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Gefährliche Tornados könnten auch Ostfriesland treffen

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 05.07.2021 15:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Kürzlich gab es bei einem Tornado in Tschechien sechs Tote und Hunderte Verletzte. Laut dem DWD kann das überall passieren. In Deutschland gebe es die meisten Sichtungen im Nordwesten.

Was und warum

Darum geht es: In den vergangenen Jahren hat es immer mal wieder extreme Wetterbedingungen gegeben. Diese können unter Umständen für Tornados sorgen, auch wenn das nur selten vorkommt.

Vor allem interessant für: Leute, die sich für Unwetter und die Natur an sich interessieren

Deshalb berichten wir: Kürzlich hatte ein Tornado in Tschechien verheerende Schäden angerichtet. Wir haben uns gefragt, wie es dazu kommen konnte und ob das auch hier passieren könnte.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Ostfriesland - Sechs Tote, rund 200 Verletzte und mehr als 1200 beschädigte Häuser: Der Tornado, der im Juni im Südosten Tschechiens wütete, war verheerend. Inzwischen wurde er der Kategorie F4 zugeordnet. Das ist die zweithöchste, die weltweit jemals offiziell erfasst wurde. Könnte es auch in Deutschland oder gar in Ostfriesland zu so etwas kommen? Möglich ist das laut dem Deutschen Wetterdienst (DWD) überall auf der Welt.

Der tschechische Wirbelsturm war aus einer riesigen Gewitterwolke entstanden, die man auch Superzelle nennt. Im Vormonat war so eine auch über Ostfriesland hinweggezogen und hatte für große Regen- und Hagelschäden gesorgt. Die Superzellen seien immer häufiger in Norddeutschland zu beobachten, hatte kürzlich der DWD-Mitarbeiter Jörg Deuber unserer Zeitung gesagt. Das sei eine direkte Folge des Klimawandels und der Erderwärmung.

Grundvoraussetzung für Tornados ist feuchtes Wetter

Dieses Bild ist am 27. Juni am Deich von Upleward (Gemeinde Krummhörn) aufgenommen worden.
Dieses Bild ist am 27. Juni am Deich von Upleward (Gemeinde Krummhörn) aufgenommen worden.
Andreas Friedrich ist nicht nur Sprecher, sondern auch der Tornadobeauftragte des DWD. Laut ihm hatte es im vergangenen Jahr auch schon in Süddeutschland Wetterbedingungen gegeben, die denen kürzlich in Tschechien glichen. Die Wissenschaft könne jedoch nie vorhersagen, wo und wann Wirbelstürme auftreten, da viele Faktoren eine Rolle spielten.

Erst einmal brauche es Schauer- und Gewitterwolken mit sehr feuchter Luft, deren Unterkanten sich weniger als einen Kilometer über dem Boden befinden. Dadurch könne sich ein Wolkenrüssel aus Wasserdampf bilden, der Luft von unten nach oben saugt. Es spielten aber auch die Windgeschwindigkeit und -richtung in Bodennähe und weiter oben eine Rolle, erklärt Friedrich. Wenn es dann zur Rotation komme, müssten alle Wetterbedingungen lange genug anhalten, bis der Rüssel die Erde erreiche. Erst dann könne es gefährlich werden. „Gott sei dank passiert so etwas selten.“

Auch in Ostfriesland gab es schon größere Schäden und Verletzte

Berühmt-berüchtigt sei diesbezüglich der Mittlere Westen der Vereinigten Staaten, wo man von einer Tornado-Alley (Tornado-Allee) spreche. Für das Jahr 2020 wurden laut dem Statistik-Portal Statista 1.075 Tornados aus den USA gemeldet. Im Vergleich dazu gebe es in Deutschland etwa 20 bis 60 Sichtungen pro Jahr. „Es gibt aber eine Dunkelziffer“, betont der DWD-Sprecher. So ließen sich Tornados nicht messen, sondern man benötige Augenzeugenberichte beziehungsweise Aufnahmen. Diese kämen besonders häufig aus Nordwestdeutschland, also auch aus Ostfriesland. Friedrich führt das darauf zurück, dass man hier aufgrund des flachen Landes und des Meeres weit schauen kann.

Sucht man online nach dem Begriff Tornado, so wird unter anderem ein Fall vom 12. September 1994 ausgespuckt, als eine Windhose in Riepe einen Millionenschaden verursachte. Dächer wurden damals abgedeckt und durch die Luft gewirbelt, Fenster zerschlagen, Satellitenanlagen abgerissen. Im Online-Archiv dieser Zeitung finden sich zudem rund zehn Fälle aus den vergangenen 20 Jahren. Unter anderem wurde demnach im Juni 2004 eine Hütte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) auf Borkum vom Sockel gerissen. Eine Mitarbeiterin wurde dabei durch ein Fenster geschleudert und schwer verletzt. Zwei weitere Mitarbeiter zogen sich leichte Verletzungen zu. Auch etliche Strandkörbe wurden umgeschmissen. Bei ein paar anderen Fällen kam es zu kleineren und größeren Sachschäden.

Prognose für die kommenden Jahre

Zu dem vielleicht deutschlandweit verheerendsten Tornado zählt Friedrich den vom 23. April 1800 in Hainichen (Sachsen), der laut mehreren Tornadoportalen zur bislang höchsten jemals gemessenen Kategorie F5 zählte. Am 10. Juli 1968 folgte ein Tornado bei Pforzheim (Baden-Württemberg) der Kategorie F4. Damals starben zwei Menschen, es gab mehr als 200 zum Teil lebensgefährlich Verletzte und 1750 Häuser wurden beschädigt.

Und wie sieht es hier in Zukunft aus? Könnte die Tornado-Gefahr durch extreme Wetterbedingungen, die sich in den vergangenen Jahren häuften, steigen? Laut dem DWD-Sprecher hat zumindest innerhalb der USA die Zahl der Tornados in den vergangenen 30 Jahren nicht signifikant zugenommen.

Dieses Ergebnis lasse sich auch auf den Rest der Welt übertragen. Allerdings werde die Luft im Sommer zwar grundsätzlich eher trockener, aber dafür auch wärmer – und warme Luft könne mehr Energie speichern. Werde die Luft dann doch einmal feucht und es entstehe ein Tornado, könne dieser heftiger ausfallen. Friedrich betont aber nochmals, dass es nach wie vor ein seltenes Naturphänomen ist. „Eine Tornado-Versicherung würde ich nicht abschließen, sofern es die hier überhaupt gibt.“

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