Genuss

Wer im Tee rührt, fegt die Leuchtturmstufen

Tobias Rümmele
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Von Tobias Rümmele
| 16.07.2021 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Auf Borkum startet der Heimatverein wieder seine wöchentliche Teestunde. Nach anderthalbjähriger Pandemie-Pause ließen am Mittwoch erstmals wieder Gäste die Kluntjes knacken.

Borkum - Gottfried Sauer steht die Freude ins Gesicht geschrieben, als er nach anderthalbjähriger Pandemie-Pause am Mittwochnachmittag erstmals wieder Gäste zur Teestunde des Heimatvereins im Toornhuus empfangen darf. Die Teestunde ist nicht nur ein Einführungskurs in die ostfriesische Art des Teegenusses, sondern vor allem auch ein Schaufenster in die Kultur der größten Ostfriesischen Insel. Schon seit den 1980er-Jahren wird sie vom Heimatverein veranstaltet. Und so erfolgt die Begrüßung der Gäste auch standesgemäß im heimischen Borkumer Platt. Sauer scheint eine diebische Freude zu verspüren, als er in die verdutzten Gesichter der Gäste blickt. Er lächelt, ehe er zur Übersetzung ansetzt.

13 Gäste sind an diesem Nachmittag erschienen. Eine von ihnen ist Katrin Schink aus Aschaffenburg. Sie ist das erste Mal auf der Insel und vom Angebot der Teestunde begeistert. „Ich habe im Internet davon gelesen und schon von der Fähre aus angerufen, um mich anzumelden“, berichtet sie. Sie selbst sei zwar eine bekennende Teeliebhaberin, doch am Morgen brauche sie stattdessen Kaffee. „Sonst trinke ich am liebsten Kräutertees“, erklärt sie und verrät, dass sie bislang nicht allzu gerne Schwarztee getrunken hat. „Aber vielleicht ändert sich das ja heute“, sagt Schenk. Ein Mann aus Mainz ist nicht zum ersten Mal bei der Teestunde dabei. „Wir kommen seit 20 Jahren nach Borkum“, sagt er. „Vor einigen Jahren haben wir schon einmal hier mitgemacht. Wir fanden es so toll – das wollten wir unbedingt mal wieder tun.“ Auf die Frage ob er im Alltag Kaffee oder Tee bevorzuge, gesteht er offen: „Nur Kaffee!“

„Wer rührt, verliert“

Doch Gottfried Sauer gibt alles, um die Gäste von der Ostfriesenmischung zu überzeugen. Er erklärt die Zusammensetzung und wie die Teeblätter bearbeitet werden. Er erklärt die Kanne und, dass eine Millimeter-dicke Teein-Schicht im Inneren kein Schmutz, sondern erwünschter Aromaspeicher sei. Und er erklärt, worauf Anfänger achten müssen, wenn sie zuhause ihren ersten eigenen Ostfriesentee aufgießen möchten. Sauer stellt den Gästen zwei große Edelstahlkannen auf die Stöfchen, in denen bereits die Flammen der Teelichter glühen.

Die Ostfriesische Rose ziert das Geschirr im Toornhuus. Foto: dpa/Schuldt
Die Ostfriesische Rose ziert das Geschirr im Toornhuus. Foto: dpa/Schuldt

Nun geht es ans Eingemachte. Wie trinkt ein Ostfriese seinen Tee? Sauer schafft es, den Gästen das Zusammenspiel von Kluntje, Tee und Sahne nahezubringen. Und er betont mehrfach, dass das fettigste von allen Fettnäpfchen, in die der Laie treten kann, neben der Tasse liegt: der Löffel. „Wer rührt, verliert“, sagt Sauer und lacht. Wer sich über dieses Gebot hinwegsetze, müsse zur Strafe die Stufen des alten Leuchtturms fegen. Etwas vorsichtig lassen die Gäste die dicken Zuckerkristalle in ihre Tassen fallen, gießen den Tee darüber und lauschen dem Knacken der Kluntje. Als daraufhin auch die Sahne tröpfchenweise ihren Weg in die Tasse gefunden hat, setzen sie zum ersten Schluck an. Nicht jedem steht beim ersten Nippen an der ostfriesischen Spezialität der pure Genuss ins Gesicht geschrieben. Doch schon bei der zweiten Tasse macht sich im Raum immer mehr Gemütlichkeit breit. Der Ostfriesentee entfaltet seine beruhigende Wirkung.

Nun beginnt Sauer von Borkum zu erzählen. Er berichtet von der Geschichte der Insel, von Walfängern und Sturmfluten, von Leuchttürmen und Kriegen. Nach der Veranstaltung sagt er: „Es war ungewohnt nach der langen Zeit wieder die Teestunde auszurichten.“ Zwar sei es für den Heimatverein theoretisch schon früher möglich gewesen, wieder Gäste ins Toornhuus einzuladen, „aber mit Schnutenpulli macht das keinen Sinn“, sagt Sauer. Umso mehr freue er sich, dass es jetzt wieder losgeht. An jedem Mittwochnachmittag können fortan Interessierte die ostfriesische Teekultur und die Insel Borkum in gemütlicher Atmosphäre kennenlernen.

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