Serie „Zwischen Acker und Weide“

Der eigene Käse als Kundenmagnet

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 09.06.2021 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Rund 90 Betriebe in Ostfriesland vermarkten ihre Produkte nicht nur über Zwischenhändler wie Molkereien oder Schlachthöfe, sondern auch direkt. Wir stellen drei Modelle vor.

Ostfriesland - Der größte Teil der landwirtschaftlichen Produktion wird auch in Ostfriesland immer noch auf konventionellen Wegen vermarktet und landet am Ende im Einzelhandel. Die Probleme, die sich daraus bisweilen für die Bauern ergeben, und ihre zeitweisen Konflikte mit dem Handel sind aus vielen Medienberichten der Vergangenheit bekannt. Doch es gibt auch andere Wege, die Lebensmittel vom Feld und der Weide an den Verbraucher zu bringen. Direktere Wege. Wie die aussehen, erklären wir heute anhand einiger Vermarktungssformen, die aktuell in Ostfriesland umgesetzt werden.

Hofläden

Hermann Poppen inmitten seiner Leasingschweine auf dem Bioland-Hof Sonnenschein. Foto: Ortgies/Archiv
Hermann Poppen inmitten seiner Leasingschweine auf dem Bioland-Hof Sonnenschein. Foto: Ortgies/Archiv
Hofläden sind der Goldstandard der Direktvermarktung. Ihre Bandbreite reicht von einer kleinen Holzhütte mit einer Spardose zum Bezahlen bis hin zum modern eingerichteten Ladengeschäft mit eigener Kühltheke und Sortimenten, die an die Auswahl kleiner Supermärkte heranreichen. Peter Habbena verkauft in seinem Hofladen in Schoonorth seit 2019 die Milch seiner Kühe, Milchprodukte wie Joghurt und Käse sowie Eier aus eigener Produktion. Ehefrau Frauke stellt außerdem Marmeladen her. Von Höfen aus der Nachbarschaft hat er zusätzlich Kartoffeln, Obst und Honig im Angebot. Sein Hofladen besteht aus einer Milchtankstelle und einer „Regio-Box“, einem Verkaufsautomaten, der für Kunden täglich von 6 bis 22 Uhr zugänglich ist. Darüber hinaus züchtet Habbena Angusrinder, deren Fleisch er ebenfalls verkauft. Allerdings nicht als einzelne Steaks oder Rouladen. Die Kunden können aus rechtlichen Gründen nur komplette Rinderviertel kaufen.

Möhrenernte auf dem Gröönlandhof mit Unterstützung von Ernteteilern. Foto: Gröönlandhof
Möhrenernte auf dem Gröönlandhof mit Unterstützung von Ernteteilern. Foto: Gröönlandhof
„Der Käse ist der Magnet“, sagt Habbena. „Wenn der im Automaten steht, dann geht der Umsatz rauf. Und wenn eine Sorte fehlt, merken wir das sofort am Umsatz.“ Für den Käse holt ein Käsemeister in unregelmäßigen Abständen jeweils bis zu 1800 Liter Milch von den Habbenas ab. Daraus bekommen sie nach sechs Wochen 180 Kilogramm Käse in vier Sorten zurück. Frauke Habbena schneidet ihn in verkaufsfertige Portionen zu und bestückt damit den Automaten. „Zwei Stunden Arbeit am Tag verlangt einem der Käse allein schon ab“, sagt sie. „Aber es ist eine gute Arbeit, weil sie befriedigend ist.“ Das sieht auch Peter Habbena so. „Es ist viel schöner, mit den Kunden direkt über das Produkt sprechen zu können, als wenn nur ein Milchlaster auf den Hof kommt und wieder weg fährt“, sagt der 52-Jährige. „Das ist eine ganz andere Wertschätzung. Und daraus entsteht auch eine viel bessere Wertschöpfung.“

Schweineleasing

Glossar

Auflagen

Betriebe mit Direktvermarktung müssen höhere hygienische Anforderungen erfüllen als andere landwirtschaftliche Betriebe. Unter anderem wird die Milch häufiger kontrolliert. Da in der Regel Rohmilch direkt vermarktet wird, sollten Verbraucher sie vor dem Verzehr abkochen. Schwangeren Frauen wird vom Verzehr von Rohmilchkäse abgeraten.

Gewerberecht

Erlöse aus der Direktvermarktung gelten als landwirtschaftliche Einkünfte, so lange nicht mehr als zehn Prozent davon aus zugekauften oder weiterverarbeiteten Produkten kommen. Liegt der Anteil darüber, muss ein Gewerbe angemeldet werden. Dann werden auch Gewerbesteuern fällig.

