Leichtathletik
Der Supermann aus der Wellblechgarage
William Wolzenburg aus Moorhusen ist einer der talentiertesten Leichtathleten Deutschlands. Weil die Halle in Georgsheil zum Impfzentrum wurde, wurde das Wintertraining eine eiskalte Angelegenheit.
Georgsheil - Ein Meister muss nicht immer im schicken Kraftraum, mit modernsten Gerätschaften und digitalen Anzeigen gemacht werden. Leichtathletik-Talent William Wolzenburg vom SV Georgsheil trainierte im vergangenen Winter bei eisiger Kälte in der ungeheizten Wellblechgarage seines Trainers Michael Mücher. Offenbar gestählt von den 50er-Jahre-Bedingungen katapultierte sich der 14-Jährige unlängst an die bundesweite Spitze der Diskuswerfer seiner Altersklasse (U16) und auf Platz zwei der Kugelstoßer. William kam quasi als Supermann aus dem Garagengeviert in Moordorf heraus.
Natürlich entsprang das Hanteltraining unter widrigsten Bedingungen nicht einem ausgeklügeltem Survival-Plan von Michael Mücher. „Es war aus der Not geboren“, sagt der Trainer. Denn ihm war durch Corona die Trainingsstätte abhanden gekommen. „Eines Tages las ich in der Zeitung: ,Georgsheiler Halle wird Impfzentrum‘“, erzählt Mücher. „Da hatten wir ein Problem.“
Garagentraining bei minus zehn Grad
Zwei-Mann-Training wäre ja in der Halle möglich gewesen. Nun musste eine Notlösung her. Mücher besitzt in seinem Haus zwar einen kleinen Kraftraum, aber in Inzidenzhochzeiten wollte sich der 67-Jährige selber auch nicht gefährden. „Also kamen wir auf die Idee mit dem Training in der offenen Garage.“
Vor allem im Februar bei teilweise minus zehn Grad war dort Tapferkeit angesagt. „Ich habe mir Skiunterwäsche und Handschuhe angezogen“, erzählt William Wolzenburg. Auch eine dicke Mütze durfte nicht fehlen. Damit die Finger nicht vor Kälte erstarrten, lagerte sein Trainer die Stange in der warmen Wohnung, ehe die Gewichte in der Garage montiert wurden.
Mindestens einmal pro Woche absolvierte William Wolzenburg das Frischlufttraining unter verschärften Bedingungen. Übungen mit leichteren Gewichten durfte er zu Hause absolvieren. Und echte Würfe machten die Georgsheiler Athleten bei Wind und Wetter auf einem Privatplatz in Kirchdorf.
Deutsche Jahresbestleistung
Nach dieser Art Wintertraining, das seinen Namen auch verdient hatte, erzielte der 14-Jährige kürzlich beim Wettkampf in Kirchdorf Weiten, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Mit 53,40 Metern im Diskuswerfen setzte er sich in der Jahresbestenliste auf Platz eins in Deutschland. 16,06 Meter mit der Kugel bedeuten Rang zwei. „Er ist ein großes Talent“, sagt der Trainer.
Diese Aussage trifft nicht nur auf die Weite zu, sondern auch auf die körperlichen Maße. 1,86 Meter groß, 80 Kilo schwer – damit ist der Gymnasiast in seiner achten Klasse auf dem Auricher Ulricianum die Nummer eins. „Aber ich fühle mich noch klein und möchte weiter wachsen.“ Die Hebel für einen Diskuswerfer sind eben bei zwei Metern Größe noch weitaus günstiger.
Lieblingsspeise ist Tschebureki
Auch ein paar Kilo Gewicht dürfte er dann noch ungeniert zulegen. „Und ich esse auch sehr gerne“, sagt William und lacht. „Am liebsten Tschebureki.“ Diese Leibspeise aus Teigtaschen und Fleischfüllung bereitet ihm die Oma, die in Kasachstan aufgewachsen ist, liebend gerne zu.
Der Enkel entwickelt sich trotz üppiger Mahlzeiten keinesfalls zum ungelenken Hünen. „Er ist ein schneller Typ mit vielen weißen Muskelfasern“, sagt Michael Mücher. „Das wurde William in die Wiege gelegt.“ So wirft der Athlet nicht nur weit, sondern rennt auch die 100 Meter in 12 Sekunden – so schnell wie nur wenige andere 14-Jährige in Niedersachsen.
Erst seit 2018 Ostfriese
Michael Mücher ist froh, solch einen Sportler in seinen Reihen zu haben. William Wolzenburg ist dem SVG quasi zugelaufen. Er wuchs nämlich in Nordhessen auf und erkämpfte erste Leichtathletik-Titel mit seinem Verein in Espenau. Als er mit den Eltern 2018 nach Moorhusen zog, schloss sich William dem SV Georgsheil an und bestritt erst 2019 seine ersten Wettkämpfe in Ostfriesland. Michael Mücher war begeistert: „Das Talent war sofort ersichtlich.“
2020 gewann sein gelehriger und fleißiger Schützling dann schon vier Landestitel. Und für 2021 deuten sich weitere Erfolge an. Wer mag daran zweifeln – nach dem winterlichen Spezialtraining in der Wellblechgarage?!