Tokio
Sebastian Wells: Mein Olympia-Moment des Tages
Viele Bilder von den Olympischen Spielen schreiben Geschichten von sportlichen Erfolgen, Sensationen, Enttäuschungen. Der preisgekrönte Fotograf Sebastian Wells aus Berlin schildert aus Tokio täglich seine Eindrücke.
Es ist nicht immer alles so wie es scheint: Was sehen sie auf diesem Bild? Das offene Meer? Eine schöne Tapete mit Segelbooten? Oder umgekehrt, ein Netz, durch das man zu den Wettbewerben hindurchsieht? Alles falsch. Es ist der vielleicht größte Bildschirm, den ich bisher gesehen habe, und zeigt munter aus nächster Nähe Live-Bilder aus dem hunderte Meter entfernten olympischen Segelgebiet. Er ist weit über 50 breit und befindet sich auf schwimmenden Containern in der Bucht von Enoshima im Südwesten Tokios, in der die Segelwettbewerbe stattfinden. Links im Bild(schirm) ist übrigens das deutsche FX 49er Boot von Susann Buecke und Tina Lutz, das sich später mit Silber beglücken wird. Unten ist echtes Wasser, dahinter die verdeckte Stadt von Fujisawa, darüber der Himmel, aus dem die Sonne niederbrennt, als wären 35°C nicht schon mehr als genug. Zurück zur Fragerunde. Was ist eigentlich besser? Das Abbild oder die Wirklichkeit?
3. August: Aller Anfang in Freiheit ist schwer
Heute ist der Tag meiner Freiheit, um mal pathetisch auszudrücken, was gar nicht pathetisch ist. Meine ersten 14 Tage in Japan habe ich hinter mich gebracht: Ausnahmslos in Olympia-Bussen, mit einer langen Liste an Uber Eats Bestellungen und fast täglichen PCR-Tests. Jetzt darf ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder ins Restaurant gehen. Mehr Japaner sein, weniger Olympianer. Doch aller Anfang ist schwer. Fehler 1: Dresscode. Der durchschnittliche japanische Mann trägt weißes Hemd und Anzughose. Ich grünes Poloshirt und beige karierte Chinos. Fehler 2: Rucksack. Man trägt ihn hier auf dem Bauch, um anderen möglichst nicht den Weg zu versperren. Fehler 3: Den richtigen Bus suchen. Es ist aussichtslos. Die Beschriftung ist komplett in japanisch. Ein virtuoses Schriftzeichen nach dem nächsten. Ich zeige den Routenplaner einem Jugendlichen. „Ahhhh... No Dai Mai... He!“ Er schickt mich zu einem Bus um die Ecke. Ich bin tatsächlich am Reitstadion angekommen.
2. August: Die Bühne hinter der großen Bühne
Als Fotograf im riesigen Olympiastadion von Tokio zu arbeiten, ist etwa so, als würde man durch ein Labyrinth eilen, in dem zwar etliche Personen den Weg weisen, aber man trotzdem nicht ans Ziel gelangt. Fragt man einen dieser Wegweiser (japanische Volunteers), stellt sich meistens heraus, dass sie selbst nicht genau wissen, wo es lang geht, oder einfach „Lost in Translation“ sind. Auf der Suche nach dem Weg zum Innenraum bin ich schließlich im Gerätelager gelandet. Das ist nicht so schlecht, denn er befindet sich in unmittelbarer Nähe zum lang gesuchten Rundbahn-Zugang, fühlt sich aber dennoch so an, als hätte ich hier nichts zu suchen. Mich reizen diese Orte, die man nie gesucht hat, und trotzdem findet - als Bühne hinter der Bühne, die sonst nichts will, als seine Funktion zu erfüllen. Es ist wie der Maschinenraum eines Schiffs: Er ist versteckt, hat aber nichts zu verstecken. Ob ich hier fotografieren darf, ist nirgends festgelegt. In diesem Sinne: Besser nicht fragen.
