Gesundheit
Emden fordert Daten aus Delfzijl zu Schadstoff-Belastung
Immer wieder wehen unangenehme Gerüche aus Delfzijl über die Ems. Die Emder Feuerwehr versucht vergeblich, mögliche Schadstoffe nachzuweisen. Die Stadt fordert jetzt Daten aus den Niederlanden.
Emden - Die Messgeräte bleiben stumm. Was nicht heißen muss, dass es nichts zu messen gäbe. Denn die Gerüche, die für Irritationen sorgen und auf ostfriesischer Seite etliche Anwohner beunruhigen, werden von Fachleuten anerkannt und bestätigt - allerdings nur „nasometrisch“, wie Bernd Lenz sagt. Lenz ist Chef der Emder Feuerwehr. Er und seine Kollegen halten regelmäßig ihre Nasen und Schadstoff-Messgeräte in den Wind, der von der anderen Emsseite aus den Niederlanden zu ihnen hinüberweht.
Was sie riechen, aber nicht sichtbar machen können, bereitet vielen Unbehagen: Vermutet werden Chemiefasern, die als krebserregend eingestuft und von einer Produktionsstätte nahe der niederländischen Stadt Delfzijl durch unkontrollierte Explosionen - „Blazer“ genannt - ausgestoßen werden. Die Stadt Emden fordert deswegen jetzt verlässliche Messungen und Aussagen eines Gutachtens aus dem Nachbarland an. Am 2. Juni endet eine entsprechende Frist, sagte Rainer Kinzel in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Umwelt des Emder Rates. Der städtische Fachbereichsleiter fordert: „Gebt uns die Daten!“
Fasern werden bei Explosionen ausgestoßen
Nachdem das potenzielle Umweltproblem auf Emder Seite von der Stadtverwaltung zunächst verneint worden war, kommt sie in einer Stellungnahme jetzt zu einer anderen Einschätzung. Demnach habe eine aktuellere Untersuchung zum Vorschein gebracht, „dass bei einer Explosion mehr SiC-Fasern ausgestoßen werden, als zunächst angenommen“, wie es heißt. SiC steht für Siliziumkarbid, das in der Chemiestätte des Unternehmens ESD-SiC in Delfzijl produziert wird. Der Stoff dient in der Industrie unter anderem zur Herstellung von Halbleitern für Solarzellen.
Die Anlagen in Delfzijl betreibt ESD-SiC bereits seit den 1970er Jahren. Allerdings liegt bislang keine Genehmigung für den Ausstoß von Fasern vor, die bei Explosionen mehrere hundert Meter in die Luft geschleudert und durch den Wind kilometerweit in der Umgebung verteilt werden können. Eine Studie hält einen Radius von etwa zehn Kilometern rund um Delfzijl für wahrscheinlich. Emden und Teile der Krummhörn würden damit erreicht.
Röhrchen weisen 22 Chemikalien nach
Die Bürgerinitiative Saubere Luft Ostfriesland hält die Verschmutzung durch die „Blazer“ für „deutlich gravierender als die Emissionen irgendeiner anderen Produktionsstätte im Industriegebiet bei Delfzijl“, so die Sprecherin Dr. Sandra Koch. Derzeit versucht ESC-SiC, die umweltrechtlich erforderliche Genehmigung für den Ausstoß der Fasern zu bekommen.
Für genauere Erkenntnisse zur Intensität der möglichen Schadstoffbelastung taugen die Messinstrumente der Emder Feuerwehr nur bedingt. Sie seien „zu grob“, sagt Stadtbrandmeister Lenz. Obwohl es also vor Ort stark nach Gummi rieche, so seine Beschreibung, könnten die Partikel in der Luft so weit verdünnt sein, dass die Geräte nichts anzeigen.
Die von der Feuerwehr eingesetzten Röhrchen registrieren ihm zufolge insgesamt 22 verschiedene Chemikalien. Es handele sich um die Stoffe, die „am häufigsten in der Industrie verwendet“ würden. Welche Stoffe in dem Industriegebiet auf niederländischer Seite freigesetzt werden, wissen Lenz und seine Kollegen nicht. Er geht aber davon aus, dass ihre Messinstrumente grundsätzlich geeignet sind: „Direkt an der Quelle würden unsere Prüfröhrchen brauchbarere Ergebnisse zeigen“, so der Stadtbrandmeister.