Soziales

Sie lachen, auch wenn ihnen zum Weinen zumute ist

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 27.05.2021 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Lachen ist Familie Heine (von links Sally, Sascha, Peggy und Sascha) noch nicht vergangen. Fotos: Ortgies
Das Lachen ist Familie Heine (von links Sally, Sascha, Peggy und Sascha) noch nicht vergangen. Fotos: Ortgies
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Familie Heine aus Holtrop ist seit fast 16 Monaten an ein und demselben Ort. Für Schausteller ist das eigentlich unvorstellbar. Sie haben viele schlaflose Nächte hinter sich.

Holtrop - Seit fast 16 Monaten ist Familie Heine jetzt zu Hause. Für normale Familien mag das nichts Besonderes sein. Doch die Heines sind Schausteller. Normalerweise sind sie von März bis Dezember auf Tour. Jahrmärkte und Volksfeste sind ihr Leben. Jetzt hocken Sascha (47) und Peggy Heine (42) mit ihren Kindern Sally (17) und Sascha (12) in ihrem Fehnhaus an der B 72 in Holtrop, das sonst nur als Winterlager dient.

Sie haben das Kinderkarussell auf Vordermann gebracht, alle Schilder geputzt, jedes Scharnier geölt. Sie könnten jederzeit loslegen. Normalerweise wären sie jetzt gerade vom Pfingstmarkt in Bunde zurück. „Die Reiseroute steckt noch im Kopf“, sagt Peggy Heine. Außer dem Kinderkarussell haben sie einen Imbisswagen mit holländischen Pommes, einen Ausschankbetrieb mit hausgemachtem Julischka und eine Losbude. All das steht in und hinter der Scheune des Winterquartiers und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Eigentlich wollten sie ein neues, moderneres Fahrgeschäft anschaffen, das war lange geplant. „Da hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Sascha Heine.

„Das lachende und weinende Gesicht“

Sascha junior zeigt die historische Drehorgel seiner Großeltern.
Sascha junior zeigt die historische Drehorgel seiner Großeltern.
Finanziell haben sich die Heines irgendwie über Wasser gehalten, auch mit staatlichen Überbrückungshilfen. Sie sind noch da. Aber der Schuldenberg ist gewachsen. Viele schlaflose Nächte liegen hinter ihnen. Und immer noch fehlt die Perspektive. Sie wissen nicht, wann das normale Schaustellerleben weitergeht. Ihr Berufsstand sei schlicht vergessen worden, meint Sascha Heine.

Trotz der Sorgen wirkt die Familie nicht niedergeschlagen, sondern optimistisch und lebensfroh. Wie schaffen sie das? „Das ist unser Beruf“, sagt Peggy Heine. Ihr Mann nickt: „Das lachende und weinende Gesicht des Harlekin. Wie oft habe ich schon mit Sorgen an der Bude gestanden und das durfte keiner sehen, und wir haben trotzdem gelacht und den Gästen schöne Stunden bereitet. Das ist unser Naturell.“

Sie will kein Mitleid

„Ich bin überzeugt, dass es immer irgendwie weitergeht“, sagt Peggy Heine. Sie wolle niemandem leidtun, sagt die 42-Jährige. Manchmal werde sie beim Einkaufen von anderen Leuten, die sie sonst nur von der Bude kennen, mitleidig angeschaut wie eine Kriegsversehrte. „Wir sind gesund, das ist die Hauptsache“, sagt die Schaustellerin. „Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“ Schausteller, das sei eine Berufung, sagt ihr Mann. „Man hört damit nicht einfach auf.

Wenn es irgendwann tatsächlich weitergeht, dann seien Volksfeste und Jahrmärkte das beste Anti-Depressivum, für Schausteller und Gäste, meint Sascha Heine. „Was Schöneres gibt’s gar nicht.“ Er hofft auf die Herbstfeste und auf den Weihnachtsmarkt in Aurich. „Ich bin überzeugt, dass die Leute uns überrennen werden“, sagt Peggy Heine. Sie vermisst ihre Arbeit so sehr, dass sie jetzt sogar Lust hätte, morgens um sieben auf dem Zeteler Markt zu stehen und Betrunkenen Pommes mit Mayo zu verkaufen.

„Endlich mal wieder im Wohnwagen schlafen“

Die beiden Kinder wollen trotz allem in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Sohn Sascha kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Tochter Sally, die ihren Realschulabschluss in der Tasche hat, überlegt zwar, eine Ausbildung anzufangen oder Abitur zu machen, aber auch sie liebäugelt nach wie vor mit der Familientradition. Daher freut sie sich wie eine Schneekönigin auf den Fun-Park in Wilhelmshaven ab Ende Juni, einen Jahrmarkt unter Corona-Bedingungen. „Endlich mal wieder laute Musik hören, endlich mal wieder im Wohnwagen schlafen“, sagt Sally.

Jonny Eden ist Pressesprecher der ostfriesischen Schausteller. Trotz aller Einschränkungen kennt er keinen Kollegen, der seinen Beruf aufgegeben hat. „Wir müssen auf die Märkte, jede Woche woanders. Diese Gene haben wir in uns.“ Wegen der sinkenden Infektionszahlen warte man jetzt sehnsüchtig auf ein Signal, dass es wieder losgeht. „Wir hoffen auf das Schützenfest in Esens.“

Das soll im September nachgeholt werden. Danach komme das Emder Schützenfest, dann der Michaelismarkt in Weener und als Höhepunkt der Gallimarkt in Leer. Der Optimismus liegt auch Eden im Blut: „Wir können ja nicht noch ein Jahr ohne Veranstaltungen leben.“

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