Osnabrück

Bleiben die Opfer der Flutkatastrophe auf den Schäden sitzen?

Corinna Clara Röttker
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Von Corinna Clara Röttker
| 16.07.2021 17:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Die Flutkatastrophe hat für Verwüstung gesorgt. Finanziell gegen Hochwasser und Starkregen abgesichert ist aber nur, wer eine Elementarschaden-Versicherung hat. Bloß ist die nicht immer günstig. Ein Überblick.

Welche Versicherung zahlt bei Unwetterschäden?Um sich finanziell gegen Schäden aus Überschwemmungen, Starkregen, Rückstau, Hochwasser oder auch Schneedruck, Lawinen oder Erbeben abzusichern, braucht es eine spezielle Zusatzversicherung − die sogenannte Elementarschaden-Versicherung. Diese wird als optionaler Zusatzbaustein zur Wohngebäude- und Hausratversicherung angeboten und kann auch nur in Kombination mit einer dieser beiden Versicherungen abgeschlossen werden. Für sich genommen kommen die Wohngebäude- und Hausratversicherung nur für Schäden bei Sturm und Hagelschäden am Haus bzw. Hausrat auf.

Bei Schäden am Haus durch Starkregen zahlt die Wohngebäudeversicherung mit erweitertem Naturgefahrenschutz, also wenn zusätzlich eine Elementarschaden-Versicherung abgeschlossen wurde. Sie übernimmt das Abpumpen und die Trockenlegung und - falls nötig - auch die Kosten für den Abriss und Wiederaufbau des Hauses. Auch die Kosten für eine alternative Unterkunft bzw. Mietausfälle, sollte das Haus vorübergehend unbewohnbar sein, können versichert werden.

Schäden durch Starkregen am Hausrat sind über die Hausratversicherung mit Elementarschaden-Versicherung gedeckt. Sie übernimmt beispielsweise die Reparaturkosten für das gesamte beschädigte Inventar.

Im Schadenfall trägt der Versicherte dann einen Teil der Kosten selbst, da meist eine Selbstbeteiligung vereinbart wird.

Wann sind Autos versichert?Schäden am Auto, die durch Hagel, Sturm, Blitzeinschlag oder Überschwemmung entstanden sind, übernimmt die Teil- oder Vollkaskoversicherung. Ist das Blech verbeult oder die Scheiben kaputt, werden die Reparaturkosten für gewöhnlich in voller Höhe erstattet.

Gibt es Ausnahmen, wann die Elementarschaden-Versicherung nicht zahlt?Die erweiterte Naturgefahrenversicherung hilft nicht, wenn Grundwasser von unten ins Mauerwerk eindringt. Das Wasser muss von oben kommen. „Es geht um äußere Ereignisse“, sagt Christian Ponzel vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Kriegt jeder die Elementarschaden-Versicherung?Der GDV schätzt, dass 99 Prozent der deutschen Privathäuser „problemlos versicherbar“ sind. „Dass man überhaupt keinen Versicherungsschutz bekommt, ist sehr unwahrscheinlich und uns in konkreten Fällen bisher nicht bekannt“, sagt auch Claudia Frenz vom Bund der Versicherten (BDV). „Wer allerdings schon einmal einen Leistungsfall hatte, und wem daraufhin vom Versicherer gekündigt wurde, kann Schwierigkeiten bekommen, einen neuen Versicherer zu finden.“

Denn ob ein Versicherer den Antrag auf Elementarschaden-Versicherung als zusätzlichem Versicherungsschutz zur Gebäude- oder Hausratversicherung annimmt, entscheidet er nach dem Schadensverlauf der letzten Jahre bzw. Jahrzehnte. „Die letzte Entscheidung, inwieweit und zu welchen Konditionen Versicherungsschutz zu erhalten ist, liegt somit stets beim Versicherer“, so die Verbraucherzentrale.

Frenz vom BDV empfiehlt, wer auch vom 10. Versicherer keinen Elementarschadenvertrag bekommt, der sollte diese Absagen als Nachweis seiner Bemühungen sammeln, um im Falle eines Elementarschadens ggf. von einem staatlichen Hilfsfonds den Schaden ersetzt zu bekommen - sofern es einen gibt. So hat etwa die Landesregierung Bayern vor einigen Jahren beschlossen, dass es nur für jene Hausbesitzer staatliche Hilfen gibt, die sich auch intensiv und vergeblich um Versicherungsschutz bemüht haben.

