Bayreuth
Bayreuther Festspiele: „Die Walküre“ und der große Platsch
„Die Walküre“ konzertant: Das geht bei den Bayreuther Festspielen nur, weil Corona herrscht. Dafür bringt Aktionskünstler Hermann Nitsch Farbe in das Werk um das inzestuöse Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde.
Ein Probenbesuch ist wie Topfgucken, während das Premierenfestmahl zubereitet wird. In der Generalprobe werden dann die Teller arrangiert - jetzt müsste eigentlich alles passen, aber das ganze Team vom Regisseur bis zum Statisten kann noch mal nachjustieren. Im Fall der „Walküre“ bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen hat sich der Bedarf zum Nachsteuern bereits am Tag nach der Generalprobe ergeben: Da hat Günther Groissböck als Wotan hingeschmissen. Das ist so, als würde das Lammkarree aus der Pfanne springen, während vor der Restauranttür die Gäste warten.
Normalerweise verbietet es der ungeschriebene Kodex der Theaterkritik, über eine Generalprobe zu berichten. Die Künstler beanspruchen die Probenphase als einen geschützten Raum, in dem sie sich ausprobieren können, wo sie Fehler machen und Schwächen zeigen dürfen. Da Groissböck es aber selbst öffentlich gemacht hat, darf man ruhig schreiben: Ja, die Anstrengung der monströsen Wotan-Partie war ihm gegen Ende des dritten Aktes anzuhören. Um es in seinen eigenen Worten zu sagen: Das Eis wurde hörbar dünn. Er begründet das damit, dass es anderthalb Jahre kaum Möglichkeiten gegeben hat, sich auf der Bühne und vor Publikum auszuprobieren. Da mag ein versteckter Protest am Lockdown mitschwingen, so, wie sich Groissböck öfter kritisch bis distanziert zu staatlichen Corona-Maßnahmen geäußert hat. Aber das mit dem Lockdown einhergehende Berufsverbot für Sänger lässt sich ja nicht wegdiskutieren.
Letztlich ist die gesamte Bayreuther „Walküre“ dieses Jahres eine Konzession an die Pandemie: Noch nie seit der Eröffnung 1876 ist im Festspielhaus ein Teil des „Ring des Nibelungen“ aus dem Gesamtkontext der Tetralogie herausgelöst worden. Andererseits: Dank der Pandemie erhält der österreichische Aktionskünstler und Bürgerschreck der 1960-er Jahre Hermann Nitsch die Gelegenheit, im Bayreuther Festspielhaus seine Aktionskunst, seine Schüttbilder mit dem Musiktheater Richard Wagners zu konfrontieren. Und uns Musikkritikern bietet die besondere Situation die Gelegenheit, statt drangvoll auf dem engen und harten Gestühl in Reihe 28 zu sitzen, es sich auf den Polstern in den Logen bequem zu machen, wo sonst die Prominenz aus Politik und Gesellschaft Platz nimmt. Lediglich der Zugang durchs Königsportal bleibt verwehrt; es wäre wohl zu viel der Ehre gewesen.
Wie nun die Premiere am Donnerstag vonstatten geht? Musikalisch liefert die Generalprobe dafür allenfalls Anhaltspunkte: Wie Bayreuth-Debütant Pietari Inkinen am Pult mit den ebenso einzigartigen wie problematischen akustischen Verhältnissen zurecht kommt, wie sich Groissböck-Ersatz Tomasz Konieczny als Wotan macht, ob Iréne Theorin als Brünnhilde in Sachen Textverständlichkeit zulegt, all das lässt sich nicht vorhersagen. Was man aber schon prognostizieren darf: Lise Davidsen wird sich als Sieglinde mit ihrer glühenden, leidenschaftlichen Stimme in die Herzen des Publikums singen, wie sie es am Dienstag als Elisabeth im „Tannhäuser“ getan hat. Und der helle Strahl von Klaus-Florian Vogts Tenor bleibt für die Partie des Siegmund gewöhnungsbedürftig.
Noch gewöhnungsbedürftiger ist allerdings die Aktionskunst von Hermann Nitsch. Während das Sängerpersonal in schwarzen, sakral anmutenden Gewändern an der Rampe sitzt und beim Singen steht, schüttet eine Handvoll Statisten in weißen Gewändern und mit Corona-Maske kübelweise Farbe auf eine weiße Leinwand auf dem Bühnenboden, und eine weitere Gruppe lässt Farbe die Leinwand herunterfließen, die den Bühnenraum nach hinten begrenzt. Beides ergibt schöne Farbeffekte in leuchtenden Regenbogenfarben, die sich manchmal zu einem schmutzigen Braun oder bedrohlichem Schwarz verdüstern. Das Rot ist besonderen Momenten vorbehalten, zum Beispiel, wenn die Geschwister Siegmund und Sieglinde inzestuös und leidenschaftlich übereinander herfallen. Wirklich erhellend im Sinne einer neuen Bedeutungsebene ist das große Pflatsch allerdings nicht - eher stört es, wenn ausgerechnet zu Siegmunds „Wälse“-Ruf die Maler mit Besen über die Leinwand schrappen, oder wenn die Farbe in Generalpausen hinein auf den Bühnenboden schwappt. Und auch Nitschs Markenzeichen, das unvermeidliche Kruzifix, wirkt in „Die Walküre“ hineingezwungen wie ein Schwan in die „Zauberflöte“. All das erhellt wenig, und so laufen Musik und Aktion zwar nicht zufällig, aber doch unvermittelt nebeneinander her. Und das Ausloten von Ekelgrenzen durch literweise Blut oder Tierteile mutet Nitsch dem Bayreuth-Publikum eh nicht zu. Wozu also das Ganze? Zur Provokation reichen die Schüttbilder jedenfalls nicht, zur Neudeutung des Werkes auch nicht.
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Eine Antwort gibt Hermann Nitsch selbst: Wenn der bald 83-Jährige zum Schlussapplaus auf die Bühne geführt wird, möchte man alles Farbplatschen und allen quasi-religiösen Popanz verzeihen - dann bekommt die „Walküre“ nach dem letzten Ton noch einen rührenden Schlusspunkt. Ob’s dem Bayreuther Publikum gefällt, ist freilich eine andere Frage.