1. August: Wenn der Fotograf mal zum Fan wird
Ich habe mich bisher mit sportlichen Begeisterungsbekundungen sehr zurückgehalten. Es ist schließlich nicht mein Thema, Goldmedaillen hinterher zu hechten, sondern die Spiele als solche fotografisch unter die Lupe zu nehmen. Nun mache ich eine Ausnahme: Skateboard hat es mir angetan. Die so genannte olympische Gastsportart könnte zeitgenössischer kaum sein. Beim Skateboard kann man verlieren und trotzdem cool sein, sich als Mädchen wie die Jungs anziehen und als Fotograf, um ganz egoistisch zu sprechen, ganz nah ran. Als ich eigentlich auf dem Weg zum fast genauso coolen BMX war, bemerkte ich, dass im Skatepark Trainingsbetrieb ist. Die Parkfrauen flogen durch die Luft, viele auf die Knie, standen sofort wieder auf. Xin Zhang, 23 Jahre jung, aus China, versucht sich hier an einem Handplant. Hat nicht ganz geklappt. Sieht aber eigentlich sogar besser aus.
30. Juli: „Man macht halt, was man gut kann“
Kayle Browning kommt aus Arkansas, ist 28 Jahre jung, renoviert gerne Häuser und geht gerne jagen und verbringt gerne viel Zeit am Strand und mit ihren beiden Hunden. Zumindest steht das so auf der Webseite von USA Shooting. Darüber hinaus hat sie gerade die Silbermedaille im Trap Shooting, zu Deutsch Tontaubenschießen, gewonnen. Die Männer auf diesem Bild sind ihre größten Fans und noch vor der Siegerehrung dabei, die frohe Botschaft in die Heimat zu teleportieren. Vor lauter Freudenaerosolen rutscht die Maske dabei fast automatisch unters Kinn, während ich erstmal lernen musste, dass Tontaubenschießen olympisch ist - und das schon seit dem Jahr 1900. Wenn Sie gerne auf waschechte Klischee-Amerikaner treffen möchten, kann ich Ihnen internationale Tontaubenschieß-Wettbewerbe wirklich ans Herz legen. Woher die Faszination für diesen Sport komme, frage ich einen deutschen Trainer. „Man macht halt, was man gut kann“, antwortet er mit der perfekten Mischung aus amerikanischem Realismus und deutschem Pragmatismus.
29. Juli: Brandneue Ruinen warten auf ihr Ende
Es ist nicht lange her, da galt Olympia ohne Zuschauer in den Arenen als völlig unvorstellbar, geradezu sinnlos. Inzwischen sind die Spiele eine Woche alt und ich habe mich an die leeren und vor allem stimmungsarmen Sportstätten gewöhnt. Beinahe kommt es mir so vor, als wäre es schon immer so gewesen. Und trotzdem stehe ich immer wieder vor großen, provisorischen Gerüst-Tribünen wie dieser an der Wildwasserstrecke in Kasai, die errichtet wurden, um schon bald wieder abgebaut zu werden. Sie stehen nun da wie brandneue Ruinen, wie ein potemkinsches Dorf, und bieten zumindest einer einsamen Fernsehreporterin eine erhöhte Position, um nicht völlig nutzlos vor sich hin zu existieren. Der japanische Fahrer des luxemburgischen Straßenrad-Teams hatte neulich die richtige Frage parat, die die ganze Situation in vier englischen Wörtern zusammenfasst. Er fragte mich: „What is it for?“
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28. Juli: Keinen Moment für sich
Als ich vor dem abendlichen Mannschafts-Finale im Turnen durch den Oberring der Ariake Arena schlendere, komme ich an einer Fernseh-Bühne vorbei, auf dem der US-Amerikanische Turnverband live schaltet und die Moderatorin bereits vor dem Wettkampf sehr emotional ist wie Tom Bartels nach Deutschlands WM-Sieg in Brasilien, das Blut muss durch ihre Adern schießen wie das Wasser im Wildwasserkanal. Biles steht wenig später auf dem Parkett, springt unsauber, und verschwindet darauf für einige Minuten fast unbemerkt im medizinischen Behandlungsraum. Ein Raunen geht durch die Reihen der Fotografinnen und Fotografen. Manche wirken so unruhig, als würden sie bereits Anträge für Arbeitslosengeld ausfüllen. Dann kehrt Biles zurück. Unablässig steht sie im Visier von Foto- und Fernsehkameras, während sie den Teamkameradinnen ihren Rückzug mitteilt. Ich musste wieder an die Turn-Moderatorin denken. Ihr Blick muss in dem Moment Bände gesprochen haben.