Wie viele Menschen in Deutschland haben eine Elementarschaden-Versicherung?Der Verbraucherzentrale zufolge sind deutschlandweit rund 45 Prozent aller Privathäuser gegen Schäden durch Naturgefahren wie Hochwasser und Überschwemmung versichert. Der Anteil variiert jedoch von Bundesland zu Bundesland. So sind etwa in Rheinland-Pfalz nur 35 Prozent abgesichert, in Baden-Württemberg hingegen 94 Prozent. Was viele Immobilienbesitzer vor einer Elementarschaden-Versicherung abschreckt, sind die Prämien. Denn für Eigentümer, deren Häuser in Hochwasser-Risikogebieten liegen oder die schon einmal von einer Überflutung betroffen waren, ist die Zusatzversicherung sehr teuer.

Wie teuer ist eine Elementarschaden-Versicherung?Viele Versicherer beurteilen die Versicherbarkeit einzelner Gebäude nach Gefährdungsklassen, die nach der statistischen Hochwasser-Häufigkeit gegliedert sind. Es gilt: Je höher die Gefährdungsklasse, desto teurer die Versicherungsbeiträge. Die Prämienspreizung am Markt beträgt dabei teilweise bis zu 300 Prozent. Laut BDV erhöht ein zusätzlicher Elementarschutz in den Gefährdungsklassen 1 und 2 die Prämie im Durchschnitt jeweils noch um 20 bis 30 Prozent. „In Hochrisikozonen wie beispielsweise am Kölner Rheinufer sind durchaus Prämienaufschläge zur reinen Wohngebäudeversicherung für den zusätzlichen Elementarschadenschutz von 50 bis über 100 Prozent denkbar“, sagt Frenz.

Der Verbraucherzentrale zufolge bieten viele Tarife Elementarschutz schon für deutlich unter 100 Euro im Jahr. Auf Anfrage teilt etwa die R+V-Versicherung mit, dass man für ein typisches Einfamilienhaus den Einschluss in der Regel für etwa 70 bis 100 Euro pro Jahr dazukaufen kann. Teurer wird es in Risikogebieten. Je nach Größe sowie Art des Gebäudes können laut Verbraucherzentrale die Beträge sogar im vier- oder gar fünfstelligen Bereich liegen.

Laut GDV liegen 1,5 Prozent der Gebäude in Deutschland in den beiden höchsten Gefährdungsklassen. So hat die Stadt Wuppertal beispielsweise aufgrund ihrer geografischen Lage bundesweit die meisten Gebäude, die bei unwetterartigem Regen hoch gefährdet sind. Jedes siebte Haus steht hier in einem Tal oder in der Nähe eines kleineren Gewässers und ist deshalb in die höchste Starkregengefährdungsklasse eingeordnet. In Kiel dagegen liegen nur 2,5 Prozent der Gebäude in der höchsten Gefährdungsklasse.

Was droht Betroffenen, die keine Elementarschaden-Versicherung haben?„Wenn ihr Haus bei einem Erdrutsch oder eine Überschwemmung zerstört wird, dann wird ihnen keine Versicherung diesen Schaden ersetzen. Eine Wohngebäudeversicherung ohne erweiterten Elementarschutz reicht dann nicht aus“, sagt Frenz vom BDV.

Wer hingegen noch einmal glimpflich davongekommen ist, sollte laut Frenz seinen Versicherungsschutz prüfen und falls noch nicht geschehen, einen erweiterten Elementarschadenschutz zu seiner Wohngebäudeversicherung abschließen. „Noch immer ist die Abdeckungsquote in Deutschland viel zu gering“, sagt auch Ponzel vom GDV. „Dabei werden mit Blick auf den Klimawandel die Gefahren für Immobilienbesitzer immer größer - egal ob sie nun im Risikogebiet wohnen oder nicht. Starkregen kann einen schließlich überall treffen.“ Der Verband geht davon aus, dass dieses Jahr das schadenstärkste Jahr seit 2013 werden wird. Damals lagen die Schäden bei 9,3 Milliarden Euro. Allein die Hagelstürme im Juni diesen Jahres kosteten bereits 1,7 Milliarden Euro, so der GDV.

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