitiert)
Würde der Mittelstand im Handel bestraft?
Aus Sicht von HDE-Hauptgeschäftsführer Genth würden durch eine Online- oder Paketsteuer Investitionen in den E-Commerce, wie sie unter anderem bei Schäffer getätigt werden, faktisch betraft. „Das kann nicht der richtige Weg sein“, betont Genth. Tobias Schonebeck, Geschäftsführender Gesellschafter bei Schäffer, stößt noch etwas Anderes sauer auf: „Politisch wird dem Handel zunehmend mangelnde Digitalisierung vorgeworfen und über Förderprogramme entsprechende Entwicklungen angestoßen. Durch mögliche Zusatzsteuern für diesen Vertriebskanal würden diese Vorhaben konterkariert.“
Aktuell liegt der Online-Anteil am Umsatz bei mehr als 10 Prozent, Tendenz stark steigend. Doch eine Unterscheidung der Vertriebswege ist für Schonebeck nicht mehr zielführend. Der Grund: Die Kanäle würden immer mehr zusammenwachsen, sodass reine Umsatzzahlen nicht treffsicher widerspiegeln, wie viele Kunden sich zum Beispiel online informieren und dann bewusst im Ladengeschäft einkaufen - oder auch umgekehrt, sagt der Geschäftsführende Gesellschafter.
E-Commerce nicht in eine Ecke stellen
Ähnlich sieht es HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Auch die Idee, eine Paket- und Online-Steuer nur für Händler, die mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes über das Internet erzielen, zu schaffen, geht fehl. Man wird in der Praxis häufig gar nicht feststellen können, ob der Umsatz digital oder stationär ausgelöst wurde. Multichannel wird die Zukunft des Handels bestimmen“, sagt er. Und Schonebeck ergänzt: „Wir müssen das Thema viel vielschichtiger betrachten und nicht oberflächlich mit dem Blick auf die großen Online-Player den E-Commerce in eine Ecke stellen.“
Statt beim Thema Steuern sieht Schonebeck eher in Sachen Logistik Ansatzpunkte. „Ein Kern des Problems ist, dass große Online-Player häufig in Versandkostenflatrates oder Logistik-Dumpingpreisen denken und kostenlose Retouren über teilweise monatelange Zeiträume ermöglichen und gerade das im Marketing in den Vordergrundstellen.“ Das würde auch dem Verbraucher gegenüber falsche Signale senden, da Logistik weder Wert noch Wertschätzung beigemessen werde.
Beim HDE setzt man statt auf Sondersteuern auf einen fairen Wettbewerb. „Dabei geht es darum, dass für alle Verkäufe, egal ob online oder stationär, die hiesigen Regeln eingehalten werden, besonders auch Steuern gezahlt werden“, erklärt Genth. Nachdem zunächst beim jüngsten G7-Treffen ein Durchbruch beim Thema Digitalsteuer verkündet wurde, mit der die Staaten Steuer-Dumping der Internet-Riesen abschaffen wollten, hat die Europäische Union die Pläne aktuell auf Eis gelegt.
Auch hinsichtlich Einhaltung der Vorgaben für Produktsicherheit und Umweltschutz bei Waren aus Fernost sieht der HDE Verbesserungspotenzial. „Die Lücken beim Versand aus Nicht-EU-Ländern müssen noch konsequenter geschlossen werden“, so Genth.
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