Landwirtschaft

Experten nehmen Hagelschäden unter die Lupe

Michael Hillebrand
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Von Michael Hillebrand
| 28.06.2021 18:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Bei dem großen Unwetter vor gut einer Woche zerstörte der Hagel auch große Teile der Ernte. Nun sehen sich Experten das Ausmaß an. Unsere Zeitung schaute ihnen in Visquard über die Schulter.

Was und warum

Darum geht es: die Folgen von sogenannten Starkwetterereignissen für die Landwirtschaft. Sie treten in den vergangenen Jahren immer häufiger auf.

Vor allem interessant für: Landwirte und andere, die von den Folgen des Wetters und von Ernteschäden betroffen sind – also theoretisch auch jeder Verbraucher.

Deshalb berichten wir: Nach dem kürzlichen Unwetter haben wir auch mit Versicherern gesprochen, die uns angeboten haben, bei der Begutachtung vorbeizuschauen.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Visquard - Das große Unwetter vom vorvergangenen Wochenende hat vor allem die Gemeinde Krummhörn buchstäblich hart getroffen: Golfballgroße Hagelkörner einer sogenannten Superzelle schlugen nieder und beschädigten Autos, Gewächshäuser und die Ernte. Weil sich bei dieser die Folgen allerdings nicht immer sofort zeigen, haben die Versicherer ein paar Tage Zeit verstreichen lassen und jetzt mit der Begutachtung begonnen. Unsere Zeitung schaute ihnen in Visquard über die Schulter.

Dr. Michael Schulte ist stellvertretender Bezirksdirektor der Vereinigten Hagelversicherung Gießen, Wilfried Fick arbeitet als Generalagent der R+V Versicherungsgruppe in Norden. Jetzt stehen die beiden am Rande eines Feldes und schauen sich mit rund einem Dutzend Sachverständiger aus der Landwirtschaft Gerste an. Gemeinschaftstaxe nennen sie das. Visquard und Pewsum hätten bei dem Unwetter besonders viel abbekommen, heißt es. Im Falle der Gerste wird mit einer Schadensquote von 70 bis 80 Prozent gerechnet, die damit, wie auch die Ackerbohne, besonders betroffen ist. Genaueres zur Schadenshöhe sagen könne man aber erst in ein paar Wochen, nach der sogenannten Endregulierung.

„So etwas habe ich in 30 Jahren nicht erlebt“

Dr. Michael Schulte (links) und Wilfried Fick erklärten unserer Zeitung, wie die sogenannte Gemeinschaftstaxe abläuft. Sie soll mehrere Tage lang andauern.
Dr. Michael Schulte (links) und Wilfried Fick erklärten unserer Zeitung, wie die sogenannte Gemeinschaftstaxe abläuft. Sie soll mehrere Tage lang andauern.
Das jetzt hingegen ist eine Vorbesichtigung, bei der die Äcker von 45 Landwirten bis rauf nach Norden besichtigt werden sollen. Zwei Revisoren, Dr. Wilfried Schlott und Dr. Niels Clausen, gehen die anstehenden Kontrollen durch und biegen mithilfe von Gehstöcken etwa jeweils 100 Halme zu Bündeln zusammen. Dann wird ein Halm nach dem nächsten in die Hand genommen und gegebenenfalls in die Kategorien Hochbruch, Tiefbruch oder Ärenschaden einsortiert. An ein paar weiteren Parzellen wird ebenfalls kontrolliert, um ein repräsentatives Ergebnis zu bekommen.

Der Wert einer Ernte schwanke und sei von der Qualität und den Marktpreisen abhängig, weshalb die Höhe der Versicherung auch jedes Jahr neu berechnet werden, erklären Schulte und Fick. Dieses Jahr wäre eigentlich ein sehr gutes gewesen, wenn da nicht das Unwetter zugeschlagen hätte. Der Hagel beschädigt die Pflanzen nämlich nicht nur direkt, sondern schwächt sie auch, wodurch sie anfälliger für zum Beispiel Pilze werden. Ein genaues Schadensbild gebe es daher auch erst in ein paar Wochen.

Hagel ist nicht gleich Hagel

An hellen Flecken, wie hier auf einem Acker in Visquard zu sehen, sieht man, dass die Gerste beschädigt worden ist.
An hellen Flecken, wie hier auf einem Acker in Visquard zu sehen, sieht man, dass die Gerste beschädigt worden ist.
Weil bis dahin der Sturm noch weitere Halme umknicken und das Schadensbild verfälschen könnten, werde aber schon jetzt einmal nachgeschaut und es steht bereits fest: Die Folgen sind gravierend. „Ich mache meinen Beruf seit 30 Jahren, aber so heftig wie hier habe ich das noch nie erlebt“, versichert Fick.

Hagel sei dabei nicht immer Hagel. So habe nicht nur die Größe der Körner Einfluss auf die Schäden, sondern auch die Beschaffenheit, heißt es weiter. So hätten manche von ihnen abgerundete Ecken, während andere das Getreide regelrecht aufschneiden können. Milva Iderhoff gehört dabei zu den besonders betroffenen Landwirtinnen und verdeutlich im Gespräch mit unserer Zeitung, wie fassungslos sie ist. Bei ihren Ackerbohnen liege ein Totalschaden vor. Beim Raps und dem Getreide könnte mehr als die Hälfte des Ernteertrags ausfallen, wenn nicht sogar mehr. Auch in ihrem Fall lässt sich das aber erst in ein paar Wochen genau sagen.

Während die Vereinigte Hagelversicherung noch keine Einschätzung der Gesamtschadenshöhe geben kann, geht die Ostfriesische Brandkasse bereits von einer Summe im Millionenbereich für ihre Versicherten aus. Auch dort wird allerdings noch nachgerechnet.

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