Erste Verarbeitungsstufe

Werden die eigenen Produkte gereinigt, sortiert und für den Verkauf hergerichtet, durchlaufen sie die erste Verarbeitungsstufe, nach der sie gewerberechtlich weiterhin Urprodukte bleiben. Bei Fleisch umfasst die erste Verarbeitungsstufe das Schlachten und Zerlegen in Hälften, bei Rindern in Viertel. Zur Urproduktion zählen auch noch Milchprodukte mit mindestens 75 Prozent Milchanteil sowie eingelegtes Obst oder Gemüse und Säfte. Getreide darf gemahlen, geschrotet oder zu Flocken gepresst werden.

Zweite Verarbeitungsstufe

Die Grenze zum Gewerbe ist überschritten, wenn Fleisch zu bratfertigen Stücken, Schinken oder Wurst verarbeitet wird. Ebenfalls „gewerbepflichtig“ sind Kondensmilch und Speiseeis, Brote und Backwaren, Müsli, Liköre und Schnäpse, Nudeln, Konfitüren und Fertiggerichte,

Auf dem Bioland-Hof „Sonnenschein“ von Nadja und Hermann Poppen in Aurich können seit Anfang dieses Jahres Schweine geleast werden. Der Begriff ist etwas irreführend, denn im Gegensatz etwa zum geleasten Auto nimmt man das Schwein nicht mit nach Hause und gibt es am Ende der Laufzeit wieder zurück. Im Gegenteil. Die Kunden kaufen ein Jungschwein und können dessen Aufzucht mitverfolgen. Wenn es geschlachtet wird, dürfen sie das Fleisch mit nach Hause nehmen.

„Wer ein Schwein leasen will, zahlt 150 Euro und unterzeichnet einen Vertrag. Dann gehört das Tier ihm und er kann es in allen Stationen der biologischen Fleischerzeugung begleiten“, erklärt Nadja Poppen. „Außerdem informieren wir ihn über alle Schritte von der Aufzucht bis zur Verarbeitung des Fleisches.“ Neben dem Kaufpreis zahlt der Käufer monatlich etwa 110 Euro für die Versorgung und Pflege des Tieres. Nach zehn bis 13 Monaten ist es schlachtreif. „Der Käufer bekommt dann etwa 100 Kilogramm Fleischprodukte“, so Poppen.

Solawis

Das Kurzwort Solawi steht für „Solidarische Landwirtschaft“. Die Idee dahinter: Eine Gruppe von Verbrauchern schließt sich mit einem oder mehreren landwirtschaftlichen Betrieben zu einer Gemeinschaft zusammen. Die Landwirte versorgen die Gemeinschaft mit Lebensmitteln. Umgekehrt stellen die Mitglieder den Landwirten Geld zur Verfügung, um ohne Verluste wirtschaften zu können. Finanziert wird in der Regel immer ein ganzes Wirtschaftsjahr, damit die Betriebe sicher planen können. Durch die gemeinschaftliche Finanzierung können vor allem kleinbäuerliche Betriebe mit arbeitsintensivem, vielfältigem Angebot gefördert werden.

So ein Betrieb ist auch der Gröönlandhof in Wrisse. Die beiden Landwirte Max Kühne und Thomas Schreier haben den Gemüsehof 2018 zusammen mit Sonia Filip gegründet, Im Frühjahr 2019 wurde die erste Ernte ausgeliefert. Derzeit hat die Verbrauchergemeinschaft 110 Mitglieder, die Filip Ernteteiler nennt. „Das Ziel ist, die Ernteteiler das ganze Jahr über mit Gemüse zu versorgen“, sagt sie. „Die Anteile sind so berechnet, dass sie für eine kleine Familie mit einem Kind reichen sollen. Es gibt aber auch ältere Ehepaare, die sich einen Anteil teilen.“ Der monatliche Beitrag der Ernteteiler beträgt um die 95 Euro. „Es gibt aber auch geheime Bieterrunden, in denen jeder zahlt, was er kann“, so Filip. „Auf diese Weise kann man auch Interessenten beteiligen, die sich einen Anteil sonst nicht leisten könnten. Auch das ist solidarisch an unserem Modell.“ Eine Verpflichtung zur Mitarbeit bei der Ernte gibt es nicht. „Aber viele Ernteteiler helfen von sich aus mit“, sagt Filip. „Gerade aufwändige Ernten wie bei dicken Bohnen oder Erbsen wären mit nur drei Vollzeitkräften gar nicht zu schaffen.“

Für das kommende Jahr haben die Landwirte einen weiteren Acker gepachtet, um mittelfristig bis zu 150 Ernteteiler versorgen zu können. „Wir wollen weiter wachsen, aber langsam“, sagt Filip.

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