Ostfriesland, Land am Meer

Im Dienste der grasenden Mehrheit

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 07.07.2021 19:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kaum ein Motiv symbolisiert ein Idealbild der Landwirtschaft so wie Kühe auf der grünen Wiese. Fotos: Grünlandzentrum
Kaum ein Motiv symbolisiert ein Idealbild der Landwirtschaft so wie Kühe auf der grünen Wiese. Fotos: Grünlandzentrum
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Kühe auf einer grünen Wiese: Seit dem Weideauftrieb Mitte April ist dieses Bild auch in Ostfriesland wieder allgegenwärtig. Doch was gehört eigentlich alles dazu, um die Kuh auf der grünen Weide zu halten?

Der „Biotopverbund Grasland“ schafft Zwischenstopps für Insekten.
Der „Biotopverbund Grasland“ schafft Zwischenstopps für Insekten.
Ostfriesland - Wohl kaum ein Bild prägt die landläufige Wahrnehmung der Agrarwirtschaft wie das von Kühen auf einer grünen Wiese. Seit dem Weideauftrieb Mitte April ist dieses Bild auch in Ostfriesland wieder allgegenwärtig. Und vermittelt dem unbedarften Beobachter ein Gefühl von Idylle. Doch was gehört eigentlich alles dazu, um die Kuh auf der grünen Weide zu halten, und welche Probleme und Konflikte bringt diese „Idylle“ mit sich?

Milchkühe sind die unangefochtenen Spitzenreiter in der landwirtschaftlichen Produktion Ostfrieslands. Damit sie möglichst viel ihres weißen Golds produzieren können, muss diesen schwarzbunten Kraftwerken immer genügend Energie, sprich Futter zugeführt werden. Vom Frühjahr bis zum Spätherbst wächst es direkt unter ihnen. Was sie in dieser Zeit nicht fressen können, wird gemäht und zu Heu verarbeitet. Das wird ihnen im Winter im Stall serviert – mal sehr verkürzt erklärt.

Der Futterwert ist entscheidend

Im Projekt „Beespoke“ werden Blütenpflanzen in die Weidenbepflanzung integriert.
Im Projekt „Beespoke“ werden Blütenpflanzen in die Weidenbepflanzung integriert.
„Um möglichst viel Milch zu produzieren, braucht die Kuh eiweißreiche Gräser und Kräuter, die baut der Landwirt gezielt an“, erklärt Dr. Arno Krause vom Grünlandzentrum Niedersachsen-Bremen. „Ob die Wiese bunt ist und man schön drauf Picknick machen kann, interessiert ihn eher nicht.“ Pflanzen mit hohem Futterwert sind beispielsweise Weidelgras und Kleegras.

„In den vergangenen Jahren hat sich allerdings ein Spannungsfeld zwischen Rentabilität und Nachhaltigkeit herausgebildet, das so vorher nicht wahrnehmbar war“, sagt Krause. „Die Landwirte sehen sich etwa mit Artensterben und Treibhausgas-Emissionen als Folgen konfrontiert.“ Ein Grund dafür ist zum Beispiel die Wechselwirtschaft, bei der das Grünland nach einigen Jahren umgebrochen wird, um für ein- oder mehrjährigen Ackerbau Platz zu machen. Durch das Umbrechen des Grünlands wird im Boden gebundenes Kohlendioxid frei. Zudem hat Wechselgrünland geringere Artenvielfalt und bietet Bienen und Hummeln dadurch wenig bis kaum Nahrungs- und Bestäubungsgrundlagen.

Arten müssen zurück auf die Wiese

Begriffe

Grünland

Landwirtschaftliche Flächen, auf denen überwiegend Gräser und krautige Pflanzen angebaut werden und deren Biomasseaufwuchs durch Beweidung oder Mahd als Futtermittel für die Viehwirtschaft oder in geringfügigerem Umfang zur Produktion von Energiepflanzen genutzt wird.