27. Juli: Ein buntes Treiben, aber wo ist das Ziel?
Die Bushaltestelle der Mediashuttles vom Metropolitan Gymnasium, in dem die Tischtennis-Wettbewerbe stattfinden, liegt gleich neben dem Olympiastadion. Die Bushaltestelle ist - entgegen der meisten anderen - nicht abgeschirmt vom eigentlichen Stadtleben. In meiner Wartezeit beobachte ich das bunte Treiben vor der Leichtathletikarena, dass einer Pilgerstätte gleicht. Männer mit weißen Hemden und grauen Anzughosen halten kurz inne, bevor sie weiter zur Arbeit gehen. Ein Ehepaar mit zwei bis ins Detail gestylten Pudeln macht es sich auf einem Betonblock gemütlich, als würde es dort die nächsten Stunden ausharren wollen. Und eine Gruppe Japaner mit kolumbianischen Wurzeln kommt in nationalbewusster Festkleidung für ein Gruppenfoto zusammen, als wäre es das letzte. Wo sie damit hin wollen, weiß ich nicht. Ins Stadion kommen sie leider jedenfalls nicht. Während mich ihre bunten Gewänder für einen Moment anziehen, kommt mein Bus.
26. Juli: Symbolbild für den Schlafmangel
Tischtennis steht an. Es ist 9 Uhr früh. Lichttechniker wechseln von Arbeits- auf Wettkampflicht, bevor die Viertelfinale der Mixed Teams anstehen. Fernsehleute schrauben noch ein paar Kabel zusammen. Im Presseraum ruft der Fotomanager alle zusammen, um über veränderte Positionen aufzuklären. Aus der Nebenhalle dringt ein schnelles Ping-Pong in einen Essensbereich. Dort sitzt ein junger Mann, einer von etwa 70.000 Volunteers, - und schläft. Auch wenn er für dieses Foto herhalten musste, hätte es auch ein Bild von mir sein können. Olympia bedeutet für die Allermeisten neben dem Sportprogramm viel Schlafmangel. Zu groß ist die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Mein Wecker ist schon wieder gestellt. Um Punkt 4 Uhr wird er klingeln, damit ich rechtzeitig beim Triathlon ankomme.
25. Juli: Besonderes Gespräch unter Kollegen
Vor dem Fußball-Gruppenspiel zwischen Deutschland und Brasilien fällt mein Blick auf eine Fotografin, die am Spielfeldrand betet. Wadad Hachichou ist eine 55-jährige, selbstbewusste Sportfotografin aus dem Libanon, die in Katar lebt. Ich setze mich zu ihr und höre ihr zu: „Es gibt hier überhaupt keine ruhigen Räume zum Beten, keine arabischen Übersetzungen, keine barrierefreien Zugänge zum Stadion für Fotografinnen und Fotografen. Muslimische Frauen wie ich werden hier stark benachteiligt“. Wadad, die schon auf etlichen internationalen Sportveranstaltungen oder auch Filmfestspielen fotografierte, hat Recht. Sportfotografen sind zumeist männlich, mittelalt, zumindest mittelsportlich und kommen in der Mehrzahl aus westlichen Ländern. Frauen wie Wadad werden zwar nicht gezielt ausgeschlossen, aber für sie wird auch fast nie mitbedacht. Zeit, dass sich das ändert.
24. Juli: Olympia trifft auf die normale Welt
Auch wenn dieses Bild auf den ersten Blick ein bisschen an das Cover von „Abbey Road“ der Beatles erinnern mag, ist es in Tokio aufgenommen - und aus anderem Grund ist es etwas Besonderes. Es war für mich das erste Mal, dass ich etwas von dieser Stadt sehe und gleichzeitig eine etwas absurde Situation. Wir waren für die Leute draußen in der Buskolonne sichtbar als Pressevertreter und haben diese Normalität gefühlt irgendwie gestört. Ergeben hat das ein beidseitiges Staunen und war das Aufeinandertreffen von Olympia und realer Welt. Entstanden ist es übrigens auf dem Weg zur Eröffnungsfeier, die auch ein bisschen skurril war. Die Veranstaltung war natürlich für das Fernsehen ausgelegt und so hat es sich ein bisschen angefühlt, als wäre man gar nicht dabei und würde sich eine Fernsehübertragung anschauen. Mittendrin, aber nicht dabei irgendwie. . Dort wurde es vor allem beim Ankommen noch einmal ziemlich skurril. Wir Journalisten wurden direkt abgefangen und Richtung Stadion eskortiert. Einen Meter entfernt vom „normalen“ Japan, aber doch ganz weit entfernt - wie eine wandelnde Quarantäne.
23. Juli: Kollektives Schweigen - mit müden Jetlag-Augen
Es ist 7.30 Uhr. Mit müden Jetlag-Augen fahre ich in meinem Hotel in Tokio den Fahrstuhl vom neunten in den ersten Stock herunter, gehe an der Lobby vorbei zum Eingang des Frühstückssaals, zeige mein „Meal Voucher“ und verbeuge mich etwas ungelenk vor dem Aufseher, der über die Essenden wacht, während ich ein Ko-ni-chi-wa in aus Angst vor falscher Aussprache in mich herunterschlucke, als wäre es ein Müsli. Ich genieße mein Frühstück im kollektiven Schweigen mit zwei Tischen und vier Plexiglasscheiben Sicherheitsabstand zu einem Geschäftsmann und weiteren drei Tischen und sechs Plexiglasscheiben Abstand zu zwei Personen mit Olympia-Akkreditierung. Mit jeder Scheibe addiert sich eine Spiegelung zur nächsten, wird das Bild unklarer, wird die Durchsicht zur Draufsicht, die Schutzscheibe zur Mauer, für Virus - und Kommunikation. So wird Olympia 2020 im Jahr 2021 wohl an vielen Stellen aussehen.
22. Juli: Höflichkeit, die verunsichern kann
Dieses Foto ist kurz nach meiner Ankunft am Flughafen Narita etwas östlich von Tokio entstanden. Mit an Bord war fast die gesamte polnische Olympiamannschaft, die während des Fluges richtig gute Laune hatten - wenn es nicht gerade Turbulenzen gab. Im Mittelpunkt des Fotos steht eine von unzähligen Volunteers, die einem per wedelndem Handzeichen freundlich den Weg weisen. Diese Geste passiert mit einer so ungeheuren Höflichkeit, dass man schon etwas verunsichert ist, ob es als Wegweiser dienen soll oder nicht. Mein Einreiseprozess anschließend hat ungefähr sieben Stunden gedauert, was auch daran lag, dass die spezielle App für die Olympia-Blase bei mir nicht so richtig funktioniert hat und es auch sonst viele bürokratische Hürden zu meistern gilt. Nach ungefähr sieben Stationen und einem weiteren PCR-Test war ich dann aber drin. Heißt das also, dass es jetzt losgeht? Ganz sicher bin ich mir da noch nicht.