Habitatfragmentierung

Auch Lebensraumzerschneidung, eine Umweltveränderung, die für Artenschwund verantwortlich ist. Lebensräume von Tier- oder Pflanzenarten werden dabei so weit aufgespalten, dass es keinen genetischen Austausch zwischen den entstehenden Teilräumen mehr gibt. Habitatfragmentierung geschieht einerseits durch geologische oder klimatische Prozesse wie Grabenbrüche oder Vergletscherungen, andererseits aber auch durch menschliche Aktivitäten wie Rodungen und Verkehrswegebau. Die Zerschneidung führt zu abnehmenden Habitatgrößen und zunehmender Isolation der Arten. Die Populationsgrößen in den Teilhabitaten verringern sich zwangsläufig, im Extremfall wird die Mindestgröße stabiler Populationen unterschritten, was langfristig zum Aussterben der Population führt.

Netto-Energie-Laktation (NEL)

Messwert dafür, welchen Energiegehalt Tierfutter hat, der für die Milchproduktion umgesetzt werden kann. Er ist immer kleiner als die gesamte verwertbare Energie, die metabolische Energie (ME). Angegeben wird sie meist in Joule pro Kilogramm. Grünfutter hat zum Beispiel im Durchschnitt einen Energiegehalt von 6,4 Megajoule pro Kilogramm Futter-Trockenmasse, beziehungsweise eine metabolische Energie von 10,5 Megajoule pro Kilogramm Futter-Trockenmasse.

Das Grünlandzentrum hat sich deshalb in verschiedenen Projekten mit der Frage beschäftigt, wie man natürliche Vielfalt auf den Futterwiesen schaffen kann, ohne die Energiewerte des Futters zu stark zu beeinträchtigen. Unter dem Projekttitel „Beestoke“ werden Blütenpflanzen gewissermaßen behutsam in die Wiese integriert. „Das Vorgehen eignet sich für Weiden, auf denen die Tiere aktuell nicht grasen. Dort können Bienen und Hummeln sich austoben und wenn sie später im Jahr wieder weg sind, wird alles gemäht und kommt ins Silo.“ Die bisherigen Forschungsergebnisse stimmen Krause optimistisch. „Das kann ein richtiger Knüller werden“, sagt er.

Ein weiteres Projekt mit dem Titel „Biotopverbund Grasland“ widmet sich dem Versuch, mit einzelnen Blühstreifen gewissermaßen Zwischenlandeplätze für die Insekten zu schaffen. „Ein großes Problem für die Insekten ist, dass viele potenzielle Lebensräume zu klein sind und zu weit auseinander liegen, um sie anzusteuern“, erklärt Krause. „Man spricht da auch von Habitatfragmentierung. Der Biotopverbund ist quasi eine große ökologische Partnerbörse. Oder eine Art Flurbereinigung für Bienen. Die Flächen werden so miteinander verbunden, dass die Insekten sie erreichen und nutzen können.“ Welche Vorgehensweise sich im Anbau besser bewährt, hänge von den Standortfaktoren der jeweiligen Flächen ab, so Krause.

Weidemilch als Umsatzbringer

Damit sich Investitionen in die Biovielfalt auch für den Landwirt rentieren, hat das Grünlandzentrum gemeinsam mit Vertretern aus Landwirtschaft, Umwelt- und Tierschutz, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik das Gütesiegel „Pro Weideland“ entwickelt. „Weidemilch wird vom Verbraucher stark nachgefragt, aber bislang gab es keine fest geregelten Kriterien dafür“, erklärt Krause.

„Im Prinzip konnte man Milch als Weidemilch verkaufen, wenn die Kuh vom Stall aus auf die Weide gucken konnte.“ Mit dem neu geschaffenen Gütesiegel werden bestimmte Standards verbindlich festgeschrieben. So müssen die Kühe etwa ganzjährig Bewegungsfreiheit haben und an mindestens 120 Tagen für mindestens sechs Stunden grasen. Die Betriebe wiederum müssen 2000 Quadratmeter Grünland pro Kuh und davon mindestens die Hälfte an Weidefläche nachweisen können.

„Für ein so zertifiziertes Produkt ist der Verbraucher bereit, mehr zu zahlen, und somit rentiert es sich auch für die teilnehmenden Landwirte“, erklärt Krause. Er hält es sogar für überlebenswichtig für die Branche. „Wenn die Milch nur auf Masse produziert wird, verkommt sie über kurz oder lang zum gleichen Ramschprodukt wie das Ein-Euro-Schnitzel“, so Krause weiter. „Und sobald das dem Verbraucher bewusst wird, nagelt er die Landwirte dafür an die Wand.